LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Neue Anforderungen einer globalen Bewegung

Die Aufklärungsbewegung, die im 18. Jahrhundert in Europa entstand, hatte vorwiegend eines zum Ziel - mithilfe von Wissenschaft und Rationalität das religiöse Dogma aufdecken. Enzyklopädien und Lexika entstanden und sollten die Vorherrschaft der Bibel in den Bücherregalen ablösen. Die Trennung von Glauben und Wissen war demnach das Leitmotiv, durch welches den Menschen die Wichtigkeit des eigenständigen Denkens bewusst werden sollte.

Drei Jahrhunderte später scheint die Welt erneut unter den dunklen Wolken der Dogmen zu ächzen. Doch anstelle der einen, religiösen Wolke ist der Himmel nun von einer Unzahl solcher Gebilde verschleiert, aus denen es längst nicht mehr bloß Weihwasser regnet. Die Front ist mittlerweile weitaus breiter. So gibt es neben kulturellen oder religiösen Dogmen auch solche politischer Natur, wirtschaftliche, unter denen auch finanzielle und technologische zu finden sind, mediale, gesellschaftliche,... die Liste ist lang. Vorwiegend besteht das Problem des Dogmas darin, sich einer Meinung blind zu unterwerfen, nach ihr zu leben, in ihr zu leben, das Leben durch sie zu leben. Seien dies nun politische Ideologien oder das Preisen technologischer Notwendigkeiten, utopische mediale Plattformwelten, Finanzblasen, das Problem bleibt stets das gleiche: Der Einzelne hört auf, oder fängt gar nicht erst an zu hinterfragen. Ist das Umfeld einmal konstruiert, lebt es sich in seinem Rahmen recht ungeniert. Dass die eigene Freiheit in die Hände der einigen Wenigen gelegt wird, scheint zweitrangig zu werden.

Eine Aufklärungsbewegung, deren Ziel es sein soll, den Menschen aus diesem allzu starren und gefährlichen Rahmen an Dogmen zu befreien, um wieder selber Teil an der Entscheidungsfindung der eigenen Lebensfragen haben zu können, muss zu dieser Zeit einige Hürden stemmen können. Ihre Aufstellung muss maximal pluralistisch sein, es gibt viele Nationen und Kulturen auf dieser Welt, die allesamt mit anderen Vorstellungen und Traditionen aufeinandertreffen. Ihre Zielsetzung, die damals noch die Freiheit von religiösen Gängeln war, ist nicht nur durch die vielen verschiedenen, fast schon windmühlenartig anmutenden Fronten erschwert zu definieren, sondern auch weil sie selbst notwendigerweise global ausgerichtet sein muss. Das gesellschaftliche Zusammensein beschränkt sich längst nicht mehr nur auf physische, territoriale Gebiete, sondern kennt - bis auf weiteres - nur den Globus als Grenze.

Nun stellt sich also die Frage, worin eine solche Zielsetzung der Aufklärung 2.0 bestehen könnte, die global zu vertreten wäre. Eine nahezu aporetisch anmutende Anforderung, jedoch denke ich, dass des Rätsels Lösung in einer Art dynamischen und organischen, weltoffenen Konsens zu liegen hat. Ein Konsens, der gemeinsam das Streben nach Frieden und Ethik ausdrücken soll. Auf den ersten Blick scheint logisch, dass dieser globale Konsens primär Ziele wie etwa das Verhindern von Genoziden und die Abschaffung aggressiver Staaten verfolgen sollte. Aber auch die Hilfe für benachteiligte Menschen, gegenseitiger Respekt und Selbstachtung, sowie das kollektive Agieren bezüglich wichtiger, gesellschaftlicher Probleme, wie es etwa in punkto Klimawandel verlangt wäre, müssten hier enthalten sein.

Und weil wir keine Romantiker oder Schwärmer sind, wissen wir gleich: unmöglich! Wo früher die Idee der Idealvorstellung des moralischen Menschen schlechthin genügte, um ganze Leitbilder von progressiven Bewegungen zu schmücken, gibt es heutzutage nicht einmal mehr bezüglich existenzieller Fragen wie etwa nach der eigenen Selbstverwirklichung, nach ethischen Prinzipien oder gar nach dem Schutz unseres Heimatplaneten einen praktikablen Konsens. Die kulturellen Divergenzen hierzu scheinen meilenweit auseinanderzuklaffen, wie könnte eine einheitliche Aufklärungsbewegung all dies umfassen und tatsächlich einen Weg finden, weg von all den bestehenden Beschränkungen, Vorurteilen, Divergenzen und Dogmen, um dem eigentlichen humanitären Ideal, Autonomie und Würde, entgegenzustreben?

So käme dieser neuen Aufklärung die Herkulesausgabe zu, völkerweit diejenigen anzusprechen, die zunächst einmal überhaupt die Notwendigkeit erkennen, sich gegen die Fesseln der Dogmen, ganz gleich welcher Art, zu stemmen. Der Drang nach Wahrheit und Freiheit ist wohl kaum ethnisch begrenzt. Natürlich gab es die damalige aufklärerische Tendenz nicht in allen Regionen der Welt, jedoch gibt es unter den vielen Homo Sapiens, den vernünftigen Menschen, die der Spezies exemplarische Möglichkeit zu denken und zu reflektieren. Denkanstöße können bei jedem und überall, einiges an Wandel lostreten.

Des Weiteren muss der Aufklärungskultur der Wille zur Flexibilität und Anpassung inhärent sein. Wenn global zusammen über ethischen Konsens diskutiert werden soll, heißt es, sich vielen heterogenen Vorstellungen zu öffnen, die eigene nicht als absolut anzusehen und sich miteinander Diskussionen rund um Verständnis und Verbesserung zu widmen. Allein die Konzepte der menschlichen Würde, von Ethik, von Freiheit, bieten mehr als genug Raum für kulturübergreifende Diskussionen, um das soziale Bewusstsein anstelle von dogmatischer Lethargie zu fördern.

Wird es je möglich sein, ein weltweites Nachdenken anzustiften? Die Notwendigkeit gegen die herrschende Unterdrückung der eigenen Freiheit zu erkennen und den großen Dogmatikern dieser Zeit, deren Religion vor allen Dingen dem Gott des Geldes huldigt, entgegenzutreten?

Es erfordert Mut, viel mehr Mut als je zuvor. Doch jeder Einzelne unter uns kann sich entscheiden, ob er überhaupt sehen will, in welchen Illusionen die Gesellschaft von heute lebt. Ob er bereit ist, diese so komfortabel erscheinende Wolke zu verlassen und sich für das, was ihm eigentlich zusteht, einzusetzen: ein Leben in Freiheit und Gerechtigkeit. Diese Wahl kann niemand Ihnen abnehmen, falls Sie sich dazu entschließen, jenseits der Dogmen zu leben. Der Ball liegt bei uns allen.