ECHTERNACH
JOS MASSARD

Von einem offenbar echten Wolf handelt ein längerer, am 9. März 1920 in der „Obermosel-Zeitung“ veröffentlichter Bericht, dem zufolge der Jagdhüter Karl Haler von Schloss Berg im „dreckigen Weg“, einem Waldweg zwischen Berg (Gemeinde Betzdorf) und dem Buchholzerhof (Gemeinde Flaxweiler), einen Wolf „erledigt“ habe.

Die Zeitung erzählt die Geschichte, so wie sie „von einem der direktesten Zeugen kommt“: „Sie reicht (…) zurück bis auf Samstag vor acht Tagen [28. Februar 1920]. Einer hatte den Wolf schon vorher gewittert, ein steinalter Hirte aus der Nachbarschaft, dessen Herde, wenn sie in die Waldgegend kam, jedes Mal von einer zitternden Unrast befallen wurde. In der Frühe war dem Hüter der Wälder [oben genannter Jagdhüter Haler] gesagt worden, es sei was in der Falle. Sie machten sich zu zweit nun auf die Kontrolle. Halt, mitten im Busch, da fiel dem alten Waidmann etwas in die Augen, das auf ein ungewöhnliches Geschehen schließen ließ. Eine Gruppe von Rehen: Aber anstatt wie immer, scheu und leichtfüßig davon zu fliehen, drängten sie sich ängstlich und wie schutzsuchend an die Menschen heran. (Für dieses Detail muss der Schütze Bürge sein). Fünfzig Schritte weiter, da sahen sie schon die Falle, und drinnen mit grimmigen Zähnen und glühenden Augen der Wolf. Rasch entschlossen angelegt, ein Schuss, und der Räuber hatte das Loch im Kopf.“

Wolf oder Wolfshund?

Wolf oder Wolfshund? Sofort wurden „ehrenfeste Fachleute aus Stadt und Land requiriert“, um das Tier zu identifizieren, seinen „Civilstand festzustellen“. „Zwei Herren von den Forstspitzen, die im Nebenamt auch zu den gefürchtetsten Nimroden des Luxemburger Waldes gehören, mit ihnen ein Staatstierarzt, und - ein Photograph - erschienen an der Mordstelle, um den Tatbestand aufzunehmen. Für den Mann, der die Bilder macht, war der Fall ja am einfachsten. Unbekümmert darum, ob er einen Wolf oder nur ein seltsames Phänomen von einem Hund vor sich sah, hat er die Geschichte in einem wohlgelungenen Abdruck festgelegt. Da stehen die beiden, Förster Haler und sein Begleiter, stramm, in fast heldenhafter Gebärde; an einer Stange tragen sie das Untier, wie weiland in der Bibel die Kundschafter die schönen Trauben aus dem gelobten Lande. Für die Leute der Wissenschaft aber war es kein Leichtes. Wölfe gibt es neben dem, den Herr Notar Knepper aus Remich ausgestopft in seiner Schreibstube sitzen hat, heut zu Tage ja nur mehr in zoologischen Gärten und Menagerien. Aber dort zählen sie zu den reinsten Plebejern. Wer schaut denn so was? Die größte Vorsicht war daher geboten. Nur nicht voreilig. Erst wurde das Vieh gemessen. 1,50 Meter lang auf 75 Ctm. Höhe, sehr respektabel, wird von wolfsähnlichen Hunden kaum erreicht. Der Nacken unheimlich massiv, die Tatzen desgleichen. Das Gebiss von einer dräuenden Wildheit. Das Fell so rau und dicht wie nie bei einem Hunde. Aber alles das nicht völlig ausschlaggebend. Weitere Symptome: Die Linie des Rückens, die bei einem Hunde ganz flach [?] verläuft, fällt zum hintern Lauf zu auffallend ab. Auch die Spur, die von den Jägern peinlich aufmerksam verfolgt wurde, war fremdartig. Dann aber die von Staatstierarzt Dr. Moutrier vorgenommene Autopsie, die wirkte erlösend und verscheuchte die letzten Zweifel. Im Magen fanden sich nicht etwa Kartoffelbrei oder Brotkrumme - sondern Reste von Rehknochen, und, o Schrecken, Scherben von Schiefer.“

Der Wolf und das Rotkäppchen

„Es stand nun fest“, witzelt der Journalist, „das Biest war ein leibhaftiger Wolf und er hatte das Rotkäppchen mit der Schiefertafel aufgefressen“, ehe er das ernst gemeinte Fazit zieht: „Daran werden wir einstweilen festhalten: daß Anno [sic] 1920 auf den Waldhöhen von Berg der letzte Wolf erschlagen [?] wurde, nachdem er unklugerweise den Fuß in einer Falle hängen gelassen hatte.“ Ein Problem stellt allerdings die obige Beschreibung der Rückenlinie des Tiers dar: Die ist beim Wolf waagerecht und beim Hund abfallend, also genau umgekehrt wie im Artikel beschrieben. Hat der Journalist hier etwas falsch verstanden? Es ist ja kaum anzunehmen, dass zwei hohe Forstbeamten und ein Staatstierarzt ein solch einfaches und allgemein bekanntes Unterscheidungsmerkmal wie die Rückenlinie falsch interpretiert hätten.

Als im Februar 1922 noch ein mutmaßlicher Graupelz im Weckergrund gesichtet wird, profitiert die „Obermosel-Zeitung“ von der Gelegenheit, um an die „verbürgte Meldung“ zu erinnern, dass vor weniger als zwei Jahren ein leibhaftiger Wolf im „dreckigen Weg“, einem Waldweg bei Betzdorf, von einem kühnen Scharfschützen erlegt worden ist. Für die Zeitung bestehen also weiterhin keinerlei Zweifel an der Echtheit des damals fachmännisch untersuchten Tiers! Dieser Ansicht wollen wir uns dann auch bis zum eindeutigen Gegenbeweis anschließen!

Ein schlechter Scherz in Düdelingen

Nach 1922 wird es ruhig um den Wolf im Großherzogtum. Wölfe werden aber noch im Januar 1924 aus den belgischen Provinzen Luxemburg und Namur, sowie im Dezember 1925 aus der Gegend von Spicheren und Saarbrücken gemeldet. In Luxemburg gibt es unterdessen höchstens noch Fehlalarme. So im Januar 1924 in Düdelingen, wo ein Spaßvogel das Gerücht verbreitet hatte, in der Umgegend des Städtchens seien zwei Wölfe gefangen und auf dem Speicher des Stadthauses untergebracht worden. Daraufhin pilgerten ganze Prozessionen von Kindern und eine Anzahl von Erwachsenen zum Stadthaus, um die beiden Isegrimme zu bewundern. Sie mussten die Feststellung machen, „…daß man auch geuzt werden kann, ohne daß zufällig ‚1. April‘ auf dem Kalender steht“.

So schließt sich der Reigen der echten oder vermeintlichen Wölfe, die in den Jahrzehnten nach dem so genannten letzten Wolf von 1893 in unseren Gegenden gemeldet wurden, und wo zumindest bei den getöteten oder gefangenen Tieren - 1895 bei Schoenfels, 1899 im Grünewald und 1920 bei Berg - vieles darauf hindeutet, dass es sich hierbei tatsächlich um Canis lupus, den Wolf, gehandelt hat.

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Literatur zum Thema

Massard, J.A., 1985. Zum hundertsten Jahrestag der ersten Tollwutimpfung (II): Von Hunden und Wölfen. Tageblatt 1985, Nr. 159 (13. Juli), S. 9.

Massard, J.A., 1986. Wölfe in Luxemburg. Lëtzebuerger Almanach 1987, S. 353-374.

Massard, J.A., 1995. Wolfsschlucht und Wolfsgeschichten: Wölfe im Kanton Echternach. Annuaire de la Ville d’Echternach 1994, S. 239-272.

Delguste-Van der Kaa, M.H., 2003. Histoire des loups dans les deux Luxembourg. Éditions Histoire collective, 192 S.

Massard, J.A., 2011. Wie die Echternacher Wolfsschlucht zu ihrem Namen kam. Lëtzebuerger Journal 2011, Nr. 82 (28. Abrëll), S. 20-21.

Schley, L. & R. Reding (2014): Auf dem Weg in die Großregion: Der Wolf steht vor unserer Haustür. Regulus 4 / 2014, S. 4-7.