Editorial
Wenn die Galle überläuft

Nicht erst seit Gesundheitsminister Mars Di Bartolomeo Ende Juli seinen Reformentwurf vorlegte, kommt den Ärzten die Galle hoch. Es hat sich bereits seit Jahren Frust angesammelt, der sich nun massiv entladen wird. Immer mehr Pflichten und Zwänge, immer weniger Rechte und Mitbestimmung - das bestimmt den Arbeitsalltag vor allem der Krankenhausärzte schon seit Jahren. Als „électron libre“ des Systems verschrien, wird ihnen so ziemlich alles in die Schuhe geschoben, an dem unser System kranken soll: mangelnde Transparenz, mangelnde Effizienz, mangelnde Qualität und mangelnde Verantwortung gegenüber den Krankenhäusern, was die Budgets und die Abläufe anbelangt.
Realität ist, dass Krankenhausärzte sehr wohl Diagnosestatistiken ausfüllen und dokumentieren. Dass sie nicht entsprechend verwertet werden können, liegt nicht zuletzt daran, dass die Statistiksysteme nicht genügend Diagnoseschlüssel haben und die Krankenhäuser kein einheitliches Informatiksystem eingeführt haben. Dagegen hat man sich schon lange mit dem Krankenhausdachverband EHL auf einen Text über die Rolle des „médecin coordinateur“ geeinigt - was zur Umsetzung noch fehlt ist eine Entscheidung der Gesundheitskasse über die Vergütung dieser Ärzte. Während es innerhalb der EHL unzählige Kommissionen über alle möglichen Themen gibt, sind die Ärzte dort überhaupt nicht eingebunden. Warum also dann das Gejammer über „mangelnde Verantwortung“, denn sehr wohl bringen sich Krankenhausärzte in Arbeitssitzungen mit den Pflegedienstleitungen in die Organisation der Stationsarbeit ein - bezahlt werden sie nicht dafür. Genauso wenig wie für die multidisziplinären Besprechungen von Krebsfällen, die sie im Interesse einer Qualitätsbehandlung machen und für die die Kasse keinen Tarif festzulegen vermag.
Und à propos Verantwortung: während die Ärzte für jeden „Fehler“ ihren Kopf hinhalten müssen, wird das Weisungsrecht der Ärzte gegenüber dem Pflegepersonal zunehmend eingeschränkt - man fordert einen „transversalen“ Ansatz, eine Gleichstellung ein und lehnt eine hierarchische Vorgesetztheit ab.
Zusätzlich zu Verantwortungsdruck und Arbeitsbelatung schlagen sich die Ärzte mit einem ideologischen „Kampf um die Weisungsbefugnis“ herum, der typisch für den Luxemburger Zeitgeist ist: Freiheiten beschneiden, in Schablonen pressen und klein halten.
Seit 1992 gilt für die Luxemburger Ärzte europaweit einzigartig die „obligatorische Konventionierung“ sowie ein globales Budget. Freie Tarife gibt es nicht und der für ärztliche Leistungen zu verteilende „Kuchen“ bleibt der gleiche. Auf die Zahl und Art der Ärzte, die in den vergangenen Jahren in den Krankenhäusern dazu kamen, hat die Ärzteschaft allerdings wenig Einfluss. Und gegen die Konkurrenz von ausländischen Ärzten, die als „Rosinenpicker“ über die Grenzen kommen, ohne dafür auch in ein Dienstsystem eingebunden zu sein, hat die Politik bislang nichts unternommen.
Es wird heiß im Herbst. ‹
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