LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Marc-David Jung überlebte das Unglück von Ramstein mit schwersten Verbrennungen - Wie er mit den Folgen umgeht

Man sollte dankbar dafür sein, was man hat. Ich habe meine Gliedmaßen, ich habe mein Augenlicht. Ich habe ein Leben und genieße es. Und ich schaue nach vorn“, sagt Marc-David Jung. Er war vier Jahre alt damals, am 28. August 1988, als ganz in seiner Nähe nach einem missglückten Manöver bei der Flugshow auf dem US-Stützpunkt Ramstein ein Jet aufschlug und brennend ins Publikum rutschte. „Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich vorher ein Eis gegessen habe“, sagt Jung, der seinen Vater bei dem Unfall verlor. Für ihn kam jede Hilfe zu spät. Seine Mutter barg den Jungen aus dem Flammeninferno. Marc-David Jung erlitt schwerste Verbrennungen an Gesicht, Händen und Beinen.

30 Operationen hinter sich

Er wachte in einem Krankenhaus wieder auf - ohne seine Mutter, die in einer anderen Klinik wegen leichter Verbrennungen behandelt wurde. Einen Monat lang sollte sie sich nicht sehen. Drei Monate lang wurde der Junge in der Kinderklinik für Unfallchirurgie behandelt.

Was alles genau passierte, daran erinnert sich Jung nur mehr dunkel. „Wissen Sie, ich war vier, da sieht man die Welt mit anderen Augen als ein Erwachsener“. Als Erwachsener sollte er noch viel Zeit in Krankenhäusern verbringen müssen. Die rekonstruktive Chirurgie vor allem im Gesicht konnte erst richtig beginnen, nachdem sein Körper ausgewachsen war.

Marc-David Jungs Nase wurde rekonstruiert, sein Mund erweitert, neue Augenbrauen wurden eingesetzt, die Haut mit einem Laserverfahren geglättet. 30 Operationen hat er hinter sich. „Ich könnte noch weitermachen, aber die Medizin hat ihre Grenzen“, sagt er, „ich fühle mich nun gut so, ausgeglichen, habe keine Schmerzen und bin in keinster Weise eingeschränkt“, erklärt der reisefreudige und sportliche IT-Unternehmer, der seit einem Jahr in Luxemburg arbeitet und mit seiner IT-Firma 4Partners noch etliche Erfolge feiern will.

Marc-David Jung ist ein positiver Mensch. „Ich habe gelernt, mich mit dem zu arrangieren, was passiert ist. Und beschlossen eine Zukunft zu haben. Ich möchte auch noch viel erreichen in meinem Leben“, sagt er.

Dass viele andere Opfer der Flugkatastrophe noch heute schwer daran tragen, versteht er nur zu gut. Auch Marc-David Jungs älterer Bruder tat sich immer noch schwer damit. „Ich war der jüngste schwer verletzte Überlebende des Unfalls. Mein Fall ist anders, als der von Opfern, die ihren Partner oder ihr Kind verloren haben“, erklärt Jung.

Wichtige Entschuldigung

Die Versehrten des Unfalls treffen sich regelmäßig bei dem Gedenkstein, der sieben Jahre später nach den Wünschen der Hinterbliebenen außerhalb der Airbase auf einem von der Gemeinschaft gekauften Grundstück erstellt wurde. Denn die Stadt Ramstein war lange Jahre gegen ein solches Denkmal, da der damalige Bürgermeister sich widersetzte. „Die Einstellung hat sich zum Glück geändert“, sagt Jung, der letzte Woche bei der Gedenkstunde im rheinland-pfälzischen Landtag in Mainz war. Erstmals war eine solche Veranstaltung einberufen worden, die Opfer seien überrascht gewesen. Marc-David Jung fand die Gedenkstunde wichtig, auch, dass sich der Landtagspräsident für Fehler bei der Rettung und bürokratische Hürden beim Kampf für Entschädigungen entschuldigte. Dass die Politik in dieser Form ihre Verantwortung anerkennt habe sicher einigen Opfern geholfen, besser mit dem Unglück abzuschließen.

„Ich möchte den Menschen  etwas zurück geben“

Opfern von Unfällen helfen will auch Marc-David Jung. Er engagiert sich ehrenamtlich in der Stiftung für Katastrophennachsorge der Psychologin Sybille Jatzko und des Facharztes für Psychosomatische Medizin Hartmut Jatzko. Das Ehepaar hatte nach dem Unfall von Ramstein eine psychosoziale Nachsorgegruppe gegründet hatten. Bald will Marc-David Jung eine Weiterbildung in Sachen Katastrophennachsorge beginnen: „Wir haben nach dem Unfall viel Solidarität erfahren. Ich möchte den Menschen dafür etwas zurückgeben. Um die Welt ein wenig besser zu machen.“