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Kultur

Zu Besuch im CNA: Die Töchter des Norbert Jacques
Erlebte Zeitgeschichte
09.02.2010
Am vergangenen Freitag stand der Schweizer Dokumentarfilm „Im Schatten des Dr. Mabuse - Die Töchter von Norbert Jacques“ (2009) von Renata Grünenfelder auf dem Programm des Centre National de l’Audiovisuel (CNA) in Düdelingen - ein Abend, der in Zusammenarbeit mit dem Centre National de Littérature Mersch veranstaltet wurde. Als Gäste begrüßte CNA-Direktor Jean Back die Regisseurin sowie Aurikel Hannighofer und Bibianne Egg, die beiden Töchter von Norbert Jacques, der durch den Roman „Dr. Mabuse, der Spieler“ bekannt wurde und ein gebürtiger Luxemburger war. Die Veranstaltung förderte viele Details aus Jacques‘ Leben zutage, die bisher kaum oder gar nicht dokumentiert waren.

Das Filmplakat zu „Dr. Mabuse, der Spieler“

Die ersten Jahre: von Luxemburg über Brasilien in die Schweiz
Germaine Goetzinger vom Merscher Literaturzentrum führte kurz ins Leben des Autors ein. Norbert Jacques kam am 6. Juni 1880 in Eich auf die Welt als Sohn des Kaufmanns François Jacques und dessen Frau Marie. Dem Abitur am Diekircher „Kolléisch“ folgte ein kurzes Jurastudium in Bonn. Sein Interesse an Kunst und Kultur war stärker, wie auch die Faszination für das Nachbarland Deutschland. Luxemburg war für ihn eine „Toteninsel“. 1902 heiratete er die Schauspielerin Olga Hübner, doch die Ehe ging bereits 1903 in die Brüche. Nach einer Brasilienreise ließ sich Jacques zunächst am Bodensee nieder. 1912 heiratete er Margerite Samuely, genannt Grete, aus Wien, eine ehemalige Sekretärin von Arthur Schnitzler. Nach einer 16-monatigen Hochzeitsreise zog das Paar in die Schweiz, wo 1915 Sohn Ulrich geboren wurde.
Geburt der ersten Tochterals Ausgangspunktdes Dokumentarfilms
Der Dokumentarfilm von Renata Grünenberger beginnt mit der Geburt von Tochter Aurikel am 14. Mai 1917. Aurikels Halbschwester Bibianne, die am 16. Februar 1951 in der Schweiz geboren wurde, ist die Tochter von Jacques und Maria Jäger aus Österreich, mit der er in dritter Ehe seit 1940 verheiratet war. Nach dem Tod des Vaters am 15. Mai 1954 in Koblenz und dem Tod der Mutter 1956 wurde Bibianne von der Schwester ihrer Mutter adoptiert (daher der Familienname Egg). Die beiden Halbschwestern lernten sich erst 2004 in Mersch kennen, als dort an den 50. Todestag von Norbert Jacques erinnert wurde.
Im Film begegnen sich die Halbschwestern in München, wo Aurikel der viel jüngeren Bibianne vom Vater, seinem Ruhm und der Familie erzählt. Ihre Erzählungen werden mit Fotos aus dem Familienalbum dokumentiert.
Anhaltende Begeisterungdes Vaters für Deutschland -selbst im Krieg
1914 wollte sich Jacques in Berlin als Kriegsfreiwilliger melden, doch als Ausländer wurde er abgelehnt. Für die „Frankfurter Zeitung“ berichtete er schließlich von verschiedenen Frontabschnitten, u.a. aus Belgien, Erlebnisse, die er 1915 im Roman „Die Flüchtlinge“ verarbeitete. 1920 übernahm er das Gut Adelinenhof in Thumen bei Lindau, wo 1921 die zweite Tochter Adeline, genannt Deidei, auf die Welt kam. Am 17. Oktober 1922 erhielt Norbert Jacques die deutsche Staatsbürgerschaft. Im selben Jahr verfilmte Fritz Lang den Roman „Dr. Mabuse, der Spieler“, mit Rudolf Klein-Rogge in der Titelrolle. Der Regisseur weilte wenigstens ein Mal pro Jahr auf dem Hof der Familie Jacques, der es finanziell nicht schlecht ging, denn die Romane verkauften sich gut, speziell „Dr. Mabuse“ und „Piraths Insel“ aus dem Jahr 1917. Zudem war Jacques seit 1924 Berater einer Filmfirma.
Sohn Ulrich starb im Alter von nur acht Jahren an den Folgen einer Hirnhautentzündung. Aurikel erlernte in Berlin den Beruf einer Kosmetikerin und arbeitete später in Paris in einem kosmetischen Labor.
1938 wurde für die Familie Jacques zum Schicksalsjahr, da Grete Jüdin war. Das Paar musste sich scheiden lassen. 1939 zog Grete mit ihren Töchtern nach Luxemburg, wo der Vater den beiden Mädchen mittels seiner Verwandten die luxemburgische Staatsbürgerschaft verschaffen konnte. Sie lebten abwechselnd in Walferdingen, Beggen und Simmerschmelz. Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen auf das Luxemburger Territorium im Mai 1940 war die Sicherheit einer Jüdin auch in Luxemburg nicht lehr gewährleistet.
Mit der Hilfe von Fritz Lang konnte Grete 1941 von Luxemburg nach Amerika emigrieren, wo sie ihr Leben als Haushälterin bestritt. Norbert fiel in Luxemburg in Ungnade, als er 1941 in einem Zeitungsartikel Luxemburg zum Beitritt ans Deutsche Reich zu überzeugen versuchte.
Die Töchter kehrten zurück an den Bodensee. Aurikel arbeitete in einer Rüstungsfabrik und lernte 1943 den Soldaten Will Hannighofer kennen. Adeline muss sich kurze Zeit in einem Sanatorium bei Stuttgart behandeln lassen. Nach Kriegsende heirateten Aurikel und Will in Lindau. Ihre Ehe blieb kinderlos.
Dank der Tochter an Luxemburg
Die letzten Kriegstage erlebte Norbert Jacques als Bürgermeister von Schlachters am Bodensee. Nach Kriegsende wurde er denunziert, verhaftet und von der französischen Militärpolizei nach Luxemburg überführt. Noch im selben Jahr wurde er wegen Landesverrats angeklagt und 1946 für immer aus dem Großherzogtum ausgewiesen. Die letzten Jahre verbrachte er abwechselnd in Hamburg und am Bodensee. 1953 veröffentlichte er den ersten Teil seiner Autobiografie „Mit Lust gelebt“, die bis 1928 zurückreicht. Der zweite Teil blieb unveröffentlicht.
Im Juli 1953 ereignete sich ein folgenschwerer Unfall auf dem Bodensee. Aurikel, ihr Mann Will und ein befreundetes Paar gerieten in einen Sturm und ihr Segelboot kenterte. Dabei kamen Will und sein Freund ums Leben.
Nach dem Krieg kehrte Grete an den Bodensee zurück. Mit ihren Töchtern lebte sie im Adelinenhof, während Norbert und seine Frau Maria in einem Nebenhaus wohnten. 1953 verließ sie Deutschland erneut in Richtung USA, um 1955 definitiv zurückzukommen. Aurikel reiste als Kosmetikerin durch Deutschland. 1957 eröffnete sie einen Kosmetiksalon in München, wo sie seitdem lebt. Bibianne Egg hat nie geheiratet und betreibt ein Anwaltsbüro in Zürich. Maria Jäger heiratete 1955 ein zweites Mal und starb 1956 bei der Geburt eines Sohnes. Grete starb 1965, Adeline 1992.
Aurikel war sichtlich begeistert von dem warmen Empfang durch das Publikum im Kino „Starlight“. Sie bedankte sich dafür, dass sie in den schweren Kriegsjahren in Luxemburg aufgenommen wurde und ihr so möglicherweise ein schreckliches Schicksal erspart blieb. Regisseurin Grünenfelder wiederum dankte dem Luxemburger Filmfund für finanzielle Hilfe bei der Filmproduktion.
› CH.S.
Norbert Jacques‘ Töchter Bibianne Egg und Aurikel Hannighofer mit Regisseurin Renata Grünenfelder (v.l.n.r.) Photo: CH.S.