LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Danielle Collé, Leiterin des „Meederchershaus“, betreut seit zwanzig Jahren junge Mädchen

Seit 20 Jahren kümmert sich Danielle Collé um Mädchen, die nicht mehr zu Hause bleiben können oder wollen - weil sie dort physischer, psychischer oder sexueller Gewalt ausgesetzt sind. Die Direktorin des „Meederchershaus“ begleitet täglich die Mädchen zwischen zwölf und 21 Jahren. 611 haben bislang die geheim gehaltene Adresse aufgesucht. Hier erzählt sie, was die Mädchen erleben.

Frau Collé, bald ist Weihnachten, das Familienfest. Haben Sie dann weniger Anfragen?

Danielle Collé Im Gegenteil, vor den Winterferien ab Mitte Dezember sowie Anfang oder Mitte Juli steigt die Zahl der Anfragen, die über die Anlaufstelle „Oxygène“ an uns gestellt werden. Das hängt vielleicht auch mit der Angst vor den Zensuren zusammen.

Wie läuft eine Anfrage ab?

Collé Wir werden in der Regel von „Oxygène“ angerufen. Dort melden sich die Mädchen, die Probleme haben. Es gibt ein erstes Gespräch, in dem es um Informationen geht. Manche Jugendliche haben auch andere Möglichkeiten unterzukommen. Darüber hinaus gibt es Grenzen. Wir nehmen keine Mädchen, die schwanger oder drogensüchtig sind oder schwerwiegende psychische Probleme haben. Darum kümmern sich andere Stellen; das kann unsere Struktur nicht leisten. Manchmal gibt es Grenzfälle. Die Mädchen sind zu fit für die Psychiatrie, aber nicht fit genug für den Alltag. Wenn die Kollegin bei „Oxygène“ denkt, dass es ein ernster Fall ist, dann schicken sie eine Zusammenfassung. In dringenden Fällen rufen sie auch an. Wir haben eine relativ große Fluktuation und wissen, wann es Platz gibt.

Warum nehmen Sie auch Mädchen über 18 Jahre auf?

Collé Sie sind zwar nach dem Gesetz volljährig, aber oft noch in der Ausbildung und können nicht allein leben. Daher haben wir uns dazu entschlossen. Wenn sie über 18 Jahre sind, brauchen wir keine Zustimmung der Eltern. Sonst schalten wir das Jugendgericht ein für eine vorübergehende Obhut, die dann angeordnet wird. Das Gericht kann eine Dringlichkeit durchsetzen, wenn Gewalt vorliegt. Dann kann das noch am gleichen Tag entschieden werden. Hier zahlt es sich aus, dass die Dienste eng zusammen arbeiten. Entschieden wird nach den Hauptkriterien körperlicher, psychischer und sexueller Gewalt.

Sie machen das seit 20 Jahren. Haben sich die Schutzsuchenden verändert?

Collé Ja, weil die Gesellschaft sich verändert hat. Generell kommen die Mädchen aus allen Schichten. Jetzt haben wir oft Anfragen von Mädchen aus afrikanischen Ländern wie dem Kongo oder auch den Kapverden, die im Rahmen einer Familienzusammenführung herkommen. Die sind dann oft schon 15 oder 16, wenn sie herkommen. Sie kennen die neue Familie und die Landessprachen nicht. In der neuen Stieffamilie werden Konflikte auch oft mit Gewalt gelöst. Da gibt es Erniedrigungen oder die Mädchen werden zu Kindermädchen degradiert. In letzter Zeit haben wir auch vermehrt Kinder aus Rosenkrieg-Scheidungen. Dazu kommen dann Wohnungsprobleme. Manche Kinder wachsen unter katastrophalen Umständen auf. Eine neuere Entwicklung sind Familien, die nicht nach den Kindern schauen, bei denen aber materiell alles vorhanden ist. Wenn die Eltern keine Zeit für die Jugendlichen haben, kompensieren sie das mit Geld, Reisen und der Abwesenheit von Regeln. Sie versuchen, die Freunde der Kinder zu sein und füllen ihre Elternrolle nicht mehr aus. Aber es ist nicht negativ, Grenzen zu setzen. Rechte und Pflichten gehören zusammen. Emotionale Kälte kann genauso schlimm wie körperliche Gewalt sein.

Was passiert, wenn die Mädchen hier sind?

Collé Die meisten bleiben drei bis vier Monate hier. Wir beziehen die Eltern mit ein. Wenn es möglich ist, gehen die Mädchen nach Hause zurück, sonst in ein Heim. Bei schlimmer körperlicher oder aber sexueller Gewalt ist eine Rückkehr nach Hause ausgeschlossen.
Wie reagieren die Mädchen hier?

Collé Viele sind sehr selbstbewusst und überschätzen sich oft. Jede ist der Nabel der Welt und das Wir-Gefühl fehlt, es ist eine sehr egoistische Haltung. Sie kennen in der Regel ihre Rechte, aber ihre Pflichten kennen sie nicht. Wenn wir sagen: Du bekommst Taschengeld, wenn Dein Zimmer aufgeräumt ist, dann ist das anfangs schwierig. Viele haben auch Probleme mit einer sinnvollen Freizeitgestaltung. Handy und Fernsehen gehören für mich nicht dazu, jedenfalls nicht ausschließlich. Da ahmen sie oft die Erwachsenen nach. Wir sind froh, wenn sie Sport treiben oder Musik machen - aber
das ist selten der Fall. Wir versuchen, streng zu sein und einen Rahmen zu bieten. Die bis zu zehn Mädchen, die hier sind, meckern zwar, aber sie akzeptieren das. Wir lassen ihnen wenig Spielraum. Schön ist es, wenn sie nach Jahren zurückkommen und sagen: Ja, das war richtig so, das hat mir geholfen. Das gibt einem viel, denn der Alltag ist manchmal schwierig. Zum Glück funktionieren wir als Team sehr gut.

Welche Probleme haben Sie?

Collé Oft kommen die Mädchen, wenn sie kurz vor dem Schulabschluss stehen. Viele arbeiten dann nicht und das ist erschreckend wegen ihrer Zukunft. Früher gab es Aushilfen oder einfache Jobs, aber heute ist es ohne Abschluss wirklich schwer, eine Perspektive zu haben. Das Schulsystem ist auch nicht für jede gemacht; insbesondere durch die Vielsprachigkeit. Aber es gibt noch ganz andere Hürden. Ich bin immer wieder erschreckt, wie wenig eine Uhr lesen oder einen Brief schreiben könne. Die Niederschwelligkeit bei den Fähigkeiten ist ein Problem.

Zwei Mädchen erzählen, warum sie nicht mehr mit ihrer Familie leben

Hilfe in der Krise

Maria S.* (17) kam aus den Kapverden in eine Stieffamilie „Ich weiß noch genau, wie er mich das erste Mal angefasst hat. Dabei hat er nach Bier gestunken. Ich habe mich geschämt und gleichzeitig hatte ich Angst vor meiner Mutter, schließlich ist das ihr Mann. Manchmal weiß ich gar nicht, warum sie mich überhaupt nachgeholt hat. Als ich 2013 mit elf Jahren nach Luxemburg kam, lebte meine Mutter schon sechs Jahre hier. Sie hat die Kapverden verlassen, als ich noch klein war. Sie hat gesagt, in meiner Heimat gibt es keine Arbeit und keine Aussicht für mich. Jetzt, wo dein Vater tot ist, gehe ich lieber zu meiner Schwester nach Luxemburg. Ich wusste gar nicht, was das ist, Luxemburg. Meine Großmutter hat mir gesagt, es ist weit, sehr weit weg. Meine Mutter hat Fotos gemailt, geskypt. Sie hatte eine Stelle als Verkäuferin gefunden und ein paar Jahre später Jorge, ihren neuen Mann. Mit ihm hatte sie meinen kleinen Bruder bekommen. Ich sollte zu ihr kommen. Aber sie war mir fremd, mit dem vielen Make-up, dieser Sprache, auf die sie so stolz ist und die ich so hart finde und immer noch nicht gut verstehe. Auf den Kapverden habe ich abends mit meiner Großmutter draußen gegessen und bin mit meinen Freundinnen ausgegangen. Hier geht das nicht. Das Essen ist so schwer, immer gibt es Bohnen und nichts ist gewürzt. In der Schule hat ein Junge Scherze über meine Haare gemacht. Wir haben eine Mädchengruppe in der Klasse, die nicht mal mit mir redet, weil ich keine Markenklamotten trage. Als ich herkam, war es kalt, früh dunkel und die Busse fuhren nach Plänen, die ich nicht verstand. Die ersten Tage in der Schule war ich zu spät. Ich konnte ein bisschen Französisch, aber das reicht nicht. Ich musste so viel lernen, dass mir der Kopf wehtat. Abends musste ich meinen kleinen Bruder aufpassen, weil meine Mutter ausgehen wollte. „Jetzt bist du ja hier“, hat sie gesagt. Wenn ich dem Kleinen etwas verboten habe, hat er sich hinterher bei Jorge beschwert. Der war sauer und hat mich dumm und frech genannt, ein unnützes Maul zum Stopfen. Wenn meine Mutter nicht da war, hat er mir eine gescheuert; immer öfter. Meine Mutter war zwar nicht froh, aber das hat mir nicht geholfen. Einmal, als sie nicht da war, musste ich wieder den Kleinen aufpassen. Jorge trank Bier, viel Bier. Und dann er mich angegrabscht. Ich habe ihn weggestoßen und er hat zugeschlagen, immer wieder. Er ist viel stärker als ich. Da bin ich auf die Straße gerannt und habe geweint. Draußen standen ein paar Häuser weiter Polizisten. Sie haben mich beruhigt und zu „Oxygène“ gebracht. Da habe ich mit einer Frau gesprochen. Sie waren sehr nett. Zum Glück war ein Bett frei. Jetzt bin ich hier und fühle mich zum ersten Mal gut.“ Sophie N.* (15) lebte in einem großen Haus und hatte reichlich Geld zur Verfügung „Ich finde es hier ok, auch wenn mir die Enge auf die Nerven geht. Zu Hause bei Marc – das ist mein Vater – hatte ich ein eigenes, riesiges Zimmer mit Himmelbett, begehbarem Schrank und eigenem Bad. Jeden Tag kam Julie, unsere Putzfrau, und räumte auf, machte die Wäsche und kochte. Hier muss ich aufräumen, das ist blöd. Sie meckern, weil ich meine schmutzige Wäsche gern herumliegen lasse. Warum ich hier bin? Marc und Christiane haben sich nicht mehr verstanden. Genau genommen hassen sie sich. Christiane ist meine Mutter, aber Marc nennt sie nur die Nutte – und sie ihn den Schmierfink. Marc ist eigentlich ganz cool. Er hat einen Mercedes AMG, geht am Wochenende golfen und manchmal jagen mit seinen Kollegen aus der Kanzlei. Unser Haus auf Limpertsberg ist riesig. Christiane ist nicht so cool, sie hat einen Arzt geheiratet und wohnt jetzt bei ihm in so einem Vintage-Loft, aber auf dem Dorf. Aber sie sind auch nicht so viel da. Deshalb geben sie mir Geld, damit ich shoppen und ausgehen kann. Ich habe geiles Make-up und kann mich so zurecht machen, dass ich in die Clubs komme. Damit fing das Problem an. Denn da gibt es Typen, die geben dir was, anfangs ist es umsonst. Aber später sollst Du zahlen. Einmal kam eine Kontrolle und ich hatte ein Päckchen dabei. Sie haben dann Marc und Christiane angerufen. Die haben sich auf dem Präsidium angeschrien und gegenseitig die Schuld gegeben. Das hat die Polizisten mehr beeindruckt als mich. Ich habe ein paar Snaps an meine Freundinnen geschickt. Dann haben sie mir mein neues Handy weggenommen, da war ich sauer. Ich musste mich mit meinen Eltern beraten lassen. Da kam raus, was für ein cooles Leben ich hatte. Aber sie fanden das nicht gut. Jetzt lebe ich seit zwei Wochen hier. Es gibt eine Menge Regeln, wer was machen muss. Wir müssen unsere Zimmer selbst aufräumen und putzen, denn eine Putzfrau gibt es nur für die Gemeinschaftsräume. Auch Kochen müssen wir, am Wochenende hilft uns eine Erzieherin dabei. Doch die Mädchen sind nett, auch wenn die eine noch nie ein Handy hatte. Unglaublich! Mir fehlt das Fernsehen morgens, und ich hatte ein bisschen Schiss, als ich das erste Mal zu meinem Vater zurück musste, nur für einen Tag. Er hatte sich den ganzen Samstag frei genommen. Wir wussten nicht so recht, was wir machen sollten. Es war okay. Marc hat sogar mit mir gekocht. Jetzt denke ich das erste Mal darüber nach, wie ich mal leben will. Und ich fühle mich nicht mehr so einsam, wenn ich ehrlich bin.“ * Die Namen wurden von der Redaktion geändert
Hier gibt es Hilfe

Adressen in Luxemburg

Oxygène Anlaufstelle für junge Mädchen, die Gewalt ausgesetzt sind | 2, rue du Fort Wallis,  L-2714 Luxembourg | Tél. 49 41 49 | http://www.infofilles@pt.lu Femmes en détresse Service d’assistance aux Victimes de Violonce Domestique inklusive Fraenhaus und Kannerhaus sowie Notruf | Tel. 44 81 81  | http://www.fed.lu Riicht eraus (Croix Rouge) Tel. 27 55 58 00 | http://www.croix-rouge.lu