Als Wissenschaftshistoriker beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit dem Thema Wolf und habe hierüber auch mehrere Artikel veröffentlicht, den ersten im Jahre 1985. Hierin wurde unter anderem richtig gestellt, dass der so genannte „letzte Wolf“ in Luxemburg am 24. April 1893 vom damaligen Untersuchungsrichter Edouard Wolff auf dem „Kiem“ bei Olingen erlegt worden ist, und nicht am 24. April 1892, wie dies auf einer 1937 am Ort des Geschehens angebrachten gusseisernen Gedenkplatte steht.
Die rezente Diskussion über eine mögliche Rückkehr des Wolfes in unsere Gegenden, hat mich dazu bewogen nachzuforschen, ob der Schuss im Olinger Wald wirklich, wie bisher - auch von mir - angenommen, als Schlusspunkt des Kapitels Wolf in Luxemburg zu gelten hat. Hierzu durchforstete ich an erster Stelle die in Frage kommenden Jahrgänge der von der Nationalbibliothek in den letzten Jahren digitalisierten Zeitungen: „Luxemburger Wort“, „Tageblatt“ und „Obermosel-Zeitung“. Und siehe da, ich wurde fündig, und zwar in dem Maße, dass das Kapitel „letzter Wolf in Luxemburg“ komplett revidiert werden muss!
Zahlreiche Wolfsmeldungen zwischen 1893und 1895
In den belgischen Ardennen sollen im Oktober 1893 „ganze Rudel“ von Wölfen aufgetreten sein. Mitte Mai 1894 wird auf der Bahnstrecke Saarburg-Metz im Walde bei Mittersheim ein Wolf vom Zug überfahren, und gegen Ende des Monats stößt der Feldhüter Thill von Lenningen in der Nähe von Ehnen, im „Wormeldinger Lohbusch“, auf einen jungen Wolf, der in einem dortigen Kleefeld sein Lager aufgeschlagen hatte. Im Dezember 1894 erblicken zwei Förster aus Mersch im „Buerggruef“ im „Merscherwald“ ein Tier, das sie als Wolf identifizieren. Als solcher steht er auch auf einer Liste, die der Merscher Arzt und Naturkundler Dr. Ernest Feltgen im Jahre 1901 publiziert hat; 1902 aber macht derselbe einen Rückzieher und schreibt nun, er könne „mit dem besten Willen“ nicht dafür einstehen, ob die beiden Förster wirklich einen „leibhaftigen Wolf“ gespürt hätten.
Im Januar 1895 werden Wölfe in den verschiedensten Gegenden des Landes erblickt: Zwischen Lenningen und Canach, auf Fort Thüngen bei Luxemburg, unweit von Grevenmacher beim Schorenshof und an einigen Stellen des Öslings. Zwei Wölfe werden in der Nähe von Bech gesehen und ihre Spuren bis über die Gemarkungen der Ortschaft hinaus verfolgt. Im Februar 1895 gibt es weitere Wolfsmeldungen, aus Grevenmacher, Bigelbach, Aspelt, Buschdorf, Niederdonven, Bergem, Remich usw. - Hunger, der den Wolf in diesen besonders kalten Wintermonaten aus dem Walde treibt, oder pure Wolfshysterie? „Von den Wölfen, welche man überall im Lande gesehen haben will, ist bis heute keiner erlegt worden“, gibt die „Obermosel-Zeitung“ zu bedenken. Das „Luxemburger Wort“ formuliert seine Zweifel noch drastischer: „…die Winterwölfe fangen allmählich an, wieder ihre wahre Natur zu zeigen, indem sie sich als Hunde entpuppen“; nur in Rodendurg habe ein wirklicher Wolf sich gezeigt und seine Echtheit dadurch bewiesen, dass er ein Schaf stahl. Ob es sich im Falle Rodenburg wirklich um einen Wolf gehandelt hat, dafür gibt es keinen eindeutigen Beweis.
Ein Wolf im Februar 1895 bei Schoenfels erlegt
Ganz anders verhält es sich mit dem Bericht, den die ansonsten recht kritische „Obermosel-Zeitung“ am 26. Februar 1895 veröffentlicht hat: „Schoenfels, 21. Febr. - Der Privatförster des Herrn Baron v. Goethals erlegte gestern in den hiesigen Waldungen ‚bei der Schäferei‘ einen Wolf. Meister Isegrimm, der hier und in der Umgegend seinerzeit viel Aufsehen erregte, war bereits einige Tage vorher in eine Falle geraten, aus welcher er sich jedoch mit vielen Anstrengungen befreite. Ein glücklich geführter Schuss des Herrn Thiry befreite ihn von seinen Leiden.“ Das „Luxemburger Wort“ bestätigt die Meldung in seiner Wochenrundschau: Zu Bech wurden zwei Wildschweine geschossen, zu Hassel ein 270 Pfund schwerer Keiler und „zu Schönfels gar ein wirklicher Wolf“.
Wirft man einen Blick über die Landesgrenze, so stellt man fest, dass auch dort etwa um dieselbe Zeit Wölfe erlegt worden sind. Aus dem belgischen Grenzgebiet bringt die Zeitung „L’Avenir du Luxembourg“ am 2. Februar 1895 die Nachricht, ein Bauer aus Stockem bei Arlon habe soeben einen Wolf, der in seinen Stall eingedrungen war, niedergestreckt. Das tote Tier sei mit Blättern und Girlanden verziert durch Stadt und Land getragen worden, und der Träger habe dabei einen schönen Batzen Geld eingesammelt.



