Kultur

Der „Atlas der abgelegen Inseln“ entführt in entlegene Gegenden der Erde
Paradies und Hölle
22.05.2010
Nicht nur für Menschen, die unter Sozialphobie leiden oder von ihrer Veranlagung her mehr zu einem Einsiedlerdasein denn zu einer geselligen Existenz neigen, hat die Vorstellung vom Aufenthalt auf einer Insel etwas Verlockendes. Herausgerissen aus dem täglichen Trubel, bewahrt vor der Unausweichlichkeit der Anderen, verspricht eine Reise auf ein unbewohntes Eiland eine wohltuende Auszeit.
Ein Buch als Gesamtkunstwerk
An entlegenen Orten mangelt es nicht auf diesem Planeten, und auf vielen Inseln herrscht tatsächlich vor allem Einsamkeit. Doch Paradies und Hölle auf Erden liegen mitunter dicht beieinander an jenen Schauplätzen, von denen die Kunsthistorikerin und Kommunikationsdesignerin Judith Schalansky nun 50 ausgewählt hat – für ein Buch, das seinesgleichen sucht: „Atlas der abgelegenen Inseln“, nennt sich das in der Büchergilde Gutenberg erschienene Werk, das man ohne Umschweife als Gesamtkunstwerk bezeichnen kann.
Das beginnt schon beim Vorwort, einer literarischen, dezent selbstbezogenen, weil teilweise autobiographischen, Auseinandersetzung mit dem, was Atlanten abbilden, welche Fakten sie wiedergeben können. Aber auch den Grenzen, die der kartographischen Darstellung gesetzt sind, widmet sich die Autorin ohne Umschweife. Schalansky, 1980 im ostdeutschen Greifswald, damals noch DDR, geboren, schildert die ersten Jahre ihrer Kindheit, als sie sich selbst wie eine Inselbewohnerin vorgekommen sein muss. Als 1989 die Mauer fiel und Schalansky – zumindest theoretisch – nun jene Welt offen stand, die sie bislang nur aus den Karten kannte, da hatte sie sich „bereits an die Fingerreisen im Atlas gewöhnt, die Eroberung ferner Welten im Wohnzimmer der Eltern, das Flüstern fremder Namen“, wie sie schreibt.
War die DDR auch im übertragenen Sinne eine Insel, so geht es in Schalanskys Werk, das von der deutschen Stiftung Buchkunst als schönstes Buch des vergangenen Jahres auserkoren wurde, um 50 entlegene und von Meerwasser umspülte Orte - „Fußnoten des Festlands“, nennt sie die Autorin; auf eine schönere Formel kann man den Stellenwert vieler Inseln kaum bringen. Gegliedert ist der Atlas in fünf Kapitel, geordnet nach den fünf großen Ozeanen. Jeweils zwei Seiten widmet Schalansky den Inseln. Während die rechte Seite auf hellblauem Untergrund eine schlichte kartographische Darstellung der Insel zeigt, ergänzt um ein paar Höhenangaben sowie befestigte Wege und die Namen von Buchten und Bergen, finden sich auf der gegenüber liegenden Seite einige wenige Daten sowie ein Text, der die Leser in die Abgründe und Besonderheiten der Insel entführt.
„Fußnoten des Festlands“
So erfährt man, dass sich auf der 2.590 Kilometer vom australischen Perth entfernt gelegenen Weihnachtsinsel (135 Quadratkilometer, 1.402 Einwohner) jedes Jahr im November rund 120 Millionen geschlechtsreife Krabben auf den Weg zur See, sprich zum Indischen Ozean, machen. Doch für viele der „Roten Landkrabben“ endet der Gang zum Meer im tödlichen Horrortrip: Armeen von Spinnerameisen haben sich gegen sie verbündet und spritzen ihre ätzende Säure auf die Panzer der Krabben, die daraufhin erst ihr Augenlicht verlieren, dann ihre leuchtende Farbe und schließlich ihr Leben.
Schalansky liefert mehrere dieser schaurig schönen, eigentlich Frohsinn mindernden und dochfaszinierenden Geschichten, deren Wahrheitsgehalt sich an dieser Stelle nicht nachprüfen lässt. Die Autorin bediente sich beim Verfassen ihrer Texte historischer Begebenheiten und etlicher Berichte von Naturwissenschaftlern. Doch erscheinen viele ihrer kurzen Geschichten auch wie eine Mixtur aus Fiktion und Fakten. Insofern unterscheidet sich der Text über Iwojima von zahlreichen anderen Beiträgen. Auf der japanischen Vulkaninsel entstand am 23. Februar 1945das wohl bekannteste Kriegsfotoaller Zeiten, geschossen von Joe Rosenthal. Es zeigt sechs Soldaten, die auf dem Gipfel des 169 Meter aus dem Pazifischen Ozean ragenden Berg Suribachi eine Flagge in den Boden rammen.
Schalansky war nie auf der Oster-insel, und auch auf Tikopia, Pitcairn, Diego Garcia oder Süd-Thule hat sie noch keinen Fuß gesetzt. „Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde“, räumt sie offen auf dem Cover des Buches ein. Nach Lektüre ihrer Texte dürfte sich die Reiselust bei den meisten Lesern auch eher in Grenzen halten, denn „Das Paradies ist eine Insel. Die Hölle auch“, bemerkt Schalansky gleich zu Beginn ihres Werks lakonisch.
Ihr Atlas ist Buchkunst und literarische Kartographie in einem. Die Frage, welches Buch der Leser auf eine einsame Insel mitnehmen würde, dürfte sich nach dieser Lektüre leichter beantworten lassen.