LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Mit Marimba und Vibraphon: Multipercussionist Sven Kiefer schreibt junge Musikgeschichte mit

Egal ob Geiger, Pianist oder Trompeter, so unterschiedlich ihre Instrumente und Techniken auch sind, als Profis und als Amateure treffen sie sich spätestens über den Noten von Barockgenie Bach, Klassikheld Beethoven oder den Jazzlegenden der Gershwins. Diese jahrhunderte- oder jahrzehntealten Noten lassen sich für Instrumente und Besetzungen arrangieren, für die sie gar nicht geschrieben wurden und machen den Spieler - je nach Talent - zu einer einflusslosen Miniatur, einer nennenswerten Fußnote oder einem beachtlichen Vertreter einer schon langen, geformten und traditionsreichen Musikgeschichte, welche das jeweilige Instrument schon auf den Saiten, Tasten oder Ventilen hat.

Für Multipercussionist Sven Kiefer laufen die Dinge da ein bisschen anders. Er spielt an die 500 Percussioninstrumente, darunter Pauke, Cajón, Handpan, Djembé und andere Trommelarten. Und allen voran Vibraphon und Marimbaphon - und damit zwei vergleichsweise junge Instrumente. „Unsere Komponisten leben größtenteils noch“, sagt er, die vier Marimbaschlägel mit den garnumwickelten Gummiköpfen in den Händen haltend, stolz und gleichzeitig auch etwas erstaunt über diesen Umstand. Das können Geiger, Pianist und Trompeter so eher weniger behaupten.

Warmes Holz, kühles Metall

Weil die Nische noch klein und jung ist, kann man als Vibra- oder Marimbaphonist die Musikgeschichte dieser Instrumente noch mitgestalten. „Wir sind mittendrin in der Entwicklung und ich trage meinen Teil bei“, erklärt 41-Jährige, der vor 20 Jahren aus Perl nach Luxemburg gezogen ist und sich zur dritten Generation der Marimbaphonisten rechnet. Derzeit werden viele neue Stücke geschrieben, die Spieltechnik wird weiter untersucht. „Anfangs wurde mit zwei Stöcken gespielt, mittlerweile mit sechs oder acht, es wird probiert, womit man die besten Resultate erreicht.“

Die Marimba, auf der Kiefer in seinem heimischen Probenraum spielt, ist eine moderne Variante. Eigentlich geht das Instrument, das über fünf Oktaven verfügt, auf afrikanische Vorläufer zurück: Diese Balafone sind im Prinzip Xylophone, unter deren Aufschlagplatten Kalebassen als Resonatoren angehängt sind. Die Weiterentwicklung zur Marimba vollzog sich spätestens ab dem 17. Jahrhundert in Guatemala, wo die Marimba schließlich zum Nationalinstrument aufstieg. In seiner heutigen Form und Größe mit verschlossenen Resonatoren aus Aluminium ist das Instrument gerade einmal 40 Jahre alt. Wenn Kiefer die Aufschlagplatten der Marimba zum Klingen bringt, erzeugt er Klangbögen, die Leichtigkeit assoziieren, die Töne scheinen zu schweben und hallen besonders nach. Der Klang ist warm, weil die Aufschlagplatten aus Holz sind. „Es ist auch ein visueller Auftritt, voller warmer Klangfarben“, sagt Kiefer.

Aufbruchsstimmung mit Nachgeschmack

Auf dem Vibraphon stehen Kiefer drei Oktaven zur Verfügung - ein übliches Klavier verfügt mit seinen 88 Tasten über siebeneinhalb Oktaven. Mit dem Klavier gemeinsam hat das Vibraphon das Dämpferpedal, mit dem die Länge der Töne gehalten kann, was wiederum bei der Marimba nicht möglich ist. Das Vibraphon klingt härter und kühler - die Aufschlagplatten sind aus Metall.

Die Verwandtschaft zur Marimba zeichnet sich auch in dem Namen ab, unter dem das Vibraphon vor erst 102 Jahren angemeldet wurde: Der noch sehr junge Hüpfer unter den Instrumenten wurde 1916 als „Steel Marimba“ in den USA patentiert. Die Bauart mit rotierenden Metallscheiben über den Resonanzröhren, wie sie heute üblich ist, setzte sich ab 1921 unter dem Namen „Vibraharp“ durch. Die Aufbruchstimmung bringt aber auch einige Nachteile mit sich. „Nur etwa zehn Solokünstler weltweit können allein von den Auftritten leben.“ Kiefer nennt Künstler wie den Österreicher Martin Grubinger, die Japanerin Keiko Abe, den Luxemburger Christoph Sietzen und die Polin Katarzyna Mycka. Weiterer Dämpfer für die Aufbruchsstimmung: „Die Leute ins Konzert zu bekommen, ist eine Herausforderung und ich muss erst einmal erklären, was ich überhaupt mache.“ Kiefer bestreitet seinen Lebensunterhalt auf zwei Arten: als Pädagoge an der Musikschule und mit Auftritten und Projekten als Solisten- und Ensemblemusiker. „Mein Beruf ist Unterrichten, Musik ist mein Hobby.“ Von beiden Tätigkeiten berichtet er voller Hingabe und Fröhlichkeit, von den Fortschritten der Schüler, die er teilweise vom achten Lebensjahr bis zum Abitur begleitet oder vom Anzugträger, der sich nach der Arbeit einen Kindheitstraum erfüllt und sich ans Schlagzeug setzt - in seiner Arbeitskleidung.

Kiefer selbst fand früh zu Trommel und Marimba. Später studierte er in Den Haag, weil mit seinen vier verkürzten Fingern an der rechten Hand ein - etwa an deutschen Unis damals erforderliche - Klavier- oder Geigenstudium im Nebenfach problematisch gewesen wäre. „Die Behinderung hat mich positiv geprägt, ein ,geht nicht‘ gibt es bei mir nicht.“

Zwei neue Shows in Mersch

Der Schlaginstrumentenspieler trat zudem schon mehrfach in Ensembles, unter anderem mit „Les Amis du Chant“ und „Musique Militaire Grand-Ducale Luxembourg“ auf, spielte dabei auf seiner Marimba zu klassischen Stoffen. Für die Ruhrfestspiele Recklinghausen wirkte er 2010 an einem Stück mit Maximilian Schell mit. Einen der größten Erfolge sieht Kiefer in seiner Show „Trommel Bommel“, die er in viereinhalb Jahren mit 200 Vorstellungen vor 4.000 Kindern gegeben hat und damit sogar in den USA war.

Für die neue Saison hat Kiefer mit dem Schlagzeuger Yves Popow und verschiedenen Gästen zwei neue Projekte in Planung: „Planet Percussion Luxembourg“ verbindet in zwei Ausgaben Schlaginstrumente mit Orchester, Drohnenflug und einer Vertikaltuchakrobatin. „Volume 1“ feiert am 6. Oktober im Mierscher Kulturhaus Premiere und bietet eine bunte musikalische Reise vom Orient, über Tango und Riverdance bis zur Fanfare. Am 3. Februar steht „Planet Percussion - Volume 2“ auf dem Programm: Nachdem Kiefer und Popow Bilder des Drohnenflugs „Lëtzebuerg vun Uewen“ von Yannick Stirn vertont haben, tritt die Sopranistin Marie-Christiane Nishimwe, begleitet von Marimbas, auf. An beiden Terminen werden Stücke eben zeitgenössischer Komponisten aufgeführt, darunter eine Uraufführung und eine Weltpremiere.


Weitere Informationen unter

www.svenkiefer.com und www.kulturhaus.lu