MARNACH
SIMONE MOLITOR

Odile Simon, Direktorin des Cube 521 in Marnach, über die Aufbauarbeit der letzten Jahre und die Herausforderungen jeder neuen Spielzeit

Auf einer Höhe von 521 Metern spielt sich in Marnach das kulturelle Geschehen ab. Im letzten Jahr hat das Kulturhaus mit dem Namen „Cube 521“ sein zehnjähriges Bestehen gefeiert. Die anfänglichen kritischen Stimmen sind längst verstummt, und die zwölfte Spielzeit steht vor der Tür. Wir haben uns mit Direktorin Odile Simon über das kommende, gewohnt facettenreiche Programm unterhalten und über die Herausforderungen der letzten Jahre sowie der Zukunft geredet. 

  

Läuft nach über zehn Jahren eigentlich alles quasi wie von selbst oder muss man sich doch jede Saison wieder aufs Neue anstrengen, um das Publikum bei der Stange zu halten?

Odile Simon Wir können wohl mittlerweile auf eine Tradition zurückblicken, jedoch erfordert jede Tradition auch Erneuerung. Das verlangt Einsatz, dafür muss man immer wieder kämpfen. Im Theaterbereich setzen wir in diesem Jahr auf starke Schauspieler und starke Themen, und im Musikbereich auf die Schönheit der menschlichen Stimme in allen Facetten. Tatsächlich ist jede Saison eine Herausforderung. Wir haben neue Künstler im Programm, für die wir je nachdem lange gekämpft haben. Matthias Brandt kommt nun schon zum dritten Mal, was mich sehr freut. Im Schauspiel Frankfurt haben wir einen neuen Partner gefunden. Solche Sachen kommen nicht von heute auf morgen zustande, dahinter steckt viel Arbeit und oft ein Kampf, der über Jahre ging. Jedes Jahr, eigentlich jedes neue Spektakel ist an sich eine neue Challenge.

 

Das Programm hat sich also mit der Zeit verändert? Oder gibt es eine gewisse Kontinuität?

Simon Die gibt es natürlich. Über die Jahre haben wir drei Abonnement-Reihen aufgebaut: Jazz&World-, Theater- und Kinder-Abo. Unser Angebot im Theaterbereich ist inzwischen viersprachig und wurde mit der Zeit ausgebaut. Das ist eine kontinuierliche Arbeit. Heute  zeigen wir Stücke, die wir am Anfang nicht hätten zeigen können. Das Schauspiel Frankfurt wird beispielsweise mit Georg Brants „Grounded“ zu Gast sein, in dem es um ein hochpolitisches Thema geht, nämlich um die Kriegsführung mit Drohnen. Lutz Hübners „Wunschkinder“ handelt von einem Generationenkonflikt. Über die Jahre haben wir uns ein Publikum aufgebaut, das sich für solche Themen interessiert. Es ist nicht so, als würde in dieser Region kein interessiertes Publikum leben, das die Herausforderung sucht, trotzdem war eine gewisse Aufbauarbeit nötig. Jazz hatten wir derweil von Anfang an im Angebot, allerdings bieten wir inzwischen ein richtig großes Programm mit großen Namen wie der Oud-Virtuose Dhafer Youssef, die fantastische afroamerikanische Jazzsängerin Somi oder der Starsolist am Akkordeon Vincent Peirani. Das Quintett „Canadian Brass“ kommt ebenfalls für ein Konzert. Vor zehn Jahren hätten wir uns das nicht leisten können.  Hinter diesen großen Namen steckt viel Arbeit. Zum zweiten Mal werden nun auch schon die „Dimanches du chant grégorien“ in Zusammenarbeit mit der Abtei von Clerf organisiert.

 

Sie setzen also nicht nur auf große Namen aus dem Ausland?

Simon Auf keinen Fall, selbstverständlich kommen auch regionale Projekte nicht zu kurz. Unsere Bühne stellen wir ebenso lokalen Musikvereinen zur Verfügung, wie wir Luxemburger Künstler bei uns empfangen, so etwa Luc Feit oder Sarah Grunert. Die langjährige Zusammenarbeit mit dem „Théâtre du Centaure“ sowie dem TNL setzen wir fort. Noch dazu arbeiten wir mit dem Großen Theater an einer Koproduktion: „Déi bescht Manéier, aus der Landschaft ze verschwannen“ von Charles Muller nach einem Text von Guy Rewenig. Wir bauen also weiter auf dem auf, was wir in der Vergangenheit geschaffen haben. Genau darum geht es in meinen Augen: aufbauen, ausbauen und erneuern, ohne dabei aber seine Wurzeln zu verlieren.

 

War es eigentlich schwer, den Geschmack der Kundschaft im Norden der Landes und der Grenzregion zu treffen?

Simon Im Gegenteil, der erste Spielplan kam seinerzeit sofort gut an, sodass wir auf diesen Parametern aufbauen konnten. Kindertheater ist übrigens auch ein gutes Beispiel und ein sehr wichtiger Punkt im Programm des Cube 521. Dieses Abo wird sehr genutzt. Eine große Erneuerung bringt nun im Herbst die Eröffnung des Clerfer Lyzeums mit sich, deshalb haben wir jetzt auch ein Programm für Besucher ab zwölf Jahren auf die Beine gestellt, bei dem wir vor allem auf politische Bildung setzen, so etwa mit dem Stück „Alle Da!“ der bekannten Jugendautorin Anja Tuckermann.

 

Gibt es denn auch Sachen, die nicht funktioniert haben, oder die Sie, aus welchen Gründen auch immer, nicht machen?

Simon Wir haben nie die Richtung Pop- oder Rockmusik angestrebt, weil sich unser Saal einfach nicht dafür eignet. Die Leute sitzen bei uns, es herrscht eine Theateratmosphäre. Auch Tanz haben wir bislang kaum gemacht, nun aber auch solche Projekte ins Programm aufgenommen, weil es ein Publikum dafür gibt. Ein großes Tanzprogramm streben wir aber nicht an, ganz einfach, weil uns dazu dann doch die nötige Laufkundschaft fehlt. Marnach ist ja keine Großstadt.

Was ist sonst noch anders in einem dezentralen Kulturhaus wie dem Cube 521?

Simon Gerade als dezentrales Kulturhaus haben wir auch die Funktion, die Kultur zu den Leuten zu bringen. Es geht sozusagen um demokratische Gerechtigkeit. Von Esch/Alzette bis in die Stadt sind es 19 Kilometer, von der Stadt bis nach Ettelbrück 23, und von Ettelbrück bis oben an die Spitze sind es noch einmal 42. Das wird gelegentlich vergessen. Manchmal hört das Denken bei Ettelbrück auf, als würde das Land dort enden. Das stimmt aber nicht, immerhin kommen ja noch 42 Kilometer. Da wohnen auch Menschen, und die sind froh, nicht bis in die Hauptstadt oder nach Ettelbrück fahren zu müssen, um ein kulturelles Angebot wahrzunehmen. Unser Haus ist eine Bereicherung für die ganze Gegend. Außerdem befinden wir uns in einem Dreiländereck, in der Großregion Ösling. Aus der Eifel und Belgien kommen Besucher, und auch Touristen „verirren“ sich zu uns. Wichtig ist zudem, die Region und ihre Bewohner miteinzubinden, indem wir unsere Räumlichkeiten ebenso den lokalen „Pompjeeën“ wie der Musikschule zur Verfügung stellen. Das Cube 521 ist wirklich ein sozialer Treffpunkt für die ganze Umgebung. Niemand geht sofort nach der Veranstaltung nach Hause. Die meisten bleiben, um in geselliger Atmosphäre noch ein Gläschen zu trinken, ein bisschen zu plaudern, mit den Künstlern zu reden…

 

Aus all diesen Aussagen darf man wohl schließen, dass es dem Cube 521 sehr gut geht?

Simon Wir können uns nicht beklagen. Natürlich kann man immer mehr Geld brauchen, das wird aber wohl jeder sagen. Künstler mit großen Namen kommen zu uns, und es gefällt ihnen. Über die Jahre ist das Publikum mit unseren Veranstaltungen gewachsen. Eigentlich lagen wir aber von Anfang an bei einer Auslastung von 92 Prozent. Zwischendurch haben wir den Saal um 50 Sitzplätze erweitert. Mit 330 Plätzen sind wir jetzt am Limit. Also ja, es geht uns gut. Wir haben ein super Publikum, ein schönes Gebäude und sind ein gutes Team.

 

Ein kleines Team vor allem auch?

Simon Ja, wir sind insgesamt fünf, darunter ein Techniker der Gemeinde Clerf. Im Vergleich zu anderen Häusern sind das sehr wenige. Es erfordert Idealismus. Man darf nicht erwarten, an jedem Tag nach genau acht Stunden nach Hause zu gehen. 80 bis 90 Vorstellungen stehen jedes Jahr auf dem Programm. Hinzu kommen Konferenzen und Weiterbildungen, die wir ebenfalls stemmen müssen, sodass wir im Endeffekt auf 120 oder 130 Veranstaltungen im Jahr kommen.

Zusätzliche Infos und das Programm unter www.cube521.lu