Mehrere hundert Menschen, vorwiegend Frauen, hatten sich am Montag anlässlich der Zelebrierung des internationalen Tages gegen weibliche Genitalverstümmelung im Konferenzzentrum auf Kirchberg eingefunden, um gemeinsam mit Großherzogin Maria Teresa sowie zahlreicher Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben aktuelle Informationen zum Thema Genitalverstümmelung von Frauen zu bekommen.
„Das, was wirnoch immer zulassen“
Der Abend offenbarte sich als sehr bewegend. Die Somalierin Waris Dirie, selbst Opfer und prominente Kämpferin gegen die Genitalverstümmelung, hielt lediglich eine kurze Ansprache, in der sie verständlich machte, dass es nicht akzeptabel sei, dass wir alle immer noch über ein solches Thema diskutieren, dass es eine solche Grausamkeit in der Welt noch immer gäbe. Schlimm wäre es, dass wir immer noch zulassen, dass dies passiert, dass man Kinder und Frauen verstümmelt. Kein Kind und keine Frau dürften mehr leiden, und der Weg dorthin sei die Förderung der Frauenbildung. Es sei sehr schlimm für sie selbst gewesen, durch eine Verstümmelung zur Frau zu werden, aber heute sei sie glücklich, eine Frau zu sein.
Der Präsident der Stiftung Follereau, Jean Hilger erklärte die Zusammenhänge zwischen Genitalverstümmelung und tabuisierter Sexualität. Das Kind in Afrika gehöre der Gemeinschaft, und nicht nur den Eltern, und die Gemeinschaft könne ein Mädchen verstümmeln, sogar gegen den Willen der Eltern. 8.000 kleine Mädchen seien täglich betroffen, die Kinder können sich nicht wehren, und ihre Schreie bringen die Erwachsenen nicht zur Vernunft.
Die Stiftung Follereau sei durch ihre Arbeit vor Ort mit Genitalverstümmelung konfrontiert, denn es sei nicht möglich, in Afrika aktiv zu sein und sich nur um Leprakranke zu kümmern. Man müsse den ganzen Menschen sehen und in Mali unterstütze die Stiftung Frauengruppen, die sich gegen Genitalverstümmelung einsetzen. Jean Hilger begrüßte, dass sich so viele Menschen hier am 6. Februar mobilisieren lassen, er habe sich nämlich schon die Frage gestellt, ob wir zu reich und zu bequem geworden sind, um uns noch für eine solche Misere mobilisieren zu können.
Betroffenheit
Die Frauenärztin Annick Conzemius, die bereits in Afrika und auch in Luxemburg Opfer von Verstümmelungen betreute und auch hier in Luxemburg schon Patientinnen untersuchte, die das grausame Ritual erlitten hatten, bezeugte, dass sie, als sie zum ersten Mal eine Frau gesehen habe, die beschnitten und zugenäht worden sei, fast in Ohnmacht gefallen sei.
Sie habe geglaubt, dass sie es mit einer schlimmen Missbildung zu tun hättee. In Luxemburg sei sie eher mit leichteren Formen der Beschneidung konfrontiert. Die Genitalverstümmelung sei ein furchtbares Trauma, mit tödlichen Konsequenzen wie Tetanos, Aids und Verblutungen, schmerzhaften Vernarbungen und Schwierigkeiten beim sexuellen Verkehr. Auch führe das Ritual zu zahlreichen Komplikationen bei Geburten, es müsse unbedingt bekämpft werden.
Das Kind verliertdas Vertrauen in die Familie
Der belgische Professor Jean-Jacques Amy unterstrich seinerseits die Bedeutung des psychologischen Traumas für die betroffenen Mädchen. Diese werden nicht vorgewarnt, sie werden einfach irgendwo hingeführt, auf eine Toilette zum Beispiel, und von engen Familiengehörigen festgehalten, um diese Tortur zu erleiden.
Sie verlieren damit das Vertrauen in die eigene Familie, sie haben Alpträume sowie Phobien, die mit den Geschlechtsorganen zu tun haben. Jean-Jacques Amy lieferte erschütternde Einzelheiten über Frauen, die als kleine Mädchen zugenäht werden, vor ihrem ersten Geschlechtsverkehr dann wieder mit einem Messer geöffnet und auch nach einer Geburt manchmal wieder aufs Neue zugenäht werden.
Kampagnenzeigen ihre Wirkung
Aus dem Rundtischgespräch, an dem sich ebenfalls Boubacar Niang und Diarra Kadiatou Danogo aus Mali beteiligten, ging hervor, dass die weltweiten Sensibilisierungskampagnen jedoch ihre Wirkung zeigten. Beschneidungen werden heimlich vorgenommen, sie sind nicht mehr mit öffentlichen Initiationsriten verbunden. Ganze Dorfgemeinschaften verzichten auf die Beschneidung, die Zahl der Opfer geht auch zurück, wann auch oft nur geringfügig, aber immerhin um 10%. Auch in Europa wurden Ärzte für die Problematik sensibilisiert.
Annick Conzemius war der Ansicht, dass hier in Luxemburg zum Thema Extraterritorialität Gesetze erlassen werden müssen, was bedeute, dass Afrikaner ihre Mädchen auch nicht während eines Aufenthaltes im Heimatland beschneiden lassen dürfen. Allerdings wies sie darauf hin, dass die Bestrafung durch das Gesetz nicht der einzige Weg sei. Eine Patientin, die sich ihr anvertraue, könne nicht einfach denunziert werden.
Allgemein wurde seitens der Teilnehmer an diesem Rundtischgespräch bemerkt, dass es bei weiblicher Genitalverstümmelung darum gehe, Frauen einen untergeordneten Platz in der Gesellschaft zuzuweisen. Man nehme sich des Themas nicht an, genauso wie man sich vor Jahrzehnten in Europa des Themas der versteckten Abtreibungen nicht angenommen habe. › Colette Mart



