Ägypten ist heute ein armes, zum großen Teil unterentwickeltes und von einer Diktatur beherrschtes Land. Die meisten Menschen leben in erbärmlichen Verhältnissen und müssen auf elementare hygienische Bedingungen verzichten. Schmutz umgibt ihre einfachen Behausungen und der Uferbewuchs vieler Wassergräben gleicht einer einzigen Müllhalde. Nichtsdestotrotz offenbart das Alltagsgeschehen immer wieder interessante und emotionale Einblicke in das Leben der Einwohner. Wenn die zahlreichen Kreuzfahrtschiffe zwischen Luxor und Assuan galant die herrliche Nillandschaft passieren, eröffnen sich vom Deck aus einprägende Szenen, die das unverfälschte Landleben widerspiegeln. An einen Pflock angestrickte und gemütlich grasende Kühe, Fischer, die ihre Netze nach Beute in das aalglatte Wasser werfen, verschleierte Frauen, die geschickt mit Wasser gefüllte Krüge auf ihrem Kopf tragen, barfuß am Ufer spielende und freundlich winkende Kinder und Männer in langen Gewändern, die ihre Schaf- und Ziegenherden durch das saftige Grün begleiten oder auf Eseln durch die Landschaft reiten. Ein dichter Palmenbewuchs sorgt zudem für die malerische Kulisse. Wie Zinnsoldaten stehen Minarette am Uferrand und erinnern in den Nachtstunden an Leuchttürme, erstrahlen sie dann nämlich in grellen Farben! Unterbrochen wird die Ruhe nur gelegentlich von Motorengeräuschen. Es handelt sich um Pumpen, die das dringend benötigte Wasser durch Gräben zu den verschiedenen Anpflanzungen leiten.
Der majestätische Fluss stellt die Lebensader des Landes dar, das größtenteils aus Wüste besteht. Er verleiht Leben, sein Wasser erlaubt die notwendige Agrarkultur. Seit jeher hat er die Menschen bewegt, dominiert und auch gepeinigt. Der Nil übt ein wechselvolles Verhältnis mit der Bevölkerung aus und steht an der Wiege einer noch heute faszinierenden Kultur. Vor allem an seinem oberen Lauf beschenkten ihn schon 3.000 Jahre vor Christus die Pharaonen mit gigantischen, von Hieroglyphen überzogenen Steinkonstruktionen, die jährlich Millionen Besucher aus der ganzen Welt anlocken. Recht gut erhaltene Tempel und Gräber zeugen von dem ungebändigten Drang der Könige, ihre Größe und Nähe zu den Göttern auch nach dem Tod aufrecht zu erhalten.
Hochbetrieb auf dem Nil
In der Regel starten die Nilkreuzfahrten in Luxor, das über einen internationalen Flughafen verfügt und aus vielen Teilen Europas direkt angeflogen wird. Etwa 500 Schiffe soll es am Nil geben, die vor allem zwischen Oktober und März täglich Tausende von erwartungsvollen Reisenden in mehr oder weniger anspruchsvollen schwimmenden Hotels bis nach Assuan bringen. An den verschiedenen Anlegeplätzen herrscht immer großes Gedränge, sodass man des Öfteren mehrere Schiffe durchqueren muss, um sein Boot zu erreichen. Lärm empfindliche Menschen sollten schon eine Packung Ohrenstöpsel an Bord haben, können doch nachts, wenn das Schiff am Kai liegt, brummende Motoren den Schlaf rauben. Wenn auch die Schiffskapitäne, laut Angaben der Reiseleiter, Analphabeten sind und ihre Cockpits mit der minimalen technischen Ausrüstung sowie den einfachen Schlafgelegenheiten eher an eine dürftige Matrosenkajüte erinnern, scheinen sie doch durch ihre auf dem Fluss gesammelten Erfahrungen die nötige Navigationskompetenz zu besitzen. Auffallend, dass übrigens kaum Frachtschiffe auf diesem Teil des Nils verkehren.
Luxor ist eine lebendige 250.000 Einwohner zählende Stadt mit mehreren Luxushotels. Spätestens als im November 1922 Howard Carter das Tutanchamun-Grab entdeckte, errang Luxor Weltruhm. 1979 wurde die Stadt mit ihren Monumenten in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Ein ambitiöses Planungsprogramm soll die Attraktivität in den kommenden Jahren erhöhen. So ist bereits eine autofreie Esplanade längs des Nilufers in Ausarbeitung. Zwischen dem Luxor-Tempel und dem Karnak-Tempel, übrigens eine der mächtigsten Anlagen Ägyptens, wird die Sphinxallee ganz freigelegt. In dem Urgott Amun geweihten Tempel von Karnak werden die Besucher von einer Armada an Widdern begrüßt. 134 bis zu 24 Meter hohe Säulen, offene Höfe, Pylontürme, Obelisken und Kapellen mit feinen Reliefs unterstreichen die große kulturelle Bedeutung dieser ein Viertelquadratkilometer großen Anlage. Erst im Gefolge der napoleonischen Expedition wurde das gigantische Erbe der Pharaonen hier neu entdeckt. Imposant wirkt der Obelisk Thutmosis‘ I. Einst schmückten rund 15 dieser an spitze Pfähle erinnernden Steinkolosse den Tempel. Doch sie waren begehrt und wanderten in die Welt hinaus. So ziert u.a. ein Obelisk die Place de la Concorde in Paris und ein anderer den Lateranplatz in Rom. Da Wasser ein wichtiges Element bei der Opfergabe war, wurde ebenfalls in Karnak ein rechtwinkliger Heiliger See angelegt.
Durch das Tal der Könige
Am Fuße der thebanischen Gebirge in der Nähe von Luxor erheben sich geröllige Anhänge, die den Übergang zwischen fruchtbarem Boden und Wüste darstellen. Hier befinden sich spektakuläre Grabstätten der ägyptischen Pharaonen. Rund 1.000 Gräber sind in Theben-West bekannt, wobei natürlich die Anlagen der Oberschicht die größte Aufmerksamkeit erregen. Je nach sozialer Stellung handelt es sich um reich dekorierte Stätten, die mitunter tief in den Felsen hineinragen. Vor allem im Tal der Könige, das sich in der zerklüfteten Landschaft einbettet, können noch sehr gut erhaltene Gräber, die in der Reihenfolge ihrer Entdeckung nummeriert sind, bestaunt werden. Die wichtigsten Stätten werden Merenptah (King Valley 8), Ramses IX. (KV 6), Tutanchamun (KV 62), Ramses V./VI. (KV 9), Ramses III. (KV 11), Tausret/Sethnacht (KV 14) und Thutmosis III. (KV 34) zugeordnet. Unweit des Tals der Könige thronen die 18 Meter hohen Memnonskolosse über dem Agrarland.
Alles wirkt heute friedlich im dreistöckigen Terrassentempel der Hat-schepsut (18. Dynastie, etwa 1479-1458 v. Chr.), am Fuß eines Steilabbruchs des Westgebirges bei Deir el-Bahri gelegen. Einige Reisende erinnern sich noch an den grausamen Morgen des 17. November 1997, als Terroristen eben in diesem Tempel 68 Menschen brutal ermordeten, darunter 38 Schweizer. Mit einem etwas mulmigen Gefühl gehen sie langsamen Schrittes auf die Totenstätte zu. Doch der Anblick des monumentalen Tempels lässt die schrecklichen Ereignisse langsam vergessen. Die dritte Terrasse umfasst nicht weniger als 26 Pfeiler. Gemäß der Geburtslegende hat der Gott Amun Hatschepsut selbst mit der Absicht gezeugt, sie als Frau zum Pharao über ganz Ägypten zu erheben.
Von Luxor gleitet das Schiff dann gemächlich über den Nil weiter nach Edfu, dort wo der Horus-Tempel auf dem Programm steht. 237 v. Chr. begannen die insgesamt 180 Jahre dauernden Bauarbeiten der von Ptolemaios III. in Auftrag gegebenen, heute noch gut erhaltenen Anlage mit einer Größe von 10.500 Quadratmetern. Die unzähligen auf einer Fläche von 7.000 Quadratmetern angebrachten Texte vermitteln einen Eindruck über die alltäglichen Rituale und den mythologischen Hintergrund des Heiligtums. Ptolemaios XII. (115/107–51 v. Chr.) zeichnete verantwortlich für die Vollendung des Tempels. Im von Säulen umgebenen Hof wurden viele kleine Altäre für Brandopfer aufgerichtet. Wie in den meisten Tempeln befindet sich der aus einem Block geschnittene Granitschrein zur Aufbewahrung des Kultbildes im Allerheiligsten. Dieser Raum ist mit einem Kranz von 13 Kapellen umgeben, wo weitere Gottheiten verehrt wurden. Zwei Kapellen sind der berühmten ägyptischen Gottheit Osiris, dem Vater des Horus, gewidmet. Der Höhepunkt dieses Tempelgeschehens ist der ewige Kampf zwischen Gut und Böse. Im Namen der Götter soll Horus den gewalttätigen Seth unterwerfen.
Von Assuan nach Abu Simbel
Entlang der bezaubernden Kulisse des Nils, wo manchmal auch kurze Einblicke in die Wüstenlandschaft geboten werden, geht die Reise weiter nach Kom Ombo, etwa 45 Kilometer nördlich von Assuan gelegen. Rund 160 Jahre wurde hier am Doppeltempel der Ptolemäer, der im direkten Uferbereich liegt, gebaut; römische Kaiser vervollständigten das Bildprogramm. Diese Anlage weist zwei Mittelachsen auf. Zwei Götterfamilien haben sich in Kom Ombo zu einer Einheit zusammengefunden. Eine herrliche direkte Beleuchtung lässt besonders in den Abendstunden die Pracht dieser Heiligenstätte erkennen.
Eine der schönsten Städte Ober-ägyptens ist sonder Zweifel Assuan, letzte Station auf der Nilreise. Sie zeigt mitunter europäische Standards auf und besticht vor allem durch ihre Lage am größten (oder zweitgrößten?) Fluss der Erde. Hier teilt sich der Nil in viele Inseln auf, deren Granitfelsen stolz aus dem von der heißen Sonne beleuchteten Wasser herausragen. Assuan ist vornehmlich bekannt durch den riesigen 1960 erbauten neuen Hochdamm, der zur Schaffung des weit in das sudanesische Gebiet reichenden 500 Kilometer langen und 164 Milliarden Kubikmeter fassenden Nassersees führte.
Mit dem Motorboot erreicht man den auf einer Insel gelegenen Isis-Tempel von Philae, angelegt zu Ehren der Göttin der Liebe sowie ihrem Brudergemahl Osiris und dem gemeinsamen Sohn Horus. Bis zur 26. Dynastie (664-525) reichen die ältesten Teile der Heiligenstätte zurück. Mit dem Hadrianstor und dem Trajans-Kiosk sind auch römische Spuren zu erkennen. Die Anlage war infolge des Staudammbaus 1972 innerhalb von 30 Monaten auf eine andere Insel verlegt worden. Eine weitere Sehenswürdigkeit ist der unvollendete 1168 Tonnen schwere Obelisk, östlich des Nubischen Museums und des alten Friedhofs aus der Fatimidenzeit (909-1171) gelegen. In Assuan sollte man unbedingt eine Fahrt mit einer Feluke, ein kleines Segelschiff, unternehmen, mit der man gemütlich die zahlreichen schönen Inseln, wie die Pflanzeninsel, erkunden kann. Auf dem Westufer erhebt sich, wohl abgeschirmt vom touristischen Rummel, das Aga Khan III.-Mausoleum.
Zu den Höhepunkten einer Nilkreuzfahrt gehört sonder Zweifel die Besichtigung der beiden Felstempel Ramses’ II. (1303-1213) nahe der kleinen Ortschaft Abu Simbel, nur etwa 50 Kilometer von der sudanesischen Grenze entfernt. Die Tempel sind bequem von Assuan per Flugzeug oder für Hartgesottene in einem Buskonvoi zu erreichen. Die fast vier Stunden dauernde Fahrt quer durch die Wüste beginnt um vier Uhr morgens und sorgt zwar für nicht viel Abwechslung, beschert dem Besucher aber als Entgelt unvergessene Eindrücke einer gigantischen Tempelanlage, die zwischen 1964 und 1968 auch bedingt durch den Bau des Staudamms auf einen anderen Ort verlegt worden war. Vier 20 Meter hohe Kolossalfiguren thronen vor dem großen Heiligtum, wo sich Ramses bereits zu Lebzeiten als Gott darstellte. Der zweite Tempel ist Hathor von Ibschek und Nefertari, der irdischen Erscheinungsform der großen Liebesgöttin, geweiht.
Wenn auch der Reisende in diesem Teil Ägyptens dem Phänomen Massentourismus nicht entkommen kann, bieten sich doch einige begrenzte Möglichkeiten, sich aus dem organisierten Menschenknäuel zu lösen. Diese wenigen Momente sollten schon genutzt werden, um kurz in das authentische ägyptische Leben einzutauchen. Abseits der gepflasterten Touristenpfade eröffnen sich dann andere Erkenntnisse. Leider ist nicht überall der Zugang zum Dorfkern möglich, da die Polizei aus Sicherheitsgründen Sperren errichtet. Eine Konsequenz des sehr umstrittenen Systems Mubarak.
Wer Anhänger einer faszinierenden alten Kultur ist und den Kontakt zu gigantischen Tempelanlagen sucht, kombiniert mit entspannenden Momenten bei herrlichem Wetter, ist auf einer Nilkreuzfahrt jedenfalls bestens aufgehoben.
› Gusty Graas




