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Feuilleton

Blick zurück im Zorn
06.02.2010
Er ist wütend, man sieht es ihm auf dem Foto auf der Rückseite seines Buches an, und er hat Recht. Gaston Vogel, der vor kurzem sein Buch „Dans la Tourmente Judiciaire/ De 1962 à ce Jour“ veröffentlichte und mit diesem einen Blick zurück in die Luxemburger Gesellschaft der letzten 50 Jahre wirft, weckt Erinnerungen. Er kann schreiben, er ist frech und doch feinfühlig, er vertritt humanistische Anliegen und denunziert eine Gesellschaft, die noch vor nicht allzu langer Zeit weder ihren Bürgern allgemein, noch ihren Beamten, geschweige denn den Frauen ein Recht auf Emanzipation zugestand.


Die Gesellschaft, die Gaston Vogel heraufbeschwört, ist jene der sechziger Jahre, wurden doch in den Siebzigern die wichtigsten Reformen im Bereich der Humanisierung der Justiz und der Gesellschaft allgemein, sowie in jenem der Gleichstellung der Frauen in die Wege geleitet. Es ist also noch nicht allzu lange her, dass uneheliche Kinder noch keine Erbrechte hatten, dass die Scheidung mit fast unüberwindlichen Hindernissen verbunden war, dass Frauen durch die Ehe minderwertig wurden, dass auf eheliche Untreue noch Gefängnisstrafe stand, dass Polizeibeamten in Wohnungen eindringen konnten, und dann im Polizeibericht Paare beim Geschlechtsverkehr beschreiben durften.
Vogel drückt seinen Respekt für fortschrittliche Politiker wie Gaston Thorn und Eugène Schaus aus, ehrt jedoch besonders Robert Krieps, dem er als Justizminister wesentliche Reformen positiv anrechnet. Gaston Vogels Buch, an dessen Anschluss sich ein sogenannter „Sottisier“ befindet“, in dem die seltsamsten Polizeiberichte zusammengestellt worden sind, die jeden Leser zum Lachen bringen, ist auch ein trauriges Buch: es zeigt, wie Menschen der Justiz ausgeliefert sind, wie ihre kleinen und größeren Fehler zur Schau gestellt werden, und deutet an, dass die Justiz keineswegs immer Gerechtigkeit schafft. Luc Friedens Initiativen als Justizminister werden kritisch hinterfragt, die Kirche wird angegriffen, und zwar heftig; und doch wird auch hier nur schlicht und einfach die Wahrheit gesagt und die Scheinheiligkeit entlarvt. Gaston Vogel hat ein Buch zum Nachdenken geschrieben, zum Zurückblättern in unserer ureigenen Geschichte, und erinnert an die Tatsache, dass in den siebziger Jahren doch einige führende Politiker richtige Zivilcourage besessen haben und unsere Gesellschaft grundsätzlich modernisierten und weiterbrachten.
› Colette Mart