LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Mit dem Projekt „Lingscape“ erforschen Linguisten der Universität Luxemburg Mehrsprachigkeit im öffentlichen Raum - Sie setzen dabei auf die Beteiligung der Bevölkerung

Wenn man mit mir derzeit unterwegs ist, muss man etwas Geduld mitbringen“, sagt Dr. Christoph Purschke. Denn wo immer der Linguist gerade ist, zückt er das Smartphone und fotografiert Schriftzeichen aller Art im öffentlichen Raum. Mit dem Forschungsprojekt „Lingscape“ will Purschke zusammen mit Peter Gilles möglichst viele Daten sammeln. Deshalb setzen die Forscher auf Bürgerbeteiligung. „Citizen Science“ nennt sich das. Jeder kann per kostenloser App zum Forschungsprojekt beitragen, indem er Schilder, Graffiti, Aufkleber oder andere Beschriftungen im öffentlichen Raum fotografiert, kurz beschreibt und hochlädt. Mehr als 400 Mal sei die App bislang heruntergeladen worden, erklärt Purschke, der sich aber noch eine größere Bürgerbeteiligung wünscht. „Bislang haben wir 700 bis 800 Bilder gesammelt. Das darf durchaus noch mehr werden“, führt der Assistant-Chercheur für Variations- und Soziolinguistik aus, räumt aber gleichzeitig ein, dass man sich noch in der Anfangsphase des Projekts befinde.

Welche Sprachen sind wo dominant?

Mit dem Forschungsprojekt verfolgen die Linguisten mehrere Ziele. „Die sprachliche Landschaft ist ein Indikator dafür, wie sich eine Gesellschaft entwickelt aber auch, welche Sprachen dominant sind.“ Auch wenn damit zu rechnen ist, dass das Französische bedingt durch die Verkehrsbeschilderung und kommerzielle Kommunikation eine große Rolle spielt, rechnen die Linguisten doch mit Unterschieden. Beispielsweise gebe es bedingt durch die Bevölkerungszusammensetzung mehr Portugiesisch in Esch, in Belval sei indes häufig Englisch und Luxemburgisch - beispielsweise auf Plakaten - anzutreffen. Darüber hinaus interessiert sich Purschke, der seit 2015 an der Universität Luxemburg ist, auch spezifisch für die luxemburgische Sprache. Er will erfassen, „wie viel Luxemburgisch wirklich da ist“, ob es so wenig ist, wie manche befürchten oder doch mehr.

Eine neue Etappe wird das Projekt ab Januar nehmen. Dann nämlich soll die App in 20 Grundschulen zum Einsatz kommen. Die Schüler sollen erfahren, wie vielfältig die Sprachlandschaft ist, welche Sprachen man im öffentlichen Raum braucht oder einen Austausch darüber ermöglichen, wer welche Sprachen kennt. Schulklassen werden zu diesem Zweck private Karten anlegen können, die gesammelten Daten können allerdings auch in das Forschungsprojekt einfließen. Erweist sich das Pilotprojekt als erfolgreich, sollen bis zum Sommer Lehrmaterialien für eine regelmäßigere Nutzung ausgearbeitet werden.

Erst Luxemburg, dann die ganze Welt

Wenn sich die Forscher in erster Linie auf Luxemburg konzentrieren, wollen sie sich in einem zweiten Schritt auch sprachliche Landschaften weltweit anschauen. Bereits heute kann man von überall in der Welt Daten einspeisen, die dann auf der Karte (lingscape.uni.lu) angezeigt werden. Aus der Schweiz, Deutschland und Österreich sind beispielsweise bereits einige Einsendungen - vorrangig von anderen Wissenschaftlern - zu sehen. Als Purschke vor kurzem in Kanada war, hat er selber zahlreiche Schilder und Tafeln in den Straßen von Vancouver fotografiert.

Zwar gebe es weltweit auch andere Projekte, die sich mit der „linguistic landscape“ befassen, häufig aber ohne Bürgerbeteiligung. In anderen Bereichen finde indes die Einbeziehung der Bevölkerung statt. Der Linguist will also auch herausfinden, ob die Bevölkerung hierzulande und in anderen Ländern auf ein solches Projekt anspricht. Erst vor kurzem sei man in einem „Citizen Science“-Netzwerk in den USA aufgenommen worden. Durch Öffentlichkeitsarbeit in den sozialen Netzwerken will Purschke für das Projekt werben.

Dass die Forscher auf die tatkräftige Unterstützung der Bevölkerung setzen, ist aber auch eine Frage des Selbstverständnisses. „Als Forscher sind wir Teil der Gesellschaft, in der wir leben“, erläutert Purschke. Das Bild des Forschers im Elfenbeinturm behage ihm nicht. „Ich möchte Forschung machen, die gesellschaftlich relevant ist.“ „Citizen Science“ sei eine „gute Gelegenheit zu zeigen, was wir wirklich machen.“

Die gesammelte Datenmenge soll zu einem späteren Zeitpunkt mit Verfahren aus der Computerlinguistik ausgewertet werden. Den Forscher interessiert dabei beispielsweise auch die Wahrnehmung von Sprachen. In den Uploads sollen die Teilnehmer immer auch beschreiben, welche Sprachen sie beobachten. Kyrillische oder chinesische Schriftzeichen werden beispielsweise in mehreren Sprachen verwendet. Die Bevölkerung will Purschke aber auch weiterhin mit einbeziehen. Im Gespräch erwähnt er beispielsweise die Möglichkeiten von Quiz. Zunächst einmal aber muss die Datengrundlage entstehen und die Bevölkerung mitmachen. Christoph Purschke geht schon davon, dass es den Leuten Spaß machen könnte, sich zu beteiligen. Schließlich, sagt Purschke, der einmal auf einem Streifzug von „Pokémon Go“-Spielern nach der nächsten Arena gefragt wurde, sei es in etwa so wie Pokémon zu sammeln, „nur, dass man keine Punkte kriegt“. Dafür aber zur Forschung in Luxemburg beiträgt.

„Lingscape“ ist kostenlos in den App-Stores von Apple und Google erhältlich. Mehr Informationen zum Forschungsprojekt unter lingscape.uni.lu.