WILLEMSTAD/CURAÇAO
PATRICK WELTER

Curaçao - ein buntes Stück Niederlande jenseits des Atlantiks

Mitten im Weltkulturerbe: Alte Kaufmannshäuser, eine Café-Terrasse direkt an einer großen Gracht, die freundliche Bedienung spricht niederländisch und die Weihnachtsdekoration entspricht der Jahreszeit. Dann wird es aber exotisch. Weder die knappen Tops und Shorts der Gäste, noch die Tagestemperatur von konstant über 30° Celsius passen zum Kalender, schließlich ist schon November. Dann wird es noch schräger: Ein Klingelsignal, dann das Brummen eines Dieselmotors und die Pontonbrücke, die „Queen-Emma-Bridge“, auf der wir kurz zuvor noch die „Gracht“ überquert haben, fährt eigenhändig zur Seite.

Schließlich fällt ein dunkler Schatten auf die Terrasse und die schwarze Bordwand eines 30.000 Tonnen-Frachters, gezogen von einem Schlepper schiebt sich in nur wenigen Metern Abstand an uns vorbei. Wir sind wirklich in den Niederlanden, genauer gesagt im Königreich der Niederlande - näheres zur staatsrechtlichen Situation im Kasten - allerdings hat man hier unter Dutzenden Radiosendern die Wahl zwischen Radio Nederland und Radio Venezuela. Das vom bolivarischen Sozialismus gebeutelte Land liegt nur 70 Kilometer südlich. Wir sind in Willemstad, der Hauptstadt von Curaçao. Neun Flugstunden von Amsterdam entfernt. Zusammen mit Aruba und Bonaire bildet Curaçao die ABC- Inseln, die „Inseln unter dem Wind.“ Diese alte Seefahrerbezeichnung beschreibt den größten Vorteil der in West-Ost-Richtung im äußersten Süden der Karibik gelagerten Inseln: Sie liegen unter, soll heißen außerhalb, des Hurrikangürtels.

Zuerst kamen die Spanier...

Curaçao wurde ursprünglich von den Spaniern entdeckt und als „Insel der Riesen“ bezeichnet. Allerdings rotteten die Konquistadoren die namensgebenden, sehr hochgewachsenen Indianer umgehend aus. Ansonsten eine Insel unter vielen.

Dagegen erkannte die Niederländische Westindischen Gesellschaft das Potenzial der Insel: Curacao hat den größten geschützten Naturhafen der gesamten Karibik. Hinter der „Gracht“, der St. Anna-Bai, die mitten durch Willemstad führt, öffnet sich eine große verzweigte Bucht. Der Hafen wird heute größtenteils von einer gewaltigen Raffinerie - das nahe Venezuela lässt grüßen - eingenommen, der Rest ist Handelshafen und Stützpunkt der niederländischen Marine.

... dann die Sklavenschiffe

Aufgrund dieses Hafens wurde Curacao zu einem Hauptumschlagplatz in einem hochprofitablen aber unmenschlichen Geschäft - dem Dreieckshandel. Von Westeuropa aus wurden Waren aller Art an die afrikanische Westküste unterhalb der Sahara geliefert.

Die dortigen arabische Handelsstationen oder die einheimischen Küstenstämme zahlten mit dem, was sie im Landesinneren erjagt hatten: Sklaven. Hunderttausende Schwarzafrikaner wurden über einen Zeitraum von mehr als 300 Jahren über den Atlantik in Richtung Karibik verschifft. Wer von den gefangenen Afrikanern „Glück“ hatte, landete auf einem niederländischen Schiff. Dort kümmerte sich ein Arzt um die „Fracht“ , es gab mehr Platz und sogar Bewegung. Die Verluste an Menschen blieben gering und der Profit hoch. Franzosen, Spanier und Briten packten ihre Sklavenschiffe so voll, dass sie auch noch Profit machten, wenn sie ein Viertel der „Fracht“ tot oder todkrank auf dem Atlantik über Bord warfen. Nach dem Löschen der menschlichen Fracht fuhren die Schiffe von der Karibik, beladen mit Tabak, Gewürzen und Edelmetall, zurück nach Europa.

Warum der lange historische Exkurs? Weil Curaçao bis heute von der Geschichte der Sklaverei geprägt ist. Wichtig für das Verständnis der Insel sind zwei Museen: Das beeindruckende „Maritime Museum“ (www.curacaomaritime.com) und das traumhaft schöne, aber genauso schreckliche „Kura Hulanda Museum“ (www.kurahulanda.com) - mitten im gleichnamigen Hotel und Gastronomiekomplex - zur Geschichte der Sklaverei, das neben der grausamen Praxis auch zeigt, dass da keinen „Wilden“ sondern Menschen mit eigener Kultur entführt und ausgebeutet wurden.

Ein Besuch auf einer der ehemaligen Plantagen im Westen der Insel, die bis zu 400 Sklaven beschäftigten, darf auch nicht fehlen. Die Hautfarben der Inselbewohner variieren das Thema weiß bis schwarz in allen Abstufungen durch. Das deutlichste Erbe der Sklavenzeit ist aber das „Papiamentu“, die zweite gleichberechtigte Amtssprache neben dem Niederländischen. Papiamentu ist die Sprache der Sklaven. Eine Mischung aus Spanisch, Portugiesisch, und ein bisschen aus vielen anderen Sprachen. Ein Beispiel: Der schon erwähnte Begriff „Kura Hullanda“ stammt aus dem Papiamentu und heißt schlicht „Holländischer Hof.“ Das beliebteste Wort ist übrigens „Dushi“, es steht für süß, lecker, niedlich, toll oder als Anrede für „Darling“ oder „Mein Lieber.“ Der Landesslogan heißt daher auch „Dushi Curaçao“. Wer als Tourist mit „Dushi“ angesprochen wird, ist willkommen und mit großer Wahrscheinlichkeit kein Kreuzfahrer...

Fluch und Segen zugleich

Ein Ritual wiederholt sich jeden Tag: Ein oder zwei Mega-Kreuzfahrtschiffe legen morgens an, kippen ein paar tausend Touristen in die Altstadt, sammeln sie am Abend wieder ein und dampfen davon. Segen und Fluch zugleich. Manche der See-Touristen wissen nicht mal, wo sie gerade sind. Die sowieso geringe Abzockquote in Willemstad sinkt dramatisch, wenn die Einheimischen erkennen, dass man kein Kreuzfahrtourist ist, sondern auf der Insel bleibt und sich für das Land interessiert. Dann muss man nur noch das unfaire Zauberwort „We are no americans!“ anbringen und alles ist „Dushi“!

Willemstad hat mehr zu bieten als die weltberühmte bunte „Handelskade“ an der Anna-Bai, die zu Punda, der eigentlichen Altstadt mit Gouverneurspalast, der „Fortchurch“, alten Gassen und Markthallen, gehört. In Willemstad gibt es übrigens die älteste durchgehend genutzte Synagoge (www.snoa.com) der westlichen Hemisphäre.

Trotz der täglichen Kreuzfahrerschwemme findet man noch eine Vielzahl kleiner preiswerter Restaurants mit kreolischer Küche. Nach Norden schließt sich das jüdische Viertel Scharloo an. Es gibt dort wunderbare, jetzt wieder restaurierte, Zuckerbäcker-Villen in allen Farben. In der Nähe steht auch das Verwaltungsgebäude der Nationalbank von Curaçao und Sint Maarten, schließlich ist die Insel auch ein beliebter Platz für Offshore-Geschäfte. Im Osten der Stadt liegt Pietermaai mit Strandbars und Boutiquehotels: Hipp, durch und durch: - der „place to be“ - und alles „Dushi“.