LUXEMBURG
PIERRE WELTER, FREIER JOURNALIST

Derivate und Finanzprodukte: Prozess gegen Ex-Geschäftführer fortgesetzt

Mehr als drei Jahre soll ein Geschäftsführer seine Position ausgenutzt und dadurch mehr als 20 Millionen Euro veruntreut haben. Seit Montag steht der 67-jährige Ex-Geschäftsführer von Multiplan Group SA, Cornelius E., vor Gericht und muss sich für sein Handeln verantworten.

Sein Treiben flog auf, weil ein Jurist, Mitarbeiter von SNS Property Finance B.V., nach Luxemburg kam und im Auftrag der SNS-Bank eine Kontrolle durchführte. Der Experte richtete sein Augenmerk besonders auf den Fortgang der Arbeiten in Belval.

Um das Projekt Belval zu leiten, hatte E. seine eigenen Multiplan-Unternehmen gegründet: Multiplan Design & Build + I + II + III und Multiplan Design & Development Sàrl.

Am Dienstag gab der Jurist zu Protokoll, dass die Lieferanten plötzlich nicht mehr von Multiplan Design & Build + I + II + III und Multiplan Design & Development Sàrl bezahlt wurden.

Dazu kamen Unstimmigkeiten bezüglich der geflossenen Geldern und auch dem Fortgang der Arbeiten. „Was schon bezahlt war, stimmte nicht überein mit dem, was da stand“, sagte der Jurist. Eine Juristin der SNS gab zu Protokoll, dass der Angeklagte im Sommer 2009 wegen Zusatzkosten einen Mehrbetrag von 20 Millionen bei der Bank beantragte. Die Bank gewährte ihm aber nur zehn Millionen.

Organigramms die Finanzflüsse

Ein Buchhalter, der vom 1. Januar 2007 bis 1.11. 2007 bei Multiplan Group SA gearbeitet hat und am Mittwoch als Zeuge aussagte, belastete den Angeklagten schwer. Er erklärte, er sei entlassen worden, weil er bei E. nachgefragt hatte, wo das verschwundene Geld geblieben sei. Es ging um vier oder fünf Millionen Euro. Es fehlten Belege. „E. zeichnete alles selbst ab“, so der Zeuge, der auch erklärte, dass wichtige Planungsabschnitte nie abgeschlossen wurden, trotzdem aber Geld kassiert wurde.

Ein Ermittler erklärte anhand eines Organigramms die Finanzflüsse, die im Projekt Belval Plaza von E. auf die Beine gestellt wurden. Mit dem Überblick konnte verdeutlicht werden, wie E. vorging. So sind 44 Millionen Euro in eine Holding geflossen. Laut Ermittler handelte es sich dabei um strukturierte Produkte, hybride Derivate, Zertifikate, Finanzprodukte, die aus Obligationen zusammengesetzt wurden und der Realisierung einer spezifischen Investitionsstrategie dienten.

Am Mittwoch erklärte der Ermittler den Aufbau von Belval Plaza. Die holländische Bank SNS und die Gesellschaft Multiplan Group seien (MP) die Promotoren des Immobilienprojektes „Belval Plaza“ in Esch/Belval gewesen. Am 4. April 2006 wurde die Gesellschaft Belval Plaza Holding SA gegründet. Federführend waren die Gesellschaften Multiplan Group SA und SNSPF Financiering Participaties BV. Die letztgenannte ist von der SNS Bank NV abhängig. Multiplan und SNSPF gründen dann zu gleichen Teilen (beide jeweils 50 Prozent) das Gemeinschaftsunternehmen Belval Plaza Holding SA.. Belval Plaza Holding SA gründet dann die Gesellschaften Belval Plaza I, II und Belval Plaza Tower S.à.r.l.. Der Zweck der Gründung der Unternehmen war insbesondere der Erwerb von Grundstücken auf den ehemaligen Industriebrachen von Esch-Belval und die Erschließung dieser Flächen durch den Bau von Mehrfamilienhäusern und Einkaufszentren in drei Hauptprojekten.

Im Rahmen der Finanzierung des Belval-Projekts hat SNS Property Finance B.V. der Gesellschaft Belval Plaza drei Darlehen beziehungsweise Kreditlinien eingeräumt. Der Gesamtbetrag dieser Kredite beläuft sich auf 237.694.866 Euro. In diesem Betrag sind die Grundstückspreise und die Baukosten enthalten. Sie wurden am 24. September 2009 gekündigt. Später erklärte der Ermittler, dass die finanzielle Seite (bis Mai 2009) nicht von Belval Plaza, sondern von Multiplan betreut wurde. E. eröffnet 29 Konten in drei verschiedenen Banken in Luxemburg. Auf vier verschiedene Bankkonten überwies die Bank SNS insgesamt 160.465.935 Euro. Ein Teil der Mittel wurde auf das holländische Privatkonto von E. überwiesen.

Am Donnerstag wurden noch weitere Zeugen gehört, unter ihnen ein Wirtschaftsprüfer und ein Steuerberater. Innerhalb kurzer Zeit bekam das Gericht einen tiefen Einblick in die Kapitalerhöhung, die bei Multiplan 2004 stattfand. Der Steuerberater erklärte, dass die Finanzprodukte aus steuerlichen Gründen als Schuldverschreibungen gebucht wurden.

Der Prozess wird heute fortgesetzt.