LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Kollektiv, kooperativ, mobil: in Esch-Alzette wurden alternative Formen des Zusammenlebens vorgestellt

Ein Tag für die Entdeckung neuer Wohnformen in Luxemburg? In Esch-Alzette muss ein solcher wie an diesem Samstag schon fast in den „Nonnewisen“ stattfinden. Denn das Projekt „Wunnen am Park“ ist eine Art Labor für neue Formen des Zusammenlebens. Auf den 30 Hektar – die einzigen auf dem Territorium der Minettemetropole, die vor knapp 15 Jahren außerhalb der Industriebrachen noch für ein großes Urbanisierungsprojekt verfügbar waren – baut die Stadt Esch gemeinsam mit dem „Fonds du Logement“ seit 2006 500 Wohnungen und 400 Einfamilienhäuser, Geschäfte, Restaurants und Dienstleistungsbetriebe. Die Hälfte der Immobilen ist bereits fertig, mittlerweile leben bereits über 800 Menschen in diesem Teil des „Zaepert“-Viertels. Hier wird dicht gebaut und ökologisch, auf kleinen Parzellen, die komplett mit Baugenehmigung veräußert werden. Hier wird auf die soziale Lage von Käufern und Mietern geachtet und werden Autos möglichst aus dem Viertel, durch das ein Park läuft, herausgehalten. In den „Nonnewisen“ gibt es verschiedene Möglichkeiten, an erschwinglichen Wohnraum zu gelangen sowie verschiedene Bauformen. Am Samstag konnten die Besucher des kleinen Salons für alternative Wohnformen in der „Nonnewisen“-Schule aber auch andere Projekte entdecken. Wir haben einige rausgepickt. 

Mehrere Generationen unter einem Dach

Lëtzebuerger Journal

Bei Wohngemeinschaften stellen sich stets eine Menge Fragen. Wer unterzeichnet denn nun den Mietvertrag? Was passiert, wenn einer aussteigt? Fragen, die sich nicht nur die Mitglieder der WG stellen, sondern auch die Eigner der Wohnung oder des Hauses, in dem sie leben. Die Plattform LIFE will dem Besitzer von Wohnraum für WGs diese Sorgen nehmen, indem sie für ihn das Management übernimmt und ihm die Zahlung der Monatsmiete garantiert. Gary Diderich von LIFE ist überzeugt, dass auf diese Weise die Bereitschaft, mehr leerstehenden Wohnraum auf den Markt zu bringen und ihn Wohnungssuchenden günstig anzubieten (tinyurl.com/lifeWG) steigt. „Oppent Haus“ ist eine Bürgerinitiative, die es seit 2016 geschafft hat, 75 anerkannte Schutzbedürftige bei Hausbesitzern unterzubringen, die ihr Heim mit ihnen teilen möchten. „Cohabit’Age“ (cohabit-age.lu) und auch Caritas (www.caritas.lu) haben ihrerseits Mehrgenerationenhäuser aufgebaut. Ziel dabei ist es vornehmlich, Senioren in einer schwierigen sozialen Lage erschwinglichen Wohnraum zu verschaffen und vor der Isolation zu bewahren und die Integration zu fördern. Die jüngeren Hausbewohner unterstützen dabei die älteren. Aber, unterstreichen Experten wie Emma Zimer von Nouma (www.nouma.lu): WGs oder gar der partizipative Hausbau wollen gut geplant sein, müssen die Bewohner doch „zueinander passen“, um Konfliktpotenzial niedrig zu halten und man sich einig sein muss über alle technischen und juristischen Aspekte des Projekts.

Wohnen auf 15 Quadratmetern

Lëtzebuerger Journal

Quentin, Emmy und ihr kleiner Sohn ließen im Sommer 2017 ihre 45 Quadratmeter-Wohnung in Frankreich hinter sich, um ihr 25 Quadratmeter großes, größtenteils selbstgebautes „Tiny House“ zu beziehen. Einerseits wollte sich die reiselustige Familie nicht für Jahrzehnte durch hohe Mieten oder einen Hypothekarkredit belasten, andererseits wollten Quentin und Emmy aber auch auf einen genügsameren und umweltschonenderen Lebensstil umsteigen. Nach einem Jahr im „Tiny House“ und drei bis vier Reisen mit der vier Meter hohen Bleibe, die auf einem Anhänger steht, sind sie vollauf zufrieden und engagiert im Aufbau einer „Tiny House Community“ in Luxemburg. Ziel ist es natürlich, Gleichgesinnte zusammen zu bringen, aber auch die Rechtslage für diese mobilen Häuser, die um die 30.000 Euro kosten und derzeit eigentlich nur der Straßenverkehrsordnung unterliegen, zu präzisieren und Gemeinden zu bewegen, Stellplätze für „Tiny Houses“ auszuweisen. Jenes von Quentin und Emmy steht derzeit auf einem Campingplatz in der Nähe der Hauptstadt. Der aber wird über den Winter schließen, so dass sie nun nach einer anderen Stellmöglichkeit suchen. Eins ist sicher: viel Platz, Wasser und Energie brauchen sie nicht.

Mehr: ptinidhouse.wixsite.com/tinyfamilynest               

Facebook: TINY HOUSE Community Luxembourg

Das Erdschiff von Redingen

Lëtzebuerger Journal

Zwischen dem großen Einkaufszentrum und dem Lyzeum in Redingen/Attert wird Anfang des Jahres das „Äerdscheff“ aus dem Boden wachsen. Es ist die Verwirklichung einer Vision: völlig autonomen Wohnraum zu schaffen, aus Materialien, die nicht extra dafür produziert wurden, der sich selbst mit Wasser und Energie speist und die Bewohner sogar mit den Lebensmitteln versorgt, die sie brauchen. Eine Reihe von Freiwilligen steht bereit, um dieses Pionierprojekt umzusetzen, für das zweieinhalb Jahre nötig waren, um Genehmigungen einzuholen und bereits einige Kompromisse eingegangen werden mussten, wie zum Beispiel einen Trinkwasseranschluss an das öffentliche Netz. Das Konzept beruht auf der Idee des US-Architekten Mike Reynolds, der bereits in den 1970ern in der Wüste von Neu-Mexiko radikal selbstgenügende Häuser baute. „Earth ships“ gibt es mittlerweile weltweit eine Menge. Für das Projekt in Redingen/Attert, das am Ende weniger Wohn- als Kunstgalerie und Weiterbildungsstätte für ökologische Methoden sein soll, sucht die Mannschaft übrigens noch nach Materialien wie Altreifen, Altholz und Fenster.

Mehr: aerdscheff.cell.lu