COLETTE MART

Die Geschichte enthält ihre Lehren, und konfrontiert uns mit den Abgründen der menschlichen Seele. Ende 1947, also vor 70 Jahren, endete die Exodus-Affäre, also die Geschichte jenes Flüchtlingsschiffes mit Holocaust-Überlebenden, das vor der Küste Palästinas von britischen Marinesoldaten zur Rückkehr nach Europa gezwungen wurde. Die Flüchtlinge landeten schlussendlich wieder in Deutschland, wo sie wieder einmal brutal in Flüchtlingslager gebracht wurden, bis ihnen dann im Spätherbst die Ausreise nach Palästina genehmigt wurde. Es war genau in dieser Zeit, nämlich am 29. November 1947, als die Vereinten Nationen die Gründung des Staates Israels ermöglichten, indem sie die Aufteilung des britischen Mandatsgebietes Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat beschlossen.

Aus dieser sensiblen Periode der Weltgeschichte, die all jene Dramen, Auswüchse, Ungerechtigkeiten, Menschenrechtsverletzungen weiterführte, respektive einleitete, die wir kennen, sind hier und jetzt, einige wichtige Lehren zu ziehen. Bleiben wir zuerst einmal bei der Exodus. Nach der Befreiung der deutschen Konzentrationslager 1945 versuchten Tausende Holocaust-Überlebende- oft unbegleitete Jugendliche, die ihre Eltern verloren hatten-, wieder in Europa Fuß zu fassen. Sie bekamen jedoch keineswegs Verständnis oder Mitleid. In Polen brachen sogar erneut Judenprogrome aus. Da das befreite Europa nach dem Krieg absolut verheerende Flüchtlingsprobleme zu lösen hatte, die Kriegsgefangenen nach Hause zurückkehrten, und zum Beispiel vertriebene Ostpreußen in Deutschland integriert werden mussten, blieben die jüdischen Flüchtlinge erneut auf der Strecke und bekamen wenig Empathie.

Aus diesem Grund wollten Tausende nach Palästina, wo allerdings die jüdische Zuwanderung Opposition bei den arabischen Bewohnern hervorrief. Aus diesem Grund begrenzten die britischen Behörden in Palästina die Einwanderung der Holocaust-Überlebenden, was im Falle des Flüchtlingsschiffes Exodus verheerende Konsequenzen hatte. Die 4.350 Überlebenden des Völkermordes in Europa wurden mit massiver Gewaltanwendung auf der Exodus von Haifa zurück nach Deutschland gezwungen. Die zweite, wichtige Lehre aus dieser entscheidenden Epoche der Weltgeschichte wäre, dass Europa an der Diskriminierung und Ausgrenzung, und schlussendlich an einer Reintegration der Juden selbst scheiterte, und deshalb das Problem in den Nahen Osten exportierte. Die damaligen europäischen Kolonialmächte, die sich den Nahen Osten, Asien und Afrika arrogant aufgeteilt hatten, und die Forderungen und Rechte der arabischen Bevölkerung in Palästina ignorierten, schafften in Palästina eine Situation, die bis heute nachklingt, und für die die Weltgemeinschaft noch immer keine Lösung gefunden hat. Dabei wäre 1947 in Palästina die Chance gewesen, einen fortschrittlichen Vielvölkerstaat zu schaffen. Dies war jedoch nicht der Fall. Die unverarbeiteten Traumata des Zweiten Weltkrieges schafften also neue Probleme im Nahen Osten. Europa sollte hier und jetzt zurückblicken, nachdenken, sich seinen historischen Verantwortungen stellen und an einer fortschrittlichen Lösung mitarbeiten.