Was den Deutschen seit Sonntagabend ihre Jogi-Elf ist, das wird den Luxemburgern, die sportlich gesehen ja so gut wie inexistent sind und angesichts ihrer tatsächlichen Größe sowieso immer noch einen kräftigen Minderwertigkeitskomplex haben, in Zukunft ihr Vorsitz der EU-Kommission sein: der Stolz der Nation. Der Jubel im politischen Luxemburg war gestern dann auch entsprechend gewaltig: Weil Jean-Claude Juncker den angestrebten Job nun schließlich doch noch bekommen hat, vor allem aber, weil er, der frühere Übervater, nun endlich „weg“ ist.

Bei der CSV sollen dann auch schon die ersten Stimmen laut geworden sein, den 15. Juli in Zukunft zum Nationalfeiertag erklären zu lassen, zumal mit Jacques Santer auf den Tag genau vor 20 Jahren schon einmal ein Luxemburger auf diesen Posten gewählt wurde. Nicht vom Europaparlament, das damals in dieser Frage noch kein Mitspracherecht hatte, sondern auf einem Sondergipfel der EU-Staats- und Regierungschefs, die seinerzeit nach einem Nachfolger vom Jacques Delors zu suchen gezwungen waren, nachdem die Nominierung des belgischen Ministerpräsidenten Jean-Luc Dehaene - auch das eine unglaubliche Parallele zur Juncker-Ernennung - zuvor am Veto des britischen Premierministers John Major gescheitert war. Aber in dieser Hinsicht ging diesmal ja Gott sei Dank alles gut.

Damit ist Juncker nun endlich dort angekommen, wo er schon einmal im Oktober 2009 ankommen wollte, nämlich in Brüssel, wo er seinerzeit sein Interesse am neu zu schaffenden Posten des Präsidenten des Europäischen Rates erklärt hatte, den dann ja Herman Van Rompuy bekommen hat. Spätestens seit diesem Zeitpunkt stand Juncker seine Unlust für die nationale Politik regelrecht im Gesicht geschrieben, war ihm, der als Eurogruppenchef ja schon ein paar Jahre lang mit den Wichtigen dieser Welt am Tisch sitzen durfte, das Großherzogtum mit all seinen Problemchen doch definitiv zu klein geworden.

Vom Schlecht-gelaunt-sein Junckers dürfte vor allem die bereits erwähnte CSV ein Liedchen zu singen wissen, musste diese doch jahrelang dessen Stimmungsschwankungen mehr schlecht als recht ertragen. Dass Juncker als zukünftiger EU-Kommissionspräsident nicht mehr so grantig daher kommen kann, wie er das in Luxemburg getan hat, und auch seine zuweilen etwas bizarren Aktionen wie Glatzenküssen oder Zungeherausstrecken im Zaum halten muss, versteht sich von selbst, ist die Brüsseler Presse doch nicht unbedingt für ihre Samthandschuhe bekannt, wie dies in den vergangenen Wochen und Monaten zur Genüge ersichtlich wurde.

Seinen alten Humor hat der frisch gewählte Kommissionspräsident jedenfalls noch nicht verloren, soll er gestern doch auf seiner ersten Pressekonferenz nach wochenlangem Schweigen gesagt haben, dass EU-Parlamentspräsident Martin Schulz sein Hauptgesprächspartner sein und er häufig mit ihm diskutieren werde: „Dann und wann werden wir uns sicher in die Haare kriegen - was bei Herrn Schulz nicht leicht vorzustellen ist.“ Als König der Kalauer hat Juncker seinen zukünftigen Vorgänger jedenfalls jetzt schon in die Tasche gesteckt...