LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Tanz und Rap als Therapie: Jugendliche treten mit Show „Looss alles eraus“ in der Rockhal auf

Eigentlich wissen sie, was sie können und sind stolz auf das, was sie tun, doch an diesem Morgen fließen Tränen und es knallen ein paar Türen. Krise statt Vortanzen. Sylvia Camarda geht dem aufgebrachten Teenager nach und versucht die Wogen zu glätten. Im Raum wird ist es ganz still, manche sehen traurig zu Boden, andere atmen tief durch, dann bittet David Galassi ein anderes Mädchen, ihren Rap vorzusingen. Die 16-Jährige trägt eine hellblaue Jeans, hat lange Zöpfe, die bei jeder Bewegung ein bisschen im Takt mitfedern, und eine gute Bühnenpräsenz. David Galassi nickt den Takt lächelnd mit und die Stimmung im Saal wird wieder entspannt, nach ein paar Momenten schon hat die Jugendliche die Aufmerksamkeit der anderen zwölf- bis 18-Jährigen ganz sicher.

Aber klar, in ein paar Tagen auf der Bühne der Rockhal stehen und etwas vorsingen oder vortanzen, auch noch vor Publikum. Obwohl man so etwas noch nie vor Publikum gemacht hat. Bei diesem Gedanken kann mal schon mal
Muffensausen bekommen. Erst recht, wenn man eine harte Zeit hinter sich hat - oder noch mittendrin ist, sich aus dieser rauszufitzen.

Gefühle mit Rap und Tanz ausdrücken

Genau das trifft auf die etwa zwei Dutzend Jugendlichen zu, die sich seit einiger Zeit immer wieder im Tanzsaal der „Rockhal“ treffen, um zu proben. Ihre Songs und Tänze handeln von Depressionen, Essstörungen, Psychosen, Ängsten oder Mobbing. Doch das Dunkel und die Zweifel wollen diese Jugendlichen hinter sich lassen. „Mit den anderen fühle ich mich geborgen, weil sie teilweise das gleiche fühlen wie ich“, sagt der 14-jährige Pit. Für ihn eine „neue Erfahrung“, wie er sagt. Die Leute in der Gruppe findet er cool, hat sich mit einigen angefreundet und erzählt, wie er sich durch die Gruppe motiviert fühlt.

Hinter den Proben steckt ein besonderes künstlerisches Programm, welches für gut 20 Jugendliche entwickelt wurde, die in einer Krise stecken und im „Service National de Psychiatrie juvénile“ betreut werden. Das Projekt entstand in Zusammenarbeit der Stiftung „EME-Écouter pour mieux s’entendre“ mit dem „Service National de Psychiatrie Juvenile“ aus der „Hôpitaux Robert Schuman“-Gruppe und dem „Rocklab“ der „Rockhal“. Es findet dieses Jahr zum zweiten Mal statt. Professionelle Unterstützung kommt von der Tänzerin und Choreographin Sylvia Camarda und dem Rapper David Galassi, welche die Jugendlichen in der von ihnen gewählten Ausdrucksform unterstützen und mit ihnen proben. Die Proben haben im Oktober begonnen und fanden jede Woche im Hôpital Kirchberg und in der Tagesklinik in Esch/Alzette statt, in Workshops haben die Jugendlichen gelernt, wie sie sich durch Tanz und Rap ausdrücken können. Dann ging es in den Tanzsaal der „Rockhal“. Am kommenden Freitag wollen sie auf der Bühne des „Rockhal“-Clubs auftreten, dafür proben sie seit Monaten. Als es dann aber heißt, „komm, trag Deine Choreographie vor“, ist der Mut plötzlich weg und die Zweifel wieder da. Sylvia Camarda reagiert angesichts der Vortanzkrise gelassen. „Das ist in jeder Kompagnie der Welt gleich, eine Woche vor der Premiere denkt man, dass gar nichts geht - und dann geht alles“, erklärt sie, als sie wieder in den Probensaal kommt.

Mut für den Auftritt

Nächster Auftritt für ein Tanzpaar, das seine Choreographie konzentriert, federleicht und ohne Patzer auf die Bühne bringt. Mit den beiden feilt Camarda noch kurz an einer kleinen Figur für den Start, dann geht es weiter mit einem Mädchen, die ihre Choreographie beim vorherigen Vortanzen abgebrochen hatte. Diesmal zieht sie es durch, aber mit Pausen. „Wirst Du diese Choreographie lernen?“, fragt sie Camarda direkt im Anschluss. „Du bist eine gute Tänzerin und ich will das sehen, was wir schon einmal hatten, nicht das Mädchen, das nicht weiß, wie die Choreographie weitergeht, ok?“, sagt sie bestimmt, aber freundlich.

„Sie wissen jetzt, was sie können, fangen aber an, sich Fragen zu stellen“, erklärt Camarda die aufkommende Nervosität in der Gruppe nach der Probe genauer. Sie und Galassi würden daher auch bis zum letzten Moment hoffen, dass am Ende auch wirklich jeder auf die Bühne kommt. „Man kennt sie und man liebt sie, aber sie müssen es auf die Bühne schaffen.“ Nicht so einfach, wenn die selbst verfassten Raps von Problemen in Schule, Familie oder Freundeskreis erzählen, aber auf das, was die Jugendlichen in Rap und Tanz drauf haben, können sie stolz sein. „Das hier zieht mich nach oben“, sagt Tatiana, das Mädchen in der blauen Jeans und mit den langen Zöpfen. Die 16-Jährige wurde in der Schule gemobbt. „Wegen meiner Hautfarbe“, sagt sie etwas leiser. „Der Workshop gefällt mir gut, auch, weil man von den anderen unterstützt wird.“ Angesichts des großen Auftritts sei sie zwar schon ein bisschen aufgeregt, aber sie wirkt sehr sicher, als sie ihren Rap vorträgt. Ihre Nervenstärke auf der Bühne kommt nicht von ungefähr: „Ich habe in der Schule schon drei Jahre lang Theater gespielt“, berichtet sie gelassen.

Live-Show „Looss alles eraus“ am Freitag, 20. April, 20.00, „Rockhal“-Club, der Eintritt ist frei. Um Anmeldung wird wegen der begrenzten Teilnehmerzahl gebeten. E-Mail an contact@fondation-eme.lu.