LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Dem „Houfert“ auf der Spur

Nun sei ich sicher stolz auf mich, meinte eine Freundin, nachdem ich die letzte Prüfung des Semesters hinter mich gebracht hatte. Ich wollte protestieren. Nein, stolz sei ich nicht. Stolz könne man nicht auf etwas sein, das man machen müsse. Stolz sei man auf das Erreichen selbstgesteckter Ziele. Ich ließ es dann aber sein, das mit dem Protestieren, und tat etwas, was ich sonst fast nie tue: Ich sagte „Ja“. Einfach nur „ja“. Und dann war ich ein wenig stolz auf mich, auf das Ja-Sagen.

Privileg von Kindern?

Mit einem Mal wurde mir bewusst, wie selten wir als Erwachsene stolz auf uns sind. Als Kind waren wir das doch ständig. Egal, ob wir mit Stützrädern Fahrrad fuhren, einen Sandkuchen backten oder ein disproportioniertes Strichmännchen mit überschüssigen, teils nicht angewachsenen, frei schwebenden Mutantenfingern malten, wir hielten das, was wir soeben getan hatten, für eine herausragende Leistung, für die wir von unseren Eltern und Lehrern bitteschön ganz viel gelobt werden sollten – Lob, das wir für ein ehrliches hielten.

Im Laufe der Jahre wurde das mit dem Stolzsein dann aber immer komplizierter. Wir begannen uns mit anderen zu vergleichen und jeder unserer Erfolge schrumpfte angesichts des Bewusstseins, dass es ganz viele Lang Langs auf dieser Welt gibt, denen wir nicht das Wasser reichen können, und ganz viele talentfreie Menschen, die aus völlig unerklärlichen Gründen die ganzen Lorbeeren einheimsen. Wer könnte, kompetent aber mit brotloser Kunst, so richtig stolz danebenstehen?

Selbst wenn wir den Blick nicht auf die „Konkurrenz“ richten, sehen wir die meisten Erkenntnisse, die wir erwerben, nicht als etwas ganz und gar Neues und Einschneidendes an, sondern als minimen Teil unseres bisher angehäuften Wissens, welches zum Großteil aus widerlegbaren oder zumindest nicht vollends zu beweisenden Theorien besteht. Theorien, die andere kluge Menschen vor uns entwickelt haben. Nicht wir. Das Größte, das wir erreichen können, ist, diese auf kluge Art und Weise entweder zu ergänzen oder zu revidieren. Warum sollten wir darauf stolz sein? Warum sollten wir stolz sein auf etwas, das so oder so ähnlich schon viele Male zuvor gedacht oder getan wurde?

Eine Frage der Umstände

Nun könnte man annehmen, der Mangel an Stolz sei auf Bescheidenheit zurückzuführen oder einen Mangel an Selbstbewusstsein, der durch Instagram und Talentshows im Fernsehen verstärkt wird. Aber vielleicht, so dachte ich, enthüllt der Umstand, nicht stolz zu sein, im Gegenteil Arroganz. War ich womöglich nicht stolz darauf, die Prüfung bestanden zu haben, weil ich mir von vorn herein sicher war, sie zu schaffen? Falls, ja, wäre das verwerflich?

Ich glaube nicht. Als Erwachsener hat man die Lebenserfahrung, dass man äußere Umstände aber auch das eigene Können besser einschätzen kann. Im Gegensatz zu Kindern wissen wir eher, was wir uns zutrauen können und was nicht. Als Kind sind wir dazu nicht in der Lage. Wir halten Fahrradfahren für eine fast übermenschliche Leistung. Heute weiß ich, dass ich Fahrrad fahren kann, und käme gar nicht auf die Idee, stolz darauf zu sein. Stolz hingegen war ich, als ich den Führerschein in den Händen hielt, denn damals, mit 18, war mir bewusst, dass ich nicht unbedingt zu praktischen Dingen veranlagt bin (aua, ich habe mir gerade das Knie an meinem bösen Schreibtisch gestoßen!).

Stolz hängt also wesentlich mit persönlichen Schwächen und Ängsten zusammen. Die eigenen Grenzen zu überwinden und etwas zu erreichen, das wir von uns selbst nicht erwartet hätten, das führt dazu, dass wir mit uns zufrieden sind. außerdem, wenn es um etwas geht, das uns persönlich viel bedeutet. So können wir stolz Insbesondere, einen attraktiven oder intelligenten Partner an unserer Seite zu haben, weil diese Eigenschaften uns besonders wichtig sind. Sogar fragwürdige Errungenschaften, die kein besonderes Können erfordern, können stolz machen. Jemand kann zum Beispiel stolz sein, ein teures Auto zu besitzen oder sehr trinkfest zu sein …

Demgegenüber gibt es Tätigkeiten und Erfolge, die überindividuell als besondere Leistung gelten, beispielsweise das Erhalten einer Auszeichnung, das Gewinnen eines Wettkampfs oder die Tatsache, jemandem das Leben zu retten. (Meist) zu Recht führt das zu Anerkennung und Selbstzufriedenheit.

Ein seltenes Glück

Dennoch, so behaupte ich, sind solche Momente im Erwachsenenalter eher die Ausnahme als die Regel. „Houfert“. Kaum jemand kennt noch diese luxemburgische Bezeichnung. Ein Zufall? Ich denke nicht! „A stolz drop!“, sagen wir, doch das hat mit dem großen Wort „Houfert“ wenig zu tun. Oftmals meinen wir es ironisch und beziehen es auf Dinge, auf die man normalerweise eben nicht stolz wäre, zumindest aber auf Triviales und Belangloses.

Stolz sein zu können, das ist ein Anspruch an uns selbst, ein Tages- und Lebensziel, eine Sucht, kurzum alles, außer eine Selbstverständlichkeit. Ich wünsche mir, jeden Abend zufrieden zu Bett zu gehen; gelingen tut mir das nur selten. Und wenn ich dann doch einmal stolz bin, dann nicht nur auf das gemeisterte Tagespensum, das ich mir auferlegt habe. Nein, ich bin stolz darauf, einmal stolz zu sein. Stolz ist für mich eine besondere Leistung und etwas, das wir uns selbst, im Gegensatz zum Fahrradfahren, nicht mehr zutrauen.