Kultur
Das Festival International Echternach bleibt in der Erfolgsspur
Starker Charakter jenseits von Nischen
10.03.2010
Programmgestaltung als kreative Herausforderung
Auch in seinem 35. Jahr - laut Santer einem „kleinen Jubiläum“ - gelingt den Programmverantwortlichen des Echternacher Festivals der Spagat zwischen zwei im Extremfall weit auseinander liegenden Polen: für eine eigene Farbe im Gesamtgemälde Luxemburger Konzertveranstaltungen zu sorgen und gleichzeitig den Geschmack eines breiten Publikums zu treffen.
Letzteres zu mobilisieren, ist im Jahre 5 nach Eröffnung der Philharmonie für alle ehemaligen Platzhirsche schwerer geworden, doch dieser Herausforderung an die eigene programmplanerische Kreativität stellen sich die Verantwortlichen von Echternach genauso gerne - und erfolgreich - wie die Kollegen in Marnach, Wiltz oder bei den Solistes Européens - um nur einige zu nennen.
Dass es dabei gilt, die Gefahr allzu eng gefasster Nischenstrategien zu vermeiden, ist allen Verantwortlichen bewusst - auch oder gerade weil wohl alle schon die eine oder andere Erfahrung mit Angeboten gemacht haben, die sich etwas zu weit vom Mainstream entfernt hatten. Und da selbst im Falle langjähriger Subventionierung durch die öffentliche Hand sich kein Veranstalter mehr himmelstürmende Kunstereignisse vor höllisch leeren Rängen leisten kann, wird nach Gegenstrategien gesucht, die geeignet sind, den goldenen Mittelweg zwischen künstlerischem Anspruch und Publikumswirksamkeit möglichst dauerhaft zu markieren.
Im Falle des Echternacher Festivals haben die Verantwortlichen schon vor drei Jahren diese „Gewissenserforschung“ betrieben, merkt Georges Santer bei der Präsentation des kleinen Jubiläumsprogramms an - mit dem zuletzt zu bewundernden Ergebnis, einer bewussten Mischung aus großen Namen (zumal im Bereich der Klassik) und großen Talenten (im Bereich Jazz).
Alex Müllenbach und Gast Waltzing verfolgen dabei komplementäre Strategien. Das wurde beim Pressebriefing deutlich, obwohl Müllenbach durch seine Lehrtätigkeit am Salzburger Mozarteum an der Teilnahme verhindert war. Seinen Versuch, vorklassische und zeitgenössische Werke in ein bipolares Programm zu klammern, hat das Publikum nicht ausreichend goutiert, das gestanden Festivaldirektor Santer und Geschäftsführerin Mariette Scholtes unisono zu. Dem gegenüber stelle die durchschnittliche Besucherzahl der letzten beiden Jahre (rund 10.000 je Saison, was einer mittleren Auslastung der Spielorte von etwa 70% entspricht) eine erfreuliche Basis dar, auf der man weiter aufbauen wolle.
Mit großen Namenund großen Talenten gegen die Sponsoringbaisse
Denn auch in Echternach, das über 30 Jahre ganz ohne Zuschüsse sehr profitabel arbeitete, wachsen die Einnahmen nicht mehr in den Himmel. Zwar wäre das Polster, von dem man zehren kann, ausreichend für einige magere Jahre, doch statt dessen setzt man auf einen kontinuierlichen Neuaufschwung, der die derzeitige Krise in weiteren zwei bis drei Jahren nach Möglichkeit vergessen macht.
Denn dass die Wirtschaftsflaute zu einer Sponsoringbaisse geführt hat, ist ebenso unbestritten wie die Tatsache, dass auch ein Festival von altem Adel wie das Echternacher für neue Mäzene dankbar ist. Auch um ihnen ein finanzielles Engagement in der Abteistadt schmackhaft zu machen, kombinieren die Programmplaner opulenten Kunstgenuss mit „neuen Gewürzen“ (Gast Waltzing). Dabei kann das Festival, auch wenn es längst kein Monolith in der großherzoglichen Kulturlandschaft mehr ist, seinen treuen Freunden wie auch den noch zu fidelisierenden Neu-Mäzenen durchaus Perspektiven bieten, die man andernorts schwerlich findet.
Neben der überragenden historischen Bedeutung der Abteistadt als kulturelle Wiege der Nation hebt Georges Santer zwei weitere Stärken hervor: die unvergleichliche Atmosphäre an einem Geschichte atmenden, von religiöser Inspiration geprägten Ort und die exzellente Akustik auch der jüngsten Spielstätte, des Trifolion. Die Begeisterung über diesen Erfolg ist Santer deutlich anzumerken, wenn er erklärt, warum die Festivalsaison in diesem Jahr so ungewohnt früh eingeläutet wird: dass Krystian Zimerman schon am 17. März auftritt, verdanke sich beileibe keiner schleichenden Tendenz, den Saisonauftakt vorzuverlegen, sondern dem Engagement des weltberühmten Pianisten selbst. Als dieser vor eineinhalb Jahren erstmals am Trifolion gastierte, wollte er nach seinem Auftritt „nur fünf Minuten“ bleiben, schlenderte aber noch eineinhalb Stunden später glücklich entspannt umher.
Die einzigartig familiäre Atmosphäre des Festivals dürfte ebenso wie die nicht minder unverwechselbare Akustik des Hauses dazu beigetragen haben, dass Zimerman von sich aus anbot, „jederzeit“ sehr gerne auch einen Abstecher nach Echternach in seinen randvollen Terminkalender einzubauen. Genau diese Gelegenheit bot sich Mitte März, und um weder den Pianisten noch dessen Publikum dieses Genusses zu berauben, war man nur allzu gerne bereit, einen ungewöhnlichen Auftrittstermin zu fixieren.
Dialog von Religionenund (Musik-)Kulturen
Feuer und Flamme für den akustisch herausragenden Konzertsaal des Trifolion waren und sind viele Künstler, die nach ihrem ersten Auftritt hinter verschlossenen Türen privatissime weiter musizierten oder Tonaufnahmen anregten. Zu den „Wiederkehrern“ gehört auch Henri Sigfridsson, der von seinem Beethoven-Abend noch in Erinnerung sein dürfte. 2010 spielt er in einer Trioformation, die in Echternach Weltpremiere feiert (am 15.6.), mit der argentinischen Cellistin Sol Gabetta und Patricia Kopachinskaja an der Geige, Werke von Haydn, Brahms und Schostakowitsch. Auf die vielen anderen Highlights des Festivalprogramms einzugehen, sei kürzerfristigen Ankündigungen auf diesen Seiten vorbehalten. Erwähnt seien lediglich noch die Monteverdi-Interpretationen des Cantus Cölln in der Basilika am 29.5. und die auf den Folgetag angesetzte „Musik der drei Kulturen Soaniens“ , die auf die Zeit vor der Er-oberung Granadas durch die „katholischen Könige“ Ferdinand und Isabella (1492) rekurriert, als in al-Andalus Mauren, sephardische Juden und Christen friedlich zusammenlebten. Diesen Geist des interreligiösen und interkulturellen Dialogs wolle man als bewusstes Statement in die heutige Zeit tragen, so Santer.
„Cross-culture“ oder „World“ ist denn auch das Motto, unter das Gast Waltzing seinen Programmteil gestellt hat. Auch hier sollen zwei Hinweise vorerst genügen: am 1. Oktober gibt der libanesischstämmige, in Paris beheimatete Pianist Elie Maalouf zusammen mit seinem Quintett eine Vorstellung dessen, was Waltzing die Mobilisationskraft (noch) wenig bekannter Namen mit großem Entdeckungsreiz nennt, während am 8.10. mit einem anderen Quintett rund um Thomas Quasthoff eine markante Figur die Massen anziehen wird, mit der das Schicksal es nicht in jeder Hinsicht gut gemeint hat und die doch, wie jedermann weiß, stimmlich vom Schicksal verwöhnt wurde.
Viel zu entdecken und erleben also, beim diesjährigen Echternacher Festival International. Nun gilt es, sich selbst und/oder andere mit einem solchen Erlebnis zu beschenken. Wie gesagt: ab heute läuft der Vorverkauf.
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