Offenbar ist es sehr kompliziert einmal verabschiedete Tarife, auch wenn sie sich als zumindest überteuert, wenn nicht sogar als unsozial herausstellen, wieder gerade zu rücken. Die administrativen Wege seien zu lang. Jedenfalls lauteten so die Argumente der Leitung und des Verwaltungsrates des Zivilhospizes Hamm auf einer Heimversammlung, nachdem Verbraucherschutz und „Patiente Vertriedung“ auf Drängen von Heimbewohnern und von deren Angehörigen eine zum Teil dreißigprozentige Mieterhöhung öffentlich gemacht haben und den Widerstand dagegen koordinieren.
In einem knappen Brief hatte die Direktorin die Heimbewohner im Dezember darüber informiert, dass die Zimmermieten von unter 2.000 Euro (laut Patiente Vertriedung), die bisher auch eine Reihe von Zusatzleitungen abdeckten, mit Wirkung zum 1. Januar für ein Zimmer mit Dusche und WC auf 2.467 Euro und für ein Zimmer mit Dusche, WC und Balkon auf 2.661 Euro steigen werden. Dadurch sehen sich viele Senioren gezwungen höhere Belastungen oder einen Umzug in eine andere Einrichtung in Kauf zu nehmen.
Gestern hatte die „Patiente Vertriedung“ ihre Argumente gegen die Entscheidung der Heimleitung in Hamm noch einmal in einer Pressekonferenz vorgetragen.
Eine Unterredung mit Sozialschöffin der Hauptstadt, Viviane Loschetter (déi Gréng), einerseits und der „Patiente Vertriedung“, der Verbraucherschutzorganisation ULC und dem hauseigenen Sprecherrat der Heimbewohner andererseits anfangs Januar sei quasi ergebnislos verlaufen. Das Zivilhospiz sei zwar eine städtische Einrichtung, dessen Verwaltungsrat sei aber nicht weisungsgebunden, hätte die Argumentation von Frau Loschetter geheißen. Dass die Sozialschöffin in Zukunft einen Finanzkontrolleur einsetzen und das Haus auf eine analytische Buchführung umstellen will, stellt aus Sicht der „Patiente Vertriedung“ das Eingeständnis eines Missmanagements dar, dessen Folgen die Bewohner übernehmen müssten. Viviane Loschetter war gestern aus terminlichen Gründen für eine Stellungnahme dazu nicht zu erreichen.
„Miserable Kommunikation“
Massiv wird die Kommunikationspolitik der Heimleitung kritisiert, die die Heimbewohner per Brief vor vollendete Tatschen stellen wollte. So könne man nicht mit Menschen, alten Menschen, die viel für die Gesellschaft geleistet haben, sich heute aber nicht mehr recht wehren können, umgehen, so die Vertreter der „Patiente Vertriedung“.
Die Erklärungen von Seiten des Betreibers für die Tariferhöhung – hohe Personalkosten, Renovierungskosten, über lange Jahre unveränderte Tarife – rechtfertigen dieses Vorgehen laut der „Patiente Vertriedung“ und den Heimbewohnern nicht, auch weil der Service des Hospizes nicht den geforderten Preisen entspreche. Auch Vergleiche mit anderen Hospizen der Stadt, etwa der Fondation Pescatore, verglichen Äpfel mit Birnen, deren Service sei bei kaum höheren Preisen um ein vielfaches Besser als in Hamm. Im Hospiz auf dem Rham-Plateau lägen die Mietpreise bei 2.100 bis 2.300 Euro, etwa so hoch wie beim Konkurrenten Servior, der aber auch einen besseren Service biete.
Was früher gratis warkostet heute
Mit der Preiserhöhung sollen die Bewohner auch neue Mietverträge unterzeichnen. Nicht zuletzt aus dem Grund, um auf die Art und Weise Leistungen aus dem Angebotspaket zu nehmen. Seien die Heimbewohner bisher vom Pflegepersonal etwa zu einem (externen) Arztbesuch oder auf eine Behörde gratis begleitet worden, würde diese Hilfe in Zukunft mit 78,80 Euro in Rechnung gestellt.
Statt kostenloser Getränke (d.h. durch die Mietzahlung bezahlte) auf den Zimmern, werde für die Zukunft auf die Cafeteria verwiesen. Angesichts der Tatsache, dass alte Menschen oft zuwenig trinken, sei dies eine besonders unsinnige Maßnahme. Wer zukünftig auf einen Balkon verzichten will, kann in ein einfaches Zimmer umziehen – zu Umzugskosten von 500 Euro. Der Mietpreis sei, so die „Patiente Vertriedung“, alles andere als „all-inclusive“.
Auch die Aufforderung, dass die greisen Heimbewohner ihre Beschwerden bei Hospizleitung oder Verwaltungsrat per eMail (!) vorbringen sollen, zeige das mangelnde Verständnis für die Bedürfnisse der alten Menschen.
Nur noch Pflegefälle?
Die „Patiente Vertriedung“ äußerte die Vermutung, dass das Zivilhospiz, das als reines Pflegeheim eingestuft sei, im Gegensatz zu einem integrierten Alters- und Pflegeheim (CIPA), keinen Wert mehr auf noch autonom agierende Heimbewohner legt und nur noch auf reine Pflegefälle setzt, für die auch höhere Pflegegelder zu erzielen seien.
Heimbewohner und Familienaghörige hätten es gegenüber der „Patiente Vertriedung“ so formuliert: „Das Haus hat keine Seele mehr!“.
› pw
Zivilhospiz Hamm - Preiserhöhungen bei gleichzeitigen Service-Streichungen?


