LUXEMBURG
MARCO MENG

„Auslagerung der An- und Abfluglotsen vom Findel wäre ein Unding“

Im April streikten die Fluglotsen in Belgien: Laut luxemburgischer Fluglotsenvereinigung LACA ein „Zukunftsszenario für Luxemburg“, denn Transportminister François Bausch hatte im Parlament einen Gesetzentwurf (Nr. 6895) eingebracht, mit dem die EU-Richtlinie zum „Single European Sky“ (SES) in nationales Recht umgesetzt werden soll. Die EU-Richtlinie sieht vor, dass die Luftraumkontrolle bestimmte Aufgaben teilweise oder ganz an andere Anbieter auslagern kann. Auch die Piloten als Nutzer der Air Traffic Services haben Bedenken, was eine Auslagerung der Radarlotsen betrifft, sagt Dirk Becker, Generalsekretär der Pilotenvereinigung ALPL.

Was kritisieren Sie genau?

Dirk Becker Es ist richtig, dass es im Bereich der europäischen Flugsicherung einen Flickenteppich gibt mit vielen unterschiedlichen Kontrollzentren. Hier ist vor allem der mittlere und obere Luftraum betroffen. Gerade im oberen Luftraum, wo der Großteil der kommerziellen Verkehrsluftfahrt abgewickelt wird, besteht Bedarf einer Harmonisierung wie zum Beispiel im Rahmen des Single European Sky Prozesses, was wir auch unterstützen. Aber genau dieses Problem betrifft Luxemburg nicht, denn der mittlere und obere Luftraum ist bereits hier internationalisiert. Der mittlere Luftraum zwischen 5.000 m und 7.500 Metern wird schon seit Jahren durch die belgische Flugsicherung kontrolliert, während der obere Luftraum ab 7.500 Meter über Luxemburg schon seit sehr vielen Jahren durch die europäische Flugsicherung in Maastricht kontrolliert wird.

Also könnte man ja sagen, im oberen Luftraum funktioniert es doch, warum soll es dann nicht auch bei der Anflugsicherung funktionieren?

Becker Es würde bestimmt irgendwie funktionieren. Nur ist die Frage, welchen Sinn es macht, die Dienstleistung, die für die Nutzer des Luftraums erbracht wird - also die Piloten und damit die Fluggesellschaften - auszulagern. Noch haben wir in Luxemburg die Radarlotsen vor Ort. Das funktioniert auch sehr gut, denn hier gibt es wegen der Flexibilität der Lotsen vor Ort im Gegensatz zu vielen anderen Flughäfen eigentlich keine Slots (Zeitnischen), höchstes, wenn das Wetter zu schlecht ist. Ansonsten kann man sicher sein, wenn man den Findel anfliegt, dort auch landen zu können. Die Gefahr, die wir sehen, ist die, dass wenn diese Dienstleistung zu Belgocontrol oder zur deutschen Luftsicherung ausgelagert würde, wo man keinen Bezug zum Findel und dem hiesigen Logistikhub hat, solche Zeitfenster, in denen man den Findel anfliegen darf, zunehmen. Der Himmel ist bei der Flugsicherung in Sektoren aufgeteilt, wo geregelt ist, wie viele Flugbewegungen innerhalb eines Zeitraums durchgeführt werden können, in der Regel wird jeder Sektor von drei Lotsen überwacht, und jeder Lotse braucht für bestimmte Sektoren eine Zulassung. Was, wenn aus irgendeinem Grund in Maastricht oder Langen nicht genug Leute für den luxemburgischen Sektor da wären? Dann würde man die Anzahl der Flugbewegungen hier beschränken. Das alles kann man eher beeinflussen, wenn die Fluglotsen hier vor Ort sind. Die Lotsen vor Ort sehen wir als Standortvorteil, der bei einer Auslagerung aufgegeben würde. Warum etwas aufgeben, was sich bewährt hat, zumal gar keine Veranlassung zur Auslagerung besteht?

Ist die Kritik nicht verfrüht oder sogar ungerechtfertigt? Die EU-Richtlinie gibt ja nur die Möglichkeit, dass ausgelagert werden kann, mehr nicht.

Becker Ich denke, man sollte früh genug auf mögliche Probleme aufmerksam machen. Darum geben wir Piloten unsere Sichtweise der Dinge wieder, denn ich bin nicht sicher, ob alle Beteiligten sich wirklich der Tragweite bewusst sind, die eine mögliche Auslagerung nach sich zöge. Wir nutzen täglich den Service der Anfluglotsen, wir schätzen ihn, und wir können mit anderen Flughäfen vergleichen. Die Abflugkontrolle hier vor Ort ist für Piloten und Fluggesellschaften von Vorteil.

Studie

Synergien bei der Luftverkehrskontrolle

Demnächst soll eine vom „Ministère du Développement durable et des Infrastructures“ in Auftrag gegebene Studie präsentiert werden, die zeigen wird, ob es eventuelle Synergien mit Nachbarländern hinsichtlich der Luftverkehrskontrolle geben kann. Auch die Frage einer möglichen Auslagerung der An- und Abfluglotsen ist ein Thema darin. Will die Flugsicherung Tätigkeiten auslagern, bedarf es allerdings auch nach der EU-Richtlinie stets der Genehmigung des zuständigen Ministers, in diesem Falle der von Transportminister François Bausch. Diese Woche präzisierte Bausch in seiner Antwort auf eine entsprechende Frage des LSAP-Abgeordneten Roger Negri, dass ihm nun Gutachten von Belgocontrol und der Deutschen Flugsicherung vorliegen. Diese würden im parlamentarischen Nachhaltigkeitsausschuss am 9. Juni vorgestellt werden. MM