THUN
CHRISTIAN SPIELMANN

Dürenmatts „Der Besuch der alten Dame“ als Musical bei den Thuner Seespielen

Das Dorf Güllen hat seine beste Zeit hinter sich. Mit dem Besuch der steinreichen Claire Zachanassian (Pia Douwes) hoffen der Bürgermeister Matthias Richter (Hans Neblung), der Polizist Gerhard Lang (Norbert Lamla), der Lehrer Klaus Brandstetter (Ethan Freeman) und der Pfarrer Johannes Reitenberg (Dean Welterlen) auf bessere Zeiten, dank einer finanziellen Spritze der alten Dame.

Claire willigt ein, der Bevölkerung zu helfen: Zwei Milliarden stellt sie in Aussicht. Dafür muss jedoch ihr einstiger Liebhaber Alfred (Uwe Kröger) sterben. Alfred ist mit Mathilde (Masha Karell) verheiratet und hat zwei Kinder. Er hofft, dass Claire ihm verzeihen kann, dass er sie damals im Stich gelassen hat. Doch Claire bleibt hart. Jetzt stellt sich für die Obrigkeit die Frage, ob sie für solch eine enorme Summe einem Mord zustimmen kann. Und Geld macht ja bekanntlich blind!

Viel Symbolik

Das Bühnenbild von Heinz Hauser steckt voller Symbolik. Der Boden der über dem Wasser stehenden Bühne ist mit Monopoly-Feldern bedeckt. Einige sind mit Kreuzen durchgestrichen, was heißt, dass es diese Straßen oder Gebäude nicht mehr gibt. Baugerüste sind ineinander verkeilt. Es steht Wasser auf der Bühne - der Name des Dorfes erinnert ja an Gülle! Die Bewohner tragen Gummistiefel und graue Kleider. Tristesse hat sich breit gemacht.

Claire taucht in Begleitung ihrer drei Bodyguards und ihres schwarzen Panthers auf. Ihr Angebot lässt die Einwohner schnell zu geldgierigen Haien werden, denen, ein Mord gerade gelegen kommt. „Gerechtigkeit“ heißt es plötzlich aus aller Munde - selbst aus denen von Alfreds Kindern -, denn das was Alfred der damals schwangeren Siebzehnjährigen angetan hat, verdient einen neuen Prozess, ein Urteil und eine Vollstreckung. Am Bühnenrand taucht immer wieder das einstige Liebespaar auf (Shari Lynn Steven und Bernhard Viktorin), und das Publikum entdeckt die schlimmen Ereignisse.

Andreas Gergen gelingt es, die tragische Geschichte mit viel Ironie und auch mit tollen Tanzszenen, die der Show Broadway-Flair verleihen, zu mischen .

Erste Sahne

Pia Douwes ist eine Spitzensängerin. Mit viel Einfühlungsvermögen spielt sie diese kalte Frau, die nicht über ihren Schatten springen kann und zu spät erkennt, dass ihr Alfred noch etwas bedeutet.

Uwe Kröger gehört zur Top-Garde der europäischen Musical-Darsteller. Er kann nicht nur brillant singen, sondern mimt diesen hin und her gerissenen Händler mit all seinen Gefühlswallungen. Masha Karell kennen die Luxemburger noch als Grizabella aus „Cats“. Mit „Ich schütze dich“ singt sie den schönsten Song der Show. Hans Neblung, Ethan Freeman, Norbert Lamla und Dean Welterlen sind erfahrene Schauspieler, die in absoluter Perfektion spielen und singen. Elisabeth Hübert (Jane in „Tarzan“) wirkt übrigens im Ensemble mit, und „DSDS“-Gewinner Luca Hänni wird den jungen Alfred am 24., 25., 31. Juli und 1. August spielen.

Tolle Kompositionen

Die Musik von Moritz Schneider geht sehr gut ins Ohr, mischt Rock/Pop mit Walzer und gefühlvollen Nummern. Großartige Songs sind die Duette „Sturm der Liebe“ und „Liebe endet nie“ zwischen Claire und Alfred und die Ensemble-Nummern „Sie ist seltsam“, „Gerechtigkeit“, „Tempel der Moral“ und „Ungeheuerlich“, der in der Choreografie von Simon Eichenberger zu einem irischen Stepptanz ausartet. „Der Besuch der alten Dame“ ist ein großartiges Musical mit tollen Songs, großen Gefühlen, flotten Choreografien und einem Schuss Ironie.
Weitere Informationen unter:
www.thunerseespiele.ch