LUXEMBURG
PASCAL STEINWACHS

HIV im Drogenmilieu: Dr. Alain Origer, nationaler Drogenbeauftragter, im Gespräch

Intravenöser Drogenkonsum ist ein hoher Risikofaktor für eine HIV-Infektion. Wir unterhielten uns mit dem nationalen Drogenbeauftragten Dr. Alain Origer.

Anscheinend nimmt die Zahl der HIV-Infektionen bei den Drogenabhängigen dramatisch zu. Können Sie uns hier einige Zahlen nennen, und wie ist das zu erklären?

Dr. Alain Origer 2016 musste Luxemburg 98 HIV-Neuinfektionen verzeichnen. Anhand von noch unvollständigen Daten wird man von einer nicht geringeren Zahl für 2017 ausgehen müssen.

Es wurde kürzlich viel über den Anstieg von HIV-Neuinfektionen bei drogenabhängigen Menschen berichtet. Aus gutem Grund, da diese Entwicklung besorgniserregend ist. Eine der ausschlaggebenden Ursachen ist, dass die Verfügbarkeit von Kokain auf dem nationalen Drogenmarkt in den letzten Jahren stark angestiegen ist.

Welche Drogenkonsumenten sind besonders gefährdet?

Origer Drogenabhängige Menschen sind dem schwankendem Angebot von verfügbaren Stoffen sowie dessen sehr unterschiedliche Qualität, größtenteils ausgesetzt. Kokain hat zudem die Eigenschaft, dass sein Wirkungsfenster bedeutend kürzer ist als das von Opiaten zum Beispiel. Dies bedingt unter anderem, dass die Frequenz der täglichen Injektionen steigt, was wiederum bedeutet, dass die Konsumenten höheren injektionsbedingten Risiken ausgesetzt sind.

Dazu kommt, dass die Betroffenen durch diesen Konsumdruck zudem weniger Zeit aufbringen, um anderen Beschäftigungen und Verpflichtungen nachzukommen. Der Tag, und meist auch große Teile der Nacht dieser Menschen werden gebraucht, um Drogen zu beschaffen, sie zu konsumieren, Geld zu beschaffen, um Drogen zu besorgen und wiederum zu konsumieren. Da bleibt wenig Zeit, wenn überhaupt, andere Dinge zu tun, wie zum Beispiel einen dringend notwendigen Arztbesuch, ein Termin beim Sozialarbeiter, eine Unterkunft oder Wohngelegenheit zu finden oder sei es dann steriles Injektionsmaterial zu besorgen. Auch verlieren diese Menschen oft sehr schnell jegliche Form von Sozialabsicherung, falls vorher vorhanden, was den Kreis der Verelendung in gewisser Weise schließt.

Was kann man dagegen tun?

Origer Im Rahmen des laufendem nationalen Drogenaktionsplans sind eine Reihe von diesbezüglichen Maßnahmen in die Wege geleitet worden, wie das aufsuchende Angebot „Xchange/MOPUD“ (MObile de Prévention pour Usagers de Drogues), was dazu bestimmt ist, schwerst drogenabhängigen Menschen, die kein oder wenig Kontakt zu bestehenden Hilfeangeboten haben, in ihren Lebens- und Konsumumfeldern risikovermindernde Angebote zu bieten als auch HIV-Schnellerkennungstests, mit dem übergreifenden Ziel, diese Menschen, zusammen mit schon bestehenden niederschwelligen Angeboten, wieder in das Hilfeleistungsnetz einzubinden. Es muss des weiteren dafür gesorgt werden, zusätzlich zur Prävention und Safer-Use-Aufklärung, drogenabhängigen Menschen den Zugang zur medizinischer Versorgung soweit wie möglich zu erleichterten. Es sollten auch verstärkt die nötigen Bedingungen geschaffen werden, dass HIV-, und oft auch Hepatitis C-infizierte Drogenkonsumenten das Einhalten von Behandlungsanforderungen und regelmäßiger Medikamenteneinnahme besser bewältigen können.

Zusätzliche Maßnahmen und Angebote sind in einem neuen umfassenden nationalen HIV/Aids-Aktionsplan vorgesehen, der ab 2018 bis 2022 läuft.

Was man jedoch nicht aus den Augen verlieren sollte: HIV kennt keine Risikogruppen; es kennt an erster Stelle Übertragungswege. In anderen Worten; HIV/Aids betrifft die öffentliche Gesundheit! Erkennungstests und frühzeitige Diagnosen in der Gesamtbevölkerung sind in diesem Sinne von entscheidender Bedeutung, unabhängig vom jeweiligen Risikokontext. Nur eine erkannte HIV-Infektion kann, wenn auch nicht geheilt, behandelt werden. Neben Früherkennung sind Prävention, und der Situation angepasste Schutzmaßnahmen weiterhin das beste Mittel sich selbst und seine Mitmenschen zu schützen.