LUXEMBURG/EBENE ZWÖLF/TURM DREI
DANIEL OLY

„Roguelike“ trifft auf „Deckbuilding“-Kartenspiel: „Slay the Spire“ angespielt

Ein Versuch, die Spitze zu erreichen, den Endgegner zu schlagen, den Schatz zu rauben und das Spiel zu bezwingen; vorbei ist vorbei, beim zweiten Versuch startet man wieder von vorn. Warum „Roguelike“-Rollenspiele sich großer Beliebtheit erfreuen, ist mit solchen herausfordernden Mechanismen offensichtlich. Und wer eine Herausforderung und kleine Denksportaufgabe gleichermaßen sucht, kommt bei „Slay the Spire“ voll auf seine Kosten. Denn das Spiel, das sich noch immer als eine „Vorversion“ präsentiert, kombiniert „Roguelike“-Rollenspielelemente mit dem Grübeln eines „Deckbuilding“-Kartenspiels - und macht auf die Weise richtig Spaß, auch wenn es manchmal frustrierend sein kann.

Die Kraft der Karten

„Deckbuilding“ deshalb, weil hier nicht im Rhythmus gekämpft oder im Richtigen Augenblick auf das Knöpfchen gehämmert werden will. Stattdessen spielt man Karten aus, die in erster Linie entweder Schaden am Gegner ausrichten, oder verhindern, dass man selbst verprügelt wird. Was einfach klingt, wird schnell zur Rechenaufgabe: Wenn der Gegner zum Schlag ausholt, gibt eine kleine Ziffer über seinem Kopf Auskunft darüber, wie viel Schadenspunkte auf uns zukommen. Also schnell ausgerechnet, ob die „Blocken“-Karten, die wir selbst spielen können, ausreichen. Tun sie das nicht, werden wir verdroschen und - schlimmstenfalls - getötet.

Damit das nicht passiert, will ein Karten-„Deck“ zusammen gestellt werden. Man startet mit einem festen Satz an Karten, wird aber ständig ergänzt (oder ersetzt). Jeder besiegte Gegner lässt uns eine neue Karte auswählen, die wir hinzu fügen können. Besondere Karteneffekte wie „Etheral“ (Muss gespielt werden, ansonsten geht die Karte verloren) bringen eine kleine Prise Taktik in das Ensemble. Weil aber nicht immer alle Karten gleichzeitig zur Verfügung stehen, will die Wahl gut überlegt sein. Außerdem entsteht ein interessanter Aspekt des „Deckbuilding“: Wollen wir möglichst viele Optionen haben, so packen wir praktisch alles in den Stapel. Effizienter wäre es aber, eine Kern-Kombination aus wenigen Karten zu haben, die möglichst häufig „dran“ kommt, weil sie neu gezogen wird. Also doch lieber kleineres „Deck“? Die Wahl ist nicht so einfach, wie sie scheint. Und führt dazu, dass immer mal was Neues ausprobiert werden kann. Wer aber das Pech hat, auf einen Gegner zu treffen, der die eigene Kombination perfekt kontert, hat das Nachsehen - und das kann dann durchaus frustrieren. Aber auch das ist Risiko und Reiz am „Roguelike“.

Freie Wahl der Route

Angefangen wird mit der Auswahl eines Helden (zu Beginn steht nur eine Figur zur Verfügung, freischalten kann man aber insgesamt drei), der auf die heroische Reise zur Spitze des Turmes geht, um dem dort hausenden Übel den Garaus zu machen. Unterwegs gilt es natürlich eine Reihe an Gegnern zu besiegen - und über die Strecke entscheiden Spieler selbst. So lässt sich jederzeit die gesamte Karte einsehen, und man muss entscheiden, ob man lieber die „sichere“ Route, vorbei an all den Gegnern und in die Richtung vieler unbekannter Fragezeichen nimmt. Die können nämlich auch eine Falle sein. Also doch besser auf direktem Wege den Händler ansteuern, um dort vielleicht ein mächtiges Relikt, eine gute Karte oder einen wichtigen Trank kaufen zu können und sich gegen Bezahlung eine Karte löschen zu lassen. Auch das spielt eine Rolle und trägt dazu bei, dass kaum ein Versuch dem anderen gleicht. Und wenn dann am Ende doch der Schlussgegner triumphiert, herrscht ein Gefühl vor: Was wäre wohl passiert, wenn wir uns anders entschieden hätten. Da bleibt wohl nichts übrig, außer einen neuen Versuch zu wagen!

Als „Roguelike“-Verschnitt mit Kartenspiel ist wenig an „Slay the Spire“ auszusetzen; es verknüpft beide Designelemente nahtlos, packt eine Spur Humor rein und reizt zum Grübeln an. Und eigentlich kann man zwar ziemlich viel „falsch“ machen, kriegt aber auch normalerweise alle Informationen, die man braucht. Nur manchmal ist es etwas unübersichtlich oder zu detailliert, wenn bestimmte Effekte zum Beispiel schwerer zu erkennen sind als andere - und dann geht die Rechnung manchmal eben leider doch nicht auf. Durch die überraschend niedrigen Systemanforderungen ist es aber auch etwas für unterwegs, was sehr löblich ist.

Online für Windows, OSX und Linux erhältlich für 15.99. Eine Version für Nintendos Switch-Konsole folgt.