TRIERMARCUS STÖLB

Während der deutschen Besatzung produzierte der Schuhhersteller Romikain der Pulvermühle - Trierer erforscht düstere Kapitel der Firmenhistorie

Zwei Werke - eine Leitung, heißt es in der Annonce, „zwei Marken - ein Begriff“. Und ein Name: Hellmuth Lemm, ab 1936 führender Mann bei der Romika, einem damals namhaften Schuhhersteller mit Sitz in Gusterath bei Trier. Lemm wird es zu einigem Ansehen bringen. Schließlich hat er in großem Stil Arbeitsplätze geschaffen. In Spitzenzeiten beschäftigt die Romika fast 3.000 Menschen. Was über Jahrzehnte kaum jemand weiß - wie die Marke zu ihrem Namen kam? Lemm hatte die Ursprünge des Unternehmens ausgeblendet, und noch manch anderes Kapitel der Firmengeschichte geriet in Vergessenheit. Bis sich Heinz Ganz-Ohlig auf Spurensuche begab. Die Recherchen des Trierers führten auch nach Luxemburg.

„Jüdisch verseucht“

Lëtzebuerger Journal

Im Mai 1941 berichtet das „Escher Tageblatt“: „Pulvermühl. Besitzwechsel.“ Lemm habe die gesamten Anlagen und maschinellen Einrichtungen „aus freier Hand (…) erworben“. Aus freier Hand? Es gibt widersprüchliche Darstellungen. Lag auch im Pfaffenthal die „Arisierung“ eines von Juden geführten Betriebs vor? Eine Frage, der Ganz-Ohlig nachging.

Fakt ist: Lemm hatte die Gründung der Schuhfabrik in Gusterath auf 1936 datiert - dem Jahr, in dem er das Ruder übernahm. Die Vorgeschichte klammerte er Zeit seines Lebens aus. Wohl mit Bedacht, denn die Romika hat ihren Namen von Hans Rollmann, Carl Michael und Karl Kaufmann, die Anfang der 20er die Firma gründeten. Ein Jahrzehnt später zählte man mehr als 1.000 Mitarbeiter. Doch nachdem Adolf Hitler an die Macht gekommen war, gerieten Rollmann und Kaufmann ins Visier der Nationalsozialisten. Denn beide waren Juden, und wegen seiner engen Partnerschaft mit Kaufmann und Rollmann galt Carl Michael als „jüdisch verseucht“, wie es im Nazi-Jargon hieß.

Heinz Ganz-Ohlig beschreibt in seinem gerade erschienenen Buch, wie die Nationalsozialisten die „erste“ Romika in den Ruin trieben, um so den Weg für eine „Arisierung“ zu ebnen. Im Werk kam es zu „gesteuerten Unruhen“, insbesondere gegen Kaufmann schürten die Nazis Stimmung. Dieser habe sich zulasten des Unternehmens bereichert, deshalb müssten nun Mitarbeiter entlassen werden, so die Propaganda. Hans und Marie Rollmann gelang noch die Flucht nach Belgien, doch nachdem die Deutschen auch dort eingefallen waren, nahm sich das Ehepaar das Leben.

Schon früher, nach dem von den Nazis herbeigeführten Konkurs, war der Weg frei für eine Neugründung der Romika. Lemm wurde 1938 größter Anteilseigner. „Jüdisches Verbrechen an deutschen Arbeitern wiedergutgemacht“, titelte das Trierer Nationalblatt“. War der neue Eigentümer ein glühender Nationalsozialist? Mitglied der NSDAP war er, aber das waren viele. Doch der Romika-Chef schwang auch Reden, die den Nazis wohl gefielen. So sagte er bei einer Ansprache in Trier: „Nur aus chaotischen Zuständen, nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt, konnte sich das Weltjudentum zur Herrschaft durchringen“. Es sei „das unvergängliche, geschichtliche Verdienst der nationalsozialistischen Bewegung, (…) durch eine klare Kampfansage, durch einen Kampf bis zur Vernichtung, bis das Grundübel gekennzeichnet und beseitigt war und damit Deutschland und Europa die Wege geebnet zu haben zu einem ruhigen wirtschaftlichen Aufbau, Wohlstand und vor allem zu sozialer Gerechtigkeit“. War er im Entnazifizierungsverfahren zunächst als „Nutznießer des nationalsozialistischen Systems“ eingestuft worden, galt Lemm nach Prüfung seines Widerspruchs nur noch als „Mitläufer“ und kam mit einer Geldbuße davon.

Pulvermühle beschlagnahmt?

Aber wie kam er zur Pulvermühle? Dieser Vorgang lasse sich mit letzter Sicherheit wohl nicht mehr klären, glaubt Ganz-Ohlig. Der Autor neigt indes zur Darstellung Lemms, wonach dieser seine Fabrikation in den „durch Konkurs eines Textilbetriebs freigewordenen Räumen der dortigen alten Pulvermühl“ betrieb. In einem Aufsatz von 1961 heißt es hingegen, die Deutschen hätten die Pulvermühle als jüdisches Eigentum beschlagnahmt. Unbestritten ist, dass der frühere jüdische Besitzer, Emile Godchaux, dem Rassenwahn zum Opfer fiel: Wahrscheinlich starb er im November 1942 bei seiner Ankunft im Vernichtungslager Theresienstadt.

Im Rahmen der Entnazifizierungsverfahren
sagten mehrere Zeugen zugunsten Lemms aus: Dieser sei „ein anständiger Kaufmann“ gewesen, „mit dem wir uns stets frei und offen als Luxemburger aussprechen konnten“, berichtete ein ehemaliger Romika-Mitarbeiter; „Herr Lemm hat öfters vermittelnd zu Gunsten der Luxemburger bei den deutschen Behörden gewirkt und sich für deren Belange eingesetzt“. Ganz-Ohlig gibt derweil zu bedenken:
„Ob Hellmuth Lemm von der Ermordung des Emile Godchaux wusste oder jemals Kontakt zu den Zwangsarbeitern in der Pulvermühle hatte, war nicht Gegenstand des Verfahrens“.

Lemm starb 1988. Heute verschweigt das Unternehmen seine Gründer und deren Schicksal nicht mehr: Die Firma sei „unter dem Druck des Nazi-Regimes in den Konkurs getrieben worden“, heißt es auf der firmeneigenen Homepage.
Heinz Ganz-Ohlig, Romika - „Eine jüdische Fabrik“, 224 Seiten, Festeinband mit zahlreichen Abbildungen, Trier 2012, Verlag Paulinus; ISBN 978-3-7902-1902-9. Hinweis: Bis zum 31. Januar 2013 ist das Buch noch zum Subskriptionspreis von 24,90 Euro erhältlich, danach 29,90 Euro.