LUXEMBURG
SVEN WOHL

Facebook- und Twitternutzer sind Werbung müde - Doch ist Ello eine reelle Alternative?

Ein neues soziales Netzwerk inszeniert sich als Alternative zu Facebook und Co.: Ello erlaubt keine Werbung, verkauft nicht die Informationen seiner Nutzer und setzt auf ein schlichtes Design. Die Medien reden bereits vom „Anti-Facebook“ und das Netzwerk wächst gewaltig. 30.000 Neuanmeldungen kommen pro Stunde herein. Doch was sagen Insider dazu? Jerry Weyer, Digital Communication Consultant bei Clement & Weyer, sagt im „Journal“-Interview seine Meinung:

Ello hat 30.000 Neuanmeldungen pro Stunde - Das klingt doch ganz gut, oder?

Jerry Weyer Das ist nicht schlecht - für ein neues soziales Netzwerk ist es wichtig, schnell möglichst viele Benutzer anzuziehen, damit die neue Plattform auch „bewohnt“ wirkt. Um sich im Vergleich mit etablierten Netzwerken durchzusetzen braucht es allerdings Ausdauer. Bei 30.000 Neuanmeldungen pro Stunde braucht Ello noch über fünf Jahre, bis es die User-Anzahl von Facebook erreicht hat.

Wie stehen denn die Chancen, dass sich Ello neben Größen wie Facebook und Twitter etablieren kann?

Weyer Facebook hat sich über Jahre etabliert, während Twitter noch dabei ist, sich zu etablieren. Gegen die 1,32 Milliarden Benutzer von Facebook kommt ein neues Netzwerk wie Ello nur an, wenn es seinen Benutzern einen Mehrwert bietet, den die großen Plattformen nicht bieten können. Beim momentanen Stand der Entwicklung bietet Ello leider nicht einmal Basis-Funktionen wie das Teilen von Beiträgen oder Taggen von Fotos. Die mobile Version ist wenig ausgereift und die Benutzung allgemein umständlich. Keine guten Voraussetzungen die Aufmerksamkeit der neuen Benutzer langfristig aufrecht zu halten. Einziges Alleinstellungsmerkmal bei Ello soll die werbefreie Oberfläche und der Datenschutz sein - ob das reicht um zu einer reellen Alternative zu werden bezweifele ich.

Schutz der Daten und keine Werbung, gleichzeitig wird Venture-Capital angezogen - ein Widerspruch?

Weyer Nein, nicht unbedingt - wenn ein alternatives Geschäftsmodell vorliegt. Problematisch wird es dann, wenn das Geschäftsmodell der Plattform undurchsichtig ist. Ein Venture-Capital Unternehmen will mit seiner Investition Geld verdienen. Ello muss in Zukunft seine Plattform monetarisieren. Soll das nicht wie auf anderen Plattformen über Werbeanzeigen oder den Verkauf von Benutzerinformationen passieren, so muss man sich fragen auf welcher Basis das Venture-Capital investiert wurde. Klären die Entwickler von Ello nicht in nächster Zukunft über ihre Monetarisierungspläne auf, müssen wir uns Gedanken machen, ob das Versprechen am Ende keine Benutzerinformationen zu verhökern, nicht vielleicht doch wackeln könnte. Vertrauenserweckend ist das Verheimlichen der Monetarisierungspläne jedenfalls nicht.

Ist überhaupt noch Platz für ein soziales Netzwerk, das eigentlich nur die Features von Facebook und Co. kopiert?

Weyer Plattformen, die sich nur auf das Kopieren der Etablierten beschränken, werden es schwer haben. Warum sollte ich zu einem Facebook-Klon wechseln, wenn doch eh alle meine Freunde auf Facebook sind? Kein Wunder, dass Plattformen wie StudiVZ von der Bildfläche verschwinden. Um gegen Facebook bestehen zu können, braucht es Innovationsgeist; mit Copy-Paste kommt man gegen den Giganten nicht an.