LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Mathias Foehr ist Präsident eines neuen Think Tanks für Kryptofinanz

Interview mit Mathias Foehr, Präsident des im Mai gegründeten Think Tanks Hiero asbl, das sich mit Finanzinnovationen und insbesondere Kryptofinanz beschäftigt. Mathias Foehr selbst arbeitete nach einem Studium als Ingenieur bei Münchener Re, der Spuerkeess und Deloitte. Seit zwanzig Jahren ist er als Finanzmathematiker und IT-Berater selbständig.

Ihre Initiative Hiero asbl hat einen griechischen Namen und kümmert sich um Finanzen. Was machen Sie?

Mathias Foehr Hiero ist eine Abkürzung von Hieronimus, also die griechischen Hohepriester, die die Verträge der griechischen Stadtstaaten aufbewahrten. Und Kryptofinanz ist eine Technik, die bewerkstelligt, dass abgeschlossene Verträge nicht unbemerkt geändert werden können. Daher der Name Hiero. Die Hiero asbl ist ein Think Tank zur Verbreitung von Kryptofinanz in Luxemburg und betreibt in diesem Bereich auch Forschungs- und Beratungstätigkeiten. Gegenüber herkömmlichen Buchungsmethoden bietet Kryptofinanz Finanzinstituten eine bessere Rationalisierung und Absicherung.

Wer will bei der Kryptofinanz mitmachen?

Foehr Die Frage ist wohl eher: Wer muss mitmachen? Wenn wir so reich bleiben wollen, wie wir sind, müssen wir als Luxemburger wieder innovativ werden. Die Banken haben gar keine Wahl, weil Google, Microsoft und andere Konzerne heute in den Finanzsektor drängen. Der Zwang ist da. Die großen Softwarehersteller wollen zwar heute die Banken als Kunden gewinnen. Aber gleichzeitig wollen sie mittelfristig mit den Banken in Konkurrenz treten.

Warum Kryptofinanz, wir haben doch Fintech?

Foehr Kryptofinanz heißt, dass kryptographische Routinen, also mathematische Verschlüsselungsalgorythmen, im eigentlichen Programm integriert sind, um die Sicherheit zu gewährleisten. Während die klassischen Finanz-Systeme dadurch gesichert werden, dass sie auf global gesicherten Computer laufen. Kryptofinanz heißt, dass das Programm sich selber sichern kann. Die meisten heutigen Fintech-Produkte sind keine Kryptofinanz. Kryptofinanz ist immer Fintech, genauer gesagt es ist die Fintech der Zukunft. Kryptofinanz-Technologie erlaubt eine viel bessere Absicherung der Finanzgeschäfte als klassische IT-Technologien, sogar wenn diese kryptographisch abgesichert sind. Kryptofinanz erfordert eine umfangreiche - de facto komplette - Umstellung der Normen und der Programme. Dieser gewichtige technologische Sprung erklärt, warum die IT-Giganten gerade jetzt, bei der Einführung der Kryptofinanz, ihre Chance wittern im Finanzsektor einzusteigen.

Gibt es internationale Standards in der Kryptofinanz?

Foehr Es gibt zu Zeit nur wenige und ungenügende Standards. Wer den Markt führen will, muss auch innovieren. In Luxemburg wurde immer wieder innoviert. So wird die Rolle der Cedel - heute Clearstream - bei der Entstehung des Finanzplatzes unterschätzt. Auch die Cedel innovierte, und zwar durch eine schnellere und kostengünstigere Abwicklung von Wertpapiergeschäften. Wir schätzen, dass diese Krypto-Finanz-Standards in den nächsten fünf Jahren entstehen werden. Um als Finanzplatz zu bestehen, muss Luxemburg Teil dieser Entwicklung sein.

Sie sprachen vorerst Cedel an. Was haben denn Cedel und Hiero gemeinsam?

Foehr Hiero hat die Vermarktungsmethode, die Cedel in ihrem Anfangsstadium hatte. Das eigentliche Businessmodell und noch mehr die Technologie sind aber grundverschieden. Cedel entstand aus einer luxemburgischen Initiative um Bankdirektor Edmond Israel und Finanzberater René Schmitter.

Dieses Team propagierte die Idee, dass die Luxemburger Banken ihre Wertpapiergeschäfte mit Hilfe der zu gründenden Kooperative Cedel in Eigenregie abwickeln sollten, anstelle dieses Geschäft der Brüsseler Filiale einer Großbank abzugeben. Damals haben gerade die Großbanken die Gründung der Cedel unterstützt, um nicht die Abwicklung ihrer Wertpapiergeschäfte an einem direkten Konkurrenten abzutreten. Wie bei der Cedel übernehmen auch bei der Hiero-Initiative internationale Akteure außerhalb Europas eine Katalysatorrolle.

Wie sind denn die Chancen von Luxemburg auf diesem Gebiet?

Foehr Kryptofinanz ist so wichtig dass kein Teilnehmer marktbeherrschend sein darf und sein wird. Bei der Wertpapierabwicklung wollten die wichtigen Akteure nicht einem Konkurrent den Vortritt überlassen. Daraus entstand das Gemeinschaftsprojekt Cedel. In Sachen Kryptofinanz werden wir eine ähnliche Haltung der Banken gegenüber großen IT-Aktoren wie Google, Apple oder Microsoft erleben. Luxemburg als neutraler Finanzplatz hat seine Chancen und die Hiero Initiative wurde gegründet, um sie wahrzunehmen.

Welche Produkte werden mit Kryptofinanz entstehen?

Foehr Kryptofinanz ist beispielsweise ideal zur Verwaltung von Fonds-Anteilen. Und hier ist Luxemburg Marktführer und kann und muss Standards setzen. Die Technik der Kryptofinanz funktioniert dabei wie ein Schließfach und ermöglicht den Vergleich zwischen buchhalterischen Angaben und den ausgegebenen Fondsanteilen. Das bedeutet übrigens keine totale Offenlegung. Wie viele Fondsanteile aber insgesamt im Umlauf sind, ist für jedermann genau überprüfbar.

Wer setzt Kryptofinanz ein?

Foehr Die ersten Banken haben sich in Kryptofinanz engagiert. So setzt die Commonwealth Bank of Australia, eine Bank mit 44.000 Angestellten, bereits ein Kryptofinanzsystem bei Zahlungen zwischen Filialen ein. Banco Santander hat jedoch heute schon 20 direkte mögliche Anwendungen identifiziert und ist dabei, einige davon zu implementieren. Auch Goldman Sachs hat erhebliche Summen in Kryptofinanz investiert. Im Bereich circular economy, also der ökologisch vorsichtigen Verwaltung von wichtigen Rohstoffen, laufen Studien zur Einführung von Kryptofinanztechnologie. Und auch die amerikanische Federal Reserve studiert unter dem Namen „Digital Value Transfer Vehicle“ das Konzept.

Was sind die nächsten Schritte?

Foehr Im Moment sind die Leute erst einmal froh, dass wir Fragen beantworten können. Wir knüpfen Kontakte und wollen wachsen. Ein erstes wichtiges internationales Projekt in China dürfte sich in nächster Zeit konkretisieren.

Wir plädieren dafür, dass der Staat in Luxemburg Open-Source, also die freie Verfügbarkeit vom Quellcode, favorisiert. Open-Source gewährleistet Neutralität. Jede Kryptofinanz-Norm braucht eine Neutralitätsgarantie. Kein Finanzinstitut wird die Abwicklung seiner Geschäfte einer Technologie anvertrauen, von der es befürchtet, dass sich ein anderer Akteur ihrer bemächtigen könnte.