ECHTERNACH
JOS MASSARD

Der 1893 bei Olingen erlegte Wolf war nicht der letzte - Eine Aufarbeitung in drei Teilen (II)

In der Sitzung der luxemburgischen Abgeordnetenkammer vom 16. März 1899, in der die Prämien für die Ausrottung der Wölfe und anderer schädlicher Tiere zur Debatte stehen, wird vor allem über die Wildschweine geredet.

Laut Ansicht einiger Abgeordneten, an erster Stelle Dr. Michel Welter, müssten diese ebenfalls als schädliche Tiere eingestuft werden. Dann könnten für ihre Vertilgung auch Prämien ausgezahlt werden, wie im Falle der Wölfe, „deren es ja hierzulande keine mehr gebe“, wie Dr. Welter sich ausdrückte: „… depuis un certain nombre d’années, je crois qu’il n’y a plus de loups dans le pays“.

Drei junge Wölfe im Mai 1899 im Grünewald

Dieses Statement sollte knapp zwei Monate später durch folgenden Bericht der „Obermosel-Zeitung“
in der Rubrik „Chronik aus der Hauptstadt“ Lügen gestraft werden:

„Am verfl. Samstage [13. Mai 1899] sahen mehrere Arbeiter des Morgens in aller Frühe auf dem Wege zur Stadt in Oberneudorf in dem Beffortschen Walde ein flüchtendes, von einem dem Anscheine nach größeren Hunde verfolgtes Tier, welches in seiner übergroßen Angst Schutz hinter der gegenüber liegenden Weberschen Wohnung suchte. Ob nun ein Hund oder gar ein Wolf das Tier verfolgte, konnten die Leute in ihrer Unkenntnis in Waidmannssachen nicht bestimmt aussagen, obschon das letztere nicht so ganz unwahrscheinlich sein konnte, da man tags vorher im Grünenwald in den Eugen von Bochschen Besitzungen ein angebrochenes totes Reh im Tannendickicht vorgefunden hatte. Man hatte den Kadaver entfernt und einige vergiftete größere Brocken am Luderplatze zurückgelassen; das Ergebnis blieb nicht aus. Am nächsten Tage fand der Hilfsförster zwei tote junge Wölfe vor, während ein drittes Wölfchen, das man einfing, und dem man Brechmittel eingab, gerettet wurde und in einem zoologischen Garten untergebracht werden soll.“

Wolfsfreies Land?

Dem Bericht, den die 2. Sektion der Abgeordnetenkammer im Dezember 1903 zum Staatsbudget 1904 vorgelegt hat, ist zu entnehmen, dass ein Abgeordneter den Wunsch geäußert hat, „die Statistik über die während der drei letzten Jahre getöteten Wölfe“ zu sehen.

In seiner Stellungnahme zu dieser Anfrage deklariert der Generaldirektor des Innern Henri Kirpach in der Sitzung der Abgeordnetenkammer vom 17. März 1904: „Quant aux loups, heureusement le pays en est débarrassé“.

Vorläufig hat der Mann Recht. Denn in den folgenden Jahren gibt es in der Tat nur noch Meldungen aus den Nachbargebieten, so im Februar 1907 aus der Eifel, wo im Dorfe Nidrum (heute Belgien) ein Wolf einen an der Kette liegenden großen Hund bis auf den Kopf aufgefressen haben soll. In Luxemburg herrscht derweil Funkstille, aber nur bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges.

Anfang November 1914 kommt nämlich die überraschende Meldung, ein glaubwürdiger Naturfreund habe zwischen Aspelt und Altwies aus einer Entfernung von 50 bis 60 Metern einen Wolf beobachtet, ein starkes Prachtexemplar, das in ausspähender Haltung auf einem Felsvorsprung stand und sich mit einem Male in schnellstem Tempo zurückzog.

Französische Wölfe flüchten vor dem Krieg

„Das Tier ist durch die bekannten Umstände [Kriegsgeschehen in Lothringen und im Elsass, d. Verf.] in die hiesigen Wälder verschlagen worden“, so der Kommentar der „Obermosel-Zeitung“. Dass es damals in Frankreich noch ein Reservoir an Wölfen gab, davon zeugt die Tatsache, dass im Jahre 1910 zwei Wölfe im Département Meuse und vier in den Vogesen erlegt worden sind.

Dienstrevolver fürLandbriefträger zum Schutz vor Wölfen

Im Dezember 1914 wird von einem stattlichen Wolf, der sich in der Nähe der bei Insenborn gelegenen Höfe Neuhof und Burgfried aufhalte, berichtet. Am 10. Februar 1917 veröffentlicht das „Luxemburger Wort“ beunruhigende Nachrichten aus der Gegend von Diekirch.

Ein Landbriefträger habe tags zuvor auf seinem Rundgang in der Nähe von Longsdorf drei Wölfe zu Gesicht bekommen. Auch Ortsbewohner hätten die Tiere gesehen. Daraufhin seien die Landbriefträger des Diekircher Postamtes mit einem Dienstrevolver ausgerüstet worden.

Sichtungen im ganzen Land

In der Folgezeit werden Wölfe aus den verschiedensten Teilen des Landes gemeldet: Folkendingen, Erpeldingen, Tandel, Consdorf, Bürden, Burglinster, Blascheid, Hostert, Heispelt und Roedgen. Alles nur Einbildung?

Teil 1: Der Mythos vom letzten Wolf