ROBERT KIRSCH

In der Schule lernt jeder lesen und schreiben. Dies ist eine gängige Vorstellung, die so nicht stimmt. Internationale Studien (PISA, PIAAC) zeigen, dass europaweit jeder sechste 15-Jährige sowie 16- bis 65-Jährige trotz jahrelangen Schulbesuchs nicht die nötigen Lese- und Schreibfähigkeiten besitzt, um eine Gebrauchsanweisung zu lesen, ein Formular auszufüllen oder eine kleine Notiz zu verfassen. Illettrismus ist auch hierzulande eine triste Realität. Es braucht ohne Zweifel größere Anstrengungen, um die Betroffenen zu erreichen und sie durch geeignete Bildungsangebote zu motivieren, ihre Lese- und Schreibschwäche zu überwinden.

„Wenn Menschen trotz langjährigen Schulbesuchs nicht oder nur schlecht lesen und schreiben können spricht man von Illettrismus. Der Begriff verweist auf die Unfähigkeit, schriftliche Informationen zu nutzen, um persönliche Ziele zu erreichen und sein Wissen zu erweitern. Sei es Zuhause, im Beruf oder in der Gesellschaft. In Luxemburg gibt es bedauerlicherweise kaum nennenswerten Statistiken oder Studien zum Thema Illettrismus. Die PISA-Studie zeigt allerdings in regelmäßigen Abständen, dass auch hierzulande rund einer von sieben 15-Jährigen nach mehr als zehn Jahren Unterricht nicht über Basisfähigkeiten im Lesen und Schreiben verfügt. In Ländern wie Deutschland, Frankreich oder der Schweiz geht man davon aus, dass rund 15 Prozent der Bevölkerung von Illettrimus betroffen sind. Dies wären auf Luxemburg übertragen mehr als 86.000 Menschen und entspräche in etwa der Anzahl sämtlicher Schüler vom ,Précoce‘ bis zur Sekundarschule! Illettrismus ist längst kein Randphänomen mehr.

War es vor einigen Jahren in manchen Sparten noch möglich, ohne größere Schriftkenntnisse eine Arbeitsstelle zu finden und zu behalten, so verschwinden diese Nischen zusehends. Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien halten überall Einzug und setzen meist gute Lese- und Schreibfähigkeiten voraus. Erwachsene, die des geschriebenen Wortes nicht mächtig sind, stehen zunehmend vor unüberwindbaren Hindernissen in ihrer Rolle als Eltern, Bürger, Konsument, Teilnehmer am kulturellen und sozialen Leben, und so weiter. Da die Betroffenen Scham verspüren, suchen sie selten Hilfe auf. Sie versuchen ihre Lese- und Schreibschwäche oft mit viel Geschick zu verbergen. Die meisten sind auf die Hilfe von Familienmitgliedern oder Bekannten angewiesen, um den Alltag zu meistern.

Luxemburg nimmt zurzeit nicht teil an internationalen Studien zum Thema Illettrismus. Als Grund wird oft die besondere Sprachsituation unseres Landes genannt. Es wäre jedoch möglich, diese zu berücksichtigen. Es braucht jedenfalls mehr Forschung, um zu verstehen, wie viele und welche Menschen in Luxemburg von Illettrismus betroffen sind, warum sie in der Schule nicht elementare Lese- und Schreibfähigkeiten erworben haben, welche Beeinträchtigungen sie im Alltag erleben und wie die bestehenden Maßnahmen in Anspruch genommen werden und ob sie ausreichen.

In einer Wissensgesellschaft riskieren von Illettrismus betroffene Menschen an den Rande der Gesellschaft gedrängt zu werden. Doch eine Lese- und Schreibschwäche ist keine Fatalität. Durch geeignete Angebote kann Betroffenen geholfen werden. Ein großer Gewinn für den Einzelnen und die Gesellschaft!“