TRIERCHRISTIAN SPIELMANN

Innovative Neuinszenierung des Musicalklassikers „Hair“ im Theater Trier

Riesige Gucci-Einkaufstüten hängen von der Bühnendecke herunter. Männer in schicken Kostümen schreiten einher, Damen aus gutem Hause streiten sich um Schuhe. Eigentlich sollte im Theater Trier am vergangenen Samstagabend die Premiere von „Hair“ sein. Oder etwa nicht? Vielleicht doch, denn ein farbig gekleideter Hippie (Matthias Stockinger) mit langen Haaren taucht auf und stellt sich als Berger vor.

Der Song „Donna“ wird von der Truppe gesungen, die ihre teuren Kleider auszieht. Das Lied „Hashish“ scheint zu demonstrieren, dass sich zwei verschiedene Generationen in Sachen Drogenkonsum nicht unterscheiden. Der Intendant des Theaters, Gerhard Weber vergleicht das Flower-Power-Jahr 1968 mit der , auch wenn „Hair“ eigentlich ein Anti-Kriegs-Musical mit der Musik von Galt McDermot und einem Buch und Texten von Gerome Ragni sowie James Rado aus dem Jahr 1968 ist. In Trier veränderte Peter Oppermann das Buch - zum Positiven hin.

Gegen das Establishment

Das Musical beginnt stets mit dem Lied „Aquarius“, nur nicht in Trier, wo es erst als dritter Song das Zeitalter des Zeichens des Wassermanns einläutet, bis endlich alle Akteure in Hippiekleidern auf der Bühne stehen. Die Songs werden auf Englisch gesungen, während die Dialoge in Deutsch sind. Weitere Parallelen zwischen den beiden Epochen werden gezogen: z. B. ist Sex („Sodomy“) mit all seinen Varianten enorm wichtig, Farbige haben es in der Gesellschaft nach wie vor nicht leicht- in Trier taucht zum Song „I’m Black“ von Hud (Luis Lay) der Ku-Klux-Klan auf.

Der aus „Manchester England“ stammende Claude Hooper Bukowski (Jörn-Felix Alt) hat sein Einberufungsschreiben erhalten und weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Er hat Angst vor dem Krieg, aber auch vor der Strafe, die ihm als Kriegsverweigerer blühen würde.

Die Hippies um Berger, Woof (Daniel Kröhnert), Hud, Sheila (Nadine Eisenhardt), Crissy (Alina Wolff), Jeannie (Yvonne Braschke) und Dionne (Barbara Ullmann) protestieren gegen den Militäreinsatz im Vietnam und wollen, dass Claude seine Einberufung verbrennt und desertiert. Erst einmal geht der visuelle Protest gegen das Establishment weiter. Riesige Rasenmäher und Bügelbretter visualisieren das brave Familienleben, wie auch Videoprojektionen von idyllischen Familienbildern.

Fast „Hair“

Der erste Akt ist ganz klar ein anderes „Hair“ als die Originalproduktion, mit einem bizarren Chemieunterricht von Berger und Woof zum Thema „Produktion von LSD“, einer Filmparodie auf „Titanic“ und ein von der Polizei niedergeknüppelter friedlicher Protest zu „Hare Krishna“.

Regisseur Weber überrascht sicher mit seiner eigenen Vision von „Hair“, aber nur rund 50 Prozent der Texte wurden umgeschrieben. Einzig das Ambiente wurde verändert. Der zweite Akt ist dann fast zu 100% „Hair“. Höhepunkt ist die Vision Claudes im Drogenrausch von seinem Einsatz im Vietnam. Skurril und beängstigend kommt diese Szene zu u. a. „Three-Five-Zero-Zero“ rüber, mit Anspielungen auf die Unabhängigkeitskriege unter George Washington - Berger eingehüllt in die US-Flagge. Auch in Trier überlebt Claude seinen Einsatz zwischen „Good Morning Starshine“ und „Let the Sunshine in“ nicht, dem unsterblichen Song über die Hoffnung auf bessere Zeiten.

Matthias Stockinger kann erneut zeigen, dass er ein ausgezeichneter Musical-Darsteller ist. Jörn-Felix Alt überzeugt mit guter Stimme und schauspielerischem Talent als scheuer Claude, der eigentlich nur unsichtbar bleiben will; Luis Lay gefällt als Hud.

Von den Darstellerinnen gefallen am besten Nadine Eisenhardt und Yvonne Braschke. Das ganze Ensemble hat sich mit Herz und Seele ins Jahr 1968 zurückversetzt und macht aus „Hair“ wegen der innovativen Vision des Kreativteams ein überaus sehenswertes Musical.
Weitere Informationen und Termine: www.theater-trier.de