LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Philosophische Ansätze

Seit der Wirtschaftskrise 2009 scheint sich das System Europas so langsam zu erholen. Dass eine Krise in der Zukunft aber auszuschließen ist, das wird wohl niemand unterschreiben wollen. Fragen wir heute nach der Rolle der Philosophie in Bezug auf Marktwirtschaft und deren Krisenherde – wo kann die Geisteswissenschaft hierbei genutzt werden?

Philosophische Erkenntnistheorie hat vor allen Dingen eines gezeigt: Wir Menschen können nicht alles wissen, wir haben einen begrenzten Verstand. Es ist uns nicht möglich, alle Zusammenhänge, die zum Konstrukt Wirtschaft und Finanzen dazugehören, gleichermaßen zu kennen und zu verstehen. Die Komplexität, die das Wirtschaftssystem mittlerweile aufzuweisen hat, ist derart verworren, dass nicht einmal mehr Problem und Lösungsansatz voneinander zu unterscheiden ist. Nach der Warnung, dass wir unsere Potenz zur Kontrolle und Verständnis der wirtschaftlichen Dynamik nicht überschätzen sollten, fragt sich nun: Worin bestehen die Probleme der Marktwirtschaft? Welche Ansätze haben sich eventuell als kontraproduktiv erwiesen? Sind Deregulierung, Privatisierung oder Globalisierung wirklich Lösungen oder bedingen sie die eigentlichen Probleme? Wahrscheinlich gehen hier die Meinungen weit auseinander, welches ganz gezielt eins hervorheben dürfte: Es hängt von dem jeweiligen Paradigma der normativen Ordnung unserer Gesellschaft ab. Die aristotelische Triade gibt eine solche Struktur vor – Ethik, Politik und dann Ökonomie, um eine gute und funktionierende Gesellschaftsform zu ermöglichen. Die Legitimation und Sinnhaftigkeit eines Systems ergibt sich erst dadurch.

Heutzutage ist dies aber nicht mehr so klar voneinander zu trennen. Mit der wirtschaftlichen Effizienz geht die moralische Enthemmung und die institutionelle Entfesselung des tendenziell selbstreferenziellen marktwirtschaftlichen Systems einher, wie Peter Ulrich, emeritierter Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik in St. Gallen schreibt. Der gesellschaftliche Zweck rückt somit in den Hintergrund – hat Gerechtigkeit der ökonomischen Produktivität zu weichen? Die Philosophie hakt nach: Was ist überhaupt an der Ideologie des freien Marktes dran? Muss vielleicht hieran gerüttelt und reformiert werden? Müssen neue ethische Normen her?

Auch eine wirtschaftliche Struktur braucht regulative Ideen, um den längerfristigen Nutzen für die Gesellschaft zu garantieren. Der eigentliche Zweck der Ökonomie sollte nämlich im aristotelischen Ansatz gelesen werden: Die Erfüllung eines gelingenden Lebens für alle Menschen – die Marktwirtschaft ist in diesem Sinne ein „sittliches Unternehmen“, wie der emeritierte Professor für Philosophie und Ökonomik Karl Homann es ausdrückt. Eine Idee muss sich aber auch realisieren lassen. Durch romantische Vorstellungen allein kann keine Wirtschaft funktionieren. Kann philosophische Reflexion eine Hilfe zur Orientierung darstellen und hierfür Leitlinien bieten, auch um Funktionsstörungen bestmöglich vorzubeugen?

Auch hier setzt die Analyse beim Eigentlichen an. Wie entsteht denn eigentlich die Krise? Auch hier kann man nur auf die menschlichen, allzumenschlichen Irrungen und Wirrungen verweisen. Neben Gier zählt sicherlich Überschätzung zu den katalysierenden Momenten einer Wirtschaftskrise. Wer kann schon behaupten, die Komplexität der Märkte und deren Risiken wirklich zu verstehen oder gar zu steuern? Sind wir noch immer zu leichtgläubig und wagen uns mit blinder Naivität an Diagnosen und Prognosen? 2008 war dies mit Sicherheit der Fall, 2018 tönt es in ähnlichen Melodien seitens der Finanzexperten. Natürlich treibt es die Märkte an, wenn Risiken eingegangen und Chancen wahrgenommen werden, unser aller Wohlstand basiert darauf. Wie Hartmut Kliemt, Professor an der Frankfurt School of Finance and Management es ausdrückt: Eine zu lange anhaltende positive Entwicklung führt zu einem fatalen Mangel an Skepsis und Selbstkritik. Die Politik zeigt falsches Vertrauen in Lobbyisten und Experten – gibt es seitens der Regierenden objektive und kompetente Mediatoren auf diesen Gebieten? Kommt dazu noch das leicht gedruckte Geld, einige Bläschen hier und da, die individuelle Gier und die finanzpolitische Selbstüberschätzung, sind die Bedingungen für die schwelende Krise geschaffen.

Doch auch der staatliche Interventionismus kann nicht die Lösung sein, wie Kliemt ausführt. Kann der Rückgriff auf die Ethik Lösungen anbieten? Nun, die Zauberformel gibt es auch hier wohl kaum, jedoch lassen sich etwa Lösungsansätze andenken, nach denen das Dogma des eigensinnigen marktwirtschaftlichen Systems abgelöst werden könnte, wie Ulrich es beschreibt. Solange nämlich noch die marktwirtschaftliche Effizienz über eine zivilisierte Marktwirtschaft, bei der der Bürger vor dem Markt zu kommen hat, als Selbstzweck bestehen bleibt, wird der ideologische marktradikale Wirtschaftsliberalismus nicht ethisch tragbar sein. Erst wenn der Markt Mittel zum Zweck wird, um den Menschen ein erfülltes und gerechtes Zusammenleben zu ermöglichen, kann dies als das eigentliche Ziel wieder verfolgt werden. Die Philosophie als Gedankenwissenschaft kann in ihrer analytischen Vorgehensweise hier ansetzen. Wie ist das Zusammenspiel von Moral und Ökonomie denkbar? Wie wäre eine neue Ordnung zur Versorgung mit Gütern und Geldern zu konzipieren? Gäbe es gar die Möglichkeit einer Finanzmarktverfassung, nach das Funktionieren des Marktes im Dienste der Allgemeinheit gewährleistet wäre, wie Ulrich es vorschlägt?

Je komplexer die Problematik, desto mehr Gedankenspagate sind gefragt. Es scheint eine gewisse Scheu davor zu geben, der Sache auf den Grund zu gehen. Verschließen wir aber wieder einmal die Augen vor den bereits deutlich sichtbaren Signalen, ist eine neue Krise kaum zu umgehen. Ob die Märkte, Banken und Länder sich aber tatsächlich bereits genug von der Letzten erholt haben, um eine Neue stemmen zu können, das dürfte ebenfalls dem methodischen Zweifel zu unterwerfen sein.