LUXEMBURG
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„Mobbing a.s.b.l“ zieht eine weitere ernüchternde Bilanz

Die „Mobbing a.s.b.l.“ stellte gestern ihre Zahlen für das Jahr 2017 vor. Dabei zeigt sich einmal mehr: Das Problem des Mobbings am Arbeitsplatz ist auch fünf Jahre nach der letzten Bilanz weiterhin ein Thema. „Das Wichtigste ist, darüber zu sprechen“, meinte „Mobbing a.s.b.l“-Direktorin Monique Breisch. „Leider merken viele Opfer wirklich erst, was mit ihnen passiert, wenn es wirklich wehtut.“

2017 sind so 455 Beratungsfälle zu konstatieren - ein leichter Rückgang zum Vorjahr, wenngleich die Fälle mit nötigen Interventionen gestiegen sind. „Das Mobbing ist noch nicht vorbei im Großherzogtum“, resümiert Greisch. „Was uns Sorgen bereitet sind die Selbstmordgedanken: 57 Menschen gaben dahingegehende Gedanken an, leider gab es auch zehn versuchte Suizide - in diesem Jahr sind es bereits acht… das ist sehr bedenklich“, zeigte sie sich erschüttert.

Einzelhandel und Banken am ehesten betroffen

Am stärksten betroffen seien demnach die Sektoren des Einzelhandels, des Dienstleistungsgewerbes und des Bankenwesens. Auch der öffentliche Dienst sei um mehr als das Doppelte angewachsen - von vier auf zehn Prozent. Meist seien mittlere und kleinere Betriebe betroffen. „Besonders in kleinen Betrieben mit weniger als fünf Mitarbeitern ist es sehr schwer, eine angemessene Lösung zu finden. Besonders wenn der Täter der Chef selbst ist“, meinte Reisch. Auch Entlassungen durch Mobbingproblematik bleiben deshalb weiterhin ein Problem; „Oft bleiben ansonsten unbegründete Kündigungen die einzige Lösung“, bedauert sie. Die meisten Vermittlungen an die Hilfsvereinigungen kommen demnach aus dem Internet oder von Psychologen, oder von Arbeitskollegen oder Freunden. An der Stelle erinnerte Breisch zudem daran, sich professionelle, medizinische Hilfe zu holen: „Die meisten, die unter Mobbing leiden, wenden sich immer noch an Generalisten“, meinte die Direktorin. „Dabei wäre der Schritt zu einem behandelnden Psychiater der Richtige.“ Frauen sind demnach mit 66 Prozent der Fälle in der Überzahl, auch wenn der Männer-Anteil rapide zunehme; einer der Hauptgründe sei, dass sich Frauen eher Hilfe holen. Etwas mehr als 50 Prozent werden deswegen krankgeschrieben. Das Mobbing äußere sich dann vor allem in hohem Stress, Nervosität, Schlaflosigkeit, Depressionen.

„Im Schnitt kommen so sieben Krankenwochen zusammen“, erklärt sie. Das habe einen gewaltigen Einfluss auf die Wirtschaft: „Wir gehen davon aus, dass neun Prozent der Arbeitnehmer betroffen sind. Das würde bedeuten, dass 19.320 Betroffene, die krank sind, insgesamt 137.172 Krankenwochen sammeln“, rechnet sie vor. „Das würde im Umkehrschluss 95 Millionen Euro Verlust pro Jahr bedeuten.“ Als Ursache für das Mobbing bleibe demnach der Machtmissbrauch; besonders hierarchisches Mobbing herrsche weiterhin vor. „Die meisten Menschen missbrauchen ihre Macht und geben Mitarbeitern leidige, unnötige oder unmögliche Aufgaben“, meinte Reisch. „Es ist zudem meistens ein Mobbing in der Gruppe“, zudem schlagen sich Mitarbeiter eher auf die Seite ihres Chefs. Eine Frage der Geschlechter sei das aber nicht: „Frauen und Männer mobben gleichberechtigt“, meinte Reisch.

Die „Mobbing a.s.b.l“ konstatiert deshalb abschließend: „Das Mobbing-Problem ist in Luxemburg noch lange nicht vorbei, die Zahlen steigen permanent.“ Es brauche dringend eine einheitliche Definition und eine klarere Gesetzgebung für Mobbingopfer.

Der Ansicht ist auch Arbeitsminister Nicolas Schmit. „Wir müssen alles daran setzen, das Phänomen zu bekämpfen und den Menschen zu helfen, die darunter leiden.“ Deshalb lobte er die seit fast 20 Jahren starke Arbeit der Organisation. Der ständig wachsende Arbeitsmarkt bedeute auch, dass die Zahl der Betroffenen weiter steige. Da könne man seine Augen nicht weiter vor der Problematik verschließen. „Wir haben alle ein Interesse daran, das Problem zu lösen“, meinte der Minister. Da sei jeder gefragt, denn wenn über psychologische Probleme gesprochen werde, werde es zu oft als Humbug oder Kleinigkeit abgetan. „Das Problem muss sehr ernstgenommen werden“, mahnte Schmit deshalb. „Alles andere ist skandalös!“

Gut sei, dass Unternehmen und Firmenleiter zunehmend auf die Problematik reagieren. „Das zeigt, dass es im Bewusstsein ankommt. Wir haben immer mehr Regeln; etwa im Fall der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz“, meinte Schmit. „Als eigenes Gesetz wurde es aber noch nicht festgehalten - das muss der logische nächste Schritt werden“, war er überzeugt. Manuel Mullenbach, „Mobbing a.s.b.l.“-Präsident, sprach sich deshalb dafür aus, auch künftig eng mit dem zuständigen Arbeitsminister zusammenzuarbeiten.