LUXEMBURG
MARCO MENG

Deloitte-Konferenz beleuchtet Vergangenheit und Zukunft der luxemburgischen Finanzbranche

Ein unrühmliches Ereignis hat dieses Jahr ein zehnjähriges Jubiläum: Die internationale Finanzkrise, die ab 2007 weltweit die Märkte erschütterte. Wie hat sich Luxemburgs Finanzbranche seitdem entwickelt? Und wie sieht die Zukunft aus? Das wurde gestern auf einer Konferenz des Beratungsunternehmens Deloitte Luxembourg beleuchtet. Dabei ging es vor allem darum herauszufinden, in welche Richtung es in Zukunft geht. Viel hängt vom britischen Ausscheiden aus der Europäischen Union ab. Wie Finanzminister Pierre Gramegna gestern auf der Konferenz unterstrich, gehe es Luxemburg vor allem darum, Brücken nach London zu bauen.

Gut erholt

Luxemburgs Finanzsektor wuchs seit 2007 um 3,7 Prozent - zehn Mal schneller als der Finanzsektor des restlichen Europas. Nach Angaben von Deloitte wurden in diesem Zeitraum auch 7.500 neue Arbeitsstellen in der Branche geschaffen, die 27 Prozent zur luxemburgischen Wirtschaftsleistung beiträgt. Trotz Wachstum gibt es aberv auch Hürden: Denn während die Fondsindustrie und Versicherungen steigende Profite vermelden, ist die Profitabilität bei den Banken um 0,7 Milliarden Euro gefallen. Vieles in Luxemburg hängt nun davon ab, wie sich der Brexit gestaltet.

Die britisch-amerikanische Ökonomin Linda Yueh, die an der London Business School und der Oxford University lehrt, sieht zahlreiche Möglichkeiten, wie der Prozess des Ausscheidens aus der EU ablaufen und welche Einigungen gefunden werden könnten. Bleibt Großbritannien im Binnenmarkt? Eher nicht. Erhalten britische Firmen ähnlich wie norwegische oder schweizerische einen besser Marktzugang zur EU? Vielleicht. Es wäre für britische Unternehmen jedenfalls sehr wichtig, meinte Yueh. Doch wie ist es mit der Arbeitnehmerfreizügigkeit, die daran geknüpft ist? Gerade das wollten die Brexit-Befürworter doch einschränken, um die „Immigrationskontrolle“ zurückzuerhalten. Oder kommt es zu einer Zollunion wie mit der Türkei? Auch dann wäre es den Briten nicht möglich, individuelle Handelsvereinbarungen zu treffen, was aber mit ein Grund für den Brexit war.

Hier Kompromisse zu finden, werde sehr schwierig, weshalb Yueh auch damit rechnet, dass bis 2019 erst die Rahmenbedingungen festgelegt werden, zu denen der Brexit dann stattfinden kann. Und auch dann ist längst nicht alles gemeistert: Großbritannien ist zwar Mitglied der Welthandelsorganisation WTO, allerdings nur als Teil der EU. Ist es das nicht mehr, müsste es Handelsabkommen mit 160 WTO-Mitgliedern schließen, und hundert Tarife zwischen EU und dem Vereinigten Königreich müssten geteilt werden. Yueh wies darauf hin, dass es bei den meisten Regelungen allerdings um Güterhandel geht, nicht um Im- und Export von Dienstleistungen. Gerade die aber sind wichtig für die britische Finanzbranche.

Sonderregelung für Dienstleistungen?

Die „Passport“-Frage, also der EU-Marktzugang, ist für britische Finanzinstitute essentiell. Zudem stelle sich auch die Frage der Regulierungen. Werden nach dem Brexit dort die gleichen Vorschriften gelten - oder andere? Das würde den ganzen Markt beeinträchtigen. In Zukunft werden den Zentralbanken und der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) als „Bank der Zentralbanken“ größere Bedeutung zukommen, obwohl die Zentralbanken in den letzten Jahren ohnehin schon eine stärkere regulierendere Rolle über die reine Preisstabilität hinaus bekommen hatten. Hinzu kommt: Erlaube man Finanzdienstleistern, sich „die Rosinen herauszupicken“, indem für sie ein leichterer Marktzugang geschaffen wird, wollen gewiss andere Unternehmen genauso behandelt werden.

Gerade der Brexit macht das derzeit diskutierte Dienstleistungshandelsabkommen TiSA umso wichtiger. Ausländische Dienstleister würden dann genauso behandelt werden wie inländische - für Großbritannien sicher nicht minder bedeutungsvoll wie für Luxemburg. Es liegt für Yueh darum auf der Hand, dass sich Luxemburg hier in den Verhandlungen stark einbringen muss.

Aufgelockert wurde die Konferenz gestern durch einige Beiträge, die abseits der Welt der Finanzen liegen. Mark McCaughrean, wissenschaftlicher Berater der europäischen Weltraumagentur ESA, sprach beispielsweise von seiner Arbeit. „Auch wenn wir den Kopf über den Wolken haben - das, was wir tun, ist zum Wohle der Erde gedacht“, sagte er. Er erläuterte die ESA-Weltraummissionen und unterstrich, wie schwer es ist, den Mars zu erreichen, der immerhin mehr als 50mal so weit von der Erde entfernt ist wie der Mond. Er zeigte Bilder der Raumstation ISS. „Was immer auch auf der Erde los ist, dort ist das keine Angelegenheit. Dort klappt die Zusammenarbeit problemlos.“ McCaughrean zeigte, wie Landungen auf Asteroiden/Meteoriden möglich sind und bereits ausgeführt wurden - und verwies auf den Stern „Gliese 710“, den man für bewegungslos hielt. Bis man entdeckte, dass er das keineswegs ist, sondern geradewegs auf die Erde zusteuert. Bis zu einer möglichen Kollision vergehen allerdings noch mehr als eine Milliarde Jahre. Heute am Welttag der Asteroiden das beherrschende Thema.

Die Retrospektive und Zukunftsaussichten der luxemburgischen Finanzbranche von Deloitte kann hier runtergeladen werden.