LONDON
CARLO PIOVANO (AP)

Als wichtigster Zentralbanker Lettlands hat Ilmars Rimsevics die Spielregeln für die Geldhäuser in seinem kleinen Land festgelegt. Sein Handlanger soll den Inhaber der Norvik-Bank Platz nehmen lassen haben, ehe er eine Summe auf einen Zettel schrieb: 100.000 Euro. Pro Monat.

Man könnte jetzt sagen: Wer ist Rimsevics? Warum so viel Brimborium um Bankangelegenheiten im Baltikum? In der Tat wäre all das nicht von erheblichem internationalem Belang - wäre Rimsevics nicht einer der wichtigsten Banker der gesamten Europäischen Union und mit Geheimnissen seines Landes, der Nato und der EU vertraut. Und hätte er sich nicht ab und an mit kremlnahen Russen gezeigt.

Klage vor der Schlichtungsstelle der Weltbank

In einer Klage vor einer Schlichtungsstelle der Weltbank wirft Norvik einem „hochrangigen lettischen Beamten“ vor, regelmäßig Bestechungsgelder von ihr eingefordert zu haben und Rache an der Bank geübt zu haben, als sie nicht zahlen wollte. Auf Rückfrage der Nachrichtenagentur AP sagte Norvik-Vorstandschef Oliver Bramwell: „Dieser hochrangige Beamte, der in unserem Schiedsantrag erwähnt wird, ist Rimsevics.“

Rimsevics hat seit 1992 den lettischen Bankensektor beaufsichtigt, ist EZB-Ratsmitglied und seit 2001 lettischer Zentralbankchef. Am Wochenende wurde er von der Antikorruptionsbehörde wegen Bestechungsverdachts befragt. Er wurde festgenommen und am Montag auf Kaution freigelassen.

Das Büro und ein Haus von Rimsevics wurden durchsucht. Die Antikorruptionsbehörde hat eine strafrechtliche Untersuchung gegen ihn eingeleitet. Er stehe im Verdacht, mindestens 100.000 Euro an Bestechungsgeldern gefordert und erhalten zu haben, teilte die Behörde mit. Am Montag wies Rimsevics die Vorwürfe zurück.

Der Magnitski-Skandal

Bankskandale hat das kleine Lettland mit seinen rund zwei Millionen Einwohnern immer wieder gesehen. Berüchtigt für Geldwäsche ist das Land seit dem aufsehenerregenden Magnitski-Skandal, bei dem rund 230 Millionen Dollar an russischem Steuergeld abgeschöpft worden waren - nach US- und EU-Angaben hauptsächlich mithilfe lettischer Banken. Der Whistleblower Sergej Magnitski kam 2008 in Russland ins Gefängnis, wo er angeblich Schläge erhielt, nicht aber medizinische Hilfe, was letztlich zu seinem Tod und zu amerikanischen und europäischen Sanktionen gegen beteiligte Russen führte.

Ein weiteres Beispiel: Im Jahr 2014 wurde ein Stapel geheimer Dokumente enthüllt, die sogenannten Laundromat-Berichte. Darin wird aufgelistet, wie 20 Milliarden Dollar aus Russland - wieder hauptsächlich via Lettland - herausgeschafft wurden. Kurz darauf belegte Frankreich die lettische Bank Rietumu in einem weiteren Fall wegen Geldwäsche mit einer Strafe in Höhe von 80 Millionen Euro.

Keine Dollar-Transaktionen mehr mit ALBV

Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Erst vor wenigen Tagen hatte das US-Finanzministerium Banken angewiesen, keine Dollar-Transaktionen mehr mit der ALBV durchzuführen, bei der dem Ministerium zufolge Geldwäsche betrieben wird, um die Sanktionen gegen Nordkorea zu umgehen.

All das ist vor den Augen von Rimsevics passiert. Er steht in etwa so lange an der Spitze des lettischen Bankensystems wie sein Land unabhängig von der Sowjetunion ist.

Die Erpressungsvorwürfe durch Norvik treffen also das Herz des lettischen Bankenwesens und mit ihm die EZB. Norvik-Mehrheitseigner Grigori Guselnikow sagte der AP, Rimsevics habe seit 2015 regelmäßig durch einen Mittelsmann Bestechungssummen von seiner Bank gefordert. Im Falle einer Verweigerung habe er mit härteren Vorschriften gedroht. Das, sei ihm gesagt worden, seien die „Spielregeln“ in Lettland.

Guselnikow ist in Sibirien aufgewachsen und arbeitete zunächst im russischen Bankenwesen. Dann zog es ihn nach London, von wo er schließlich Norvik kaufte. Rimsevics traf er erstmals 2015. Bei dem von einem Mittelsmann namens Renars Kokins arrangierten Treffen sagte Rimsevics laut Guselnikow, er könne ihm helfen, weil ihm die lettische Finanzaufsicht persönlich wohlgesonnen sei.

Alles, was er dafür tun müsse, sei, mit Kokins zu „kooperieren“, schilderte Guselnikow. Rimsevics sei zehn Minuten später verschwunden. Kokins habe einen Stift herausgezogen und auf einen Zettel „100.000 pro Monat“ geschrieben, mehr nicht. Das Wort „Zahlung“ verwendete Kokins laut Guselnikow nicht. Stattdessen erklärte er, dass alle lettischen Banken auf diese Weise „kooperieren“.

Jahrelanger Alptraum

Guselnikow entschloss sich, nicht zu zahlen und auch keine Anrufe von Kokins entgegenzunehmen. Jede Zahlungsverweigerung habe zu neuen Regularien geführt, sagte er der AP. In der Weltbank-Klage werden diese Maßnahmen nun detailliert aufgelistet. Guselnikows Angaben zufolge traf er sich einige weitere Male mit Kokins und Rimsevics, um seine Position zu untermauern. Rimsevics sei von Mal zu Mal ungeduldiger geworden und habe gesagt, dass die Bank mit genügend Regulierungsproblemen bombardiert werde, um sie aus dem Geschäft zu drängen. Dabei sei Rimsevics sehr darauf bedacht gewesen, bei den Treffen nicht gesehen zu werden.

„Für mich war das jahrelang ein Alptraum“, sagte der heute 41-jährige Guselnikow. „Du verstehst nicht, wie du aus diesem dreckigen Umfeld ohne Rufschädigung herauskommst.“ Deshalb habe er sich entschlossen, an die Öffentlichkeit zu gehen. „Ich kann die Bank verlieren, mein Geld, aber ich werde niemals Teil davon werden“, sagte er. Die AP bemühte sich um Interviews mit etwa einem Dutzend Vertretern des lettischen Banken- und Staatssektors. Niemand wollte offiziell über Rimsevics sprechen.