LUXEMBURG
DANIEL OLY

Digitalsport ist immer stärker im Kommen - auch in Luxemburg. Wir erklären, was dahinter steckt

Für Fabio de Aguiar steht fest: der eSport ist angekommen - und er wird wachsen
Foto: Editpress - Lëtzebuerger Journal
Für Fabio de Aguiar steht fest: der eSport ist angekommen - und er wird wachsen Foto: Editpress


Jahrelang taten sich Vereine und Organisationen schwer, Sponsoren für den eSport zu begeistern. Eine hat es jetzt endlich geschafft, der Durchbruch ist erreicht: Die Gesellschaft 11F hat sich quasi in Rekordzeit zum Vorreiter des eSports in Luxemburg gemausert. Wir haben mit Fabio de Aguiar von 11F über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gesprochen.

Bescheidene Anfänge und kometenhafter Aufstieg

„11F richtet derzeit die luxemburgischen Fifa-Meisterschaften aus“, erklärt er. „Wir haben als erste Gesellschaft überhaupt die Lizenz dazu, international anerkannte Turniere durchzuführen und Spieler auf Weltmeisterschaften zu schicken.“ Daran habe man sich jahrelang die Zähne ausgebissen. „Inzwischen haben wir die exklusive ESWC (Electronic Sports World Cup)-Erlaubnis für Luxemburg und seit kurzem auch Belgien mit am Start.“

Das Ganze hat denkbar einfachere Anfänge: 11F startete 2013 als Hobbygruppe, um Fußballmatches live sehen zu können. „Wir boten anfangs hauptsächlich Stadionbesuche an“, meint De Aguiar. Mehr als eine Facebook-Homepage sei es damals nicht gewesen. „Das Gaming begann dann 2013, als wir in der ,Belle Étoile‘ spontan ein Turnier abhalten konnten“, sagt De Aguiar. „Damals nahmen 256 Spieler teil - an einem Tag. Das kam überraschend gut an, wir hatten definitiv nicht mit solchen Zahlen gerechnet. Es war eine echte Heidenarbeit.“

2014 kam dann der Schritt hin zu einer ASBL, um bei zukünftigen Events mit einer besseren Organisation aufwarten zu können. „Auf die Weise haben wir dann auch lange weiter gemacht - alles auf Freiwilligenbasis. Aber das wurde immer mehr, und irgendwann konnte es nicht mehr so weiter gehen.“ Deshalb beschloss 11F schlussendlich 2016, den großen Schritt zu einer eingetragenen Gesellschaft mit beschränkter Haftung (SARL) zu gehen.

Seitdem organisiert 11F eifrig Events im ganzen Land. Im Jahr kommen so knapp 25 Events zustande. Events wie die „Luxembourg Gaming Experience“ im Casino in Mondorf, gemeinsam mit großen Partnern. „Der eSport in Luxemburg wächst kontinuierlich“, konstatiert er. Das haben auch große Sponsoren wie „Cactus“, „Bâloise“, „Saturn“ oder „Orange“ erkannt.

Entsprechend klingelt es an gutem Feedback: „Wir haben eine enorm positive Response. Die Sponsoren sehen immer mehr, dass es interessant wird. Da entstehen neue Geschäftsmodelle. Außerdem merken sie, dass hier besonders viele Jugendliche unterwegs sind, das verkauft sich doppelt gut.“ Der Schritt hin zum digitalen Marketing-Experte sei da nicht mehr weit, meint De Aguiar. „International nennt man das ,Influencer‘. Das passt inzwischen gut.“

Bislang hat man sich auf den Dauerbrenner „Fifa“ spezialisiert; das liegt auch daran, dass der Verein stärker auf Konsolen fokussiert ist. „Da liegt derzeit unsere Stärke. Wir haben 500 Spieler, die wir regelmäßig betreuen.“ Hinzu kommen noch circa 200 weitere Spieler bei ,Clash Royale‘, einem Mobiltitel. Der immens populäre Shooter „Call of Duty“ stehe aber auch in den Startlöchern: „2018 wollen wir damit anfangen, auch hierfür Turniere anzubieten. Das muss aber noch organisiert werden“. Schließlich managt der Verein auch die dahinter stehende Datenbank-Infrastruktur. Kleinere Events mit Wettbewerben in „Super Smash Brothers“ oder „Mario Kart“ organisiert 11F ebenfalls. „Wir haben ein ziemlich volles Programm“, lacht de Aguiar.

Nationalmeister gesucht

Im Oktober hielt „11F“ die nationalen Meisterschafts-Qualifikationen ab. Gemeinsam mit dem Partner „Orange“ wurden in diesem Jahr bei zwei einzelnen Events die Vorrunden gespielt. „Das alles kulminiert in der ,Orange Gaming Week‘ am 25. November in der ,Belle Étoile‘ bei der der Meister gekürt wird“, erklärt De Aguiar. Das alles will organisiert sein: „Seit März sind wir dabei, die Planung für das Turnier zu machen“. Die Preispools für Gewinner ist derzeit im internationalen Vergleich noch verhalten: 5.000 Euro sind im Pott, während es bei internationalen Turnieren inzwischen zeitweise um Millionen geht. Aber jedes Land fängt klein an. Sieht so aus, als sei Luxemburg endlich bereit.  

Elektronischer Sport kommt auch in Luxemburg in Fahrt

Mäuse-Schach

eSport hat Geschichte: Seit 1997 gibt es die Profiliga „Cyberathlete Professional League“. Seit 2000 macht die deutsche ESL Schlagzeilen; zeitgleich mit dem ersten „World Cyber Games“-Event - der ersten richtig großen internationalen Cybersport-Veranstaltung mit Weltmeisterschafts-Charakter. Richtig Wellen schlug 2011 die Ankündigung, dass das „The International“-Turnier auf der Kölner GamesCom-Messe mehr als eine Million Dollar an Preisgeldern verspiele. Im Vergleich zu heute wirkt das fast schon lächerlich: Inzwischen sind mehr als 24 Millionen im Spiel. Tendenz steigend. Im eSport steigt das Investment von Jahr zu Jahr. Immer mehr große Konzerne steigen ein; davon leben können aber noch immer denkbar wenige, auch wenn die Preisgelder rapide wachsen. Mit den steigenden Zuschauerzahlen wird es auch zunehmend für Werbefirmen interessant: 2017 dürften die gesamten Zuschauerzahlen bei über 380 Millionen liegen. Wer wirklich oben mitspielen will, muss deshalb gut sein - verdammt gut. An größeren Turnieren nehmen teilweise über Tausend Spieler teil. Da war mein Weg zum hiesigen Turniersieg etwas überschaulicher: Ich musste nur sieben Leute schlagen, dann war der Titel mein. In Zukunft könnte das auch hier wesentlich schwerer werden. Denn der Nachwuchs steht immer mehr in den Startlöchern. Und Organisationen wie e-Sports.lu und 11F lassen es hier richtig krachen. Inzwischen haben eSportler durchaus Wiedererkennungswert. Nur in Luxemburg ist das noch nicht ganz angekommen. Den Schachspieler Garry Kasparov kennt praktisch jeder. Boris Spassky vielleicht auch. Aber wer zum Geier soll Jonathan Wendel sein? Jang Jae-Ho, Clinton Loomis, Danylo Ishutin? Wie wäre es mit etwas Lokalkolorit: Francisco Munoz? Xiao Zhou Gilles Chen? Schon mal gehört? Ziemlich unwahrscheinlich. Dabei tun sie allesamt eigentlich dasselbe: Denksport auf ganz hohem Niveau. Andernorts ist man uns einen weiten Schritt voraus. Etwa in Südkorea: Dort füllen eSportler seit Jahren Hallen. Auch China und Japan stehen ganz oben in der Nahrungskette des Erfolgs. Beispiel gefällig? In Südkorea gehen die besten eSportler zu der Fußballnationalmannschaft in die Umkleide. Damit die Fußballer ihre Helden treffen können und nicht umgekehrt. Der schüchterne, bescheidene Danylo Ishutin aus der Ukraine? Hat nach seinem Turniererfolg mehr Twitter-Fans als das ukrainische Nationalteam. Einer der ansprechenden Aspekte am eSport ist: Jeder kann mitmachen. Gaming ist ein guter Gleichmacher: Frauen haben genauso große Chancen wie Männer, unter den weltweiten Top-Teams finden sich regelmäßig auch weibliche Mitglieder; Mike Begum, einer der besten Street Fighter-Spieler weltweit, sitzt im Rollstuhl. Mit Melania Mylioti gehört eine Frau zu den besten europäischen CSGO-Spielern. Fair-Play und Sportlichkeit gehören immer zum guten Ton; Schummler werden radikal ausgemerzt. Das formt eine gute Wettbewerbskultur, denn generell gilt: Wer gut ist, ist auch beliebt. Völlig egal, wer. Hauptsache gut.
Auch international ist es ein guter Gleichmacher, denn hier zählt Geld nur als Nebensache - das eigene Talent ist viel wichtiger. Natürlich will das entsprechend gefördert werden, auch mit Geld. Nicht grundlos liegt China in allen Siegerlisten und Medaillenspiegeln kilometerweit vorn - aber auch Underdogs wie Malaysia, Estland oder die Slowakei können mit den richtigen Spielern dick auftrumpfen. Hier könnte Luxemburg noch stärker sichtbar werden. Wenngleich bereits einzelne Spieler aus Luxemburg bei Teams wie dem türkischen „Galatasaray“ mitmischen - mit Erfolg. Das sollte Schule machen. DANIEL OLY
Foto: e-sports.lu - Lëtzebuerger Journal
Foto: e-sports.lu

Neben „Fifa“ geben auch andere Spiele in Luxemburg den Ton an. Allen voran der „Evergreen“ unter den Taktik-Shootern, „Counter-Strike“. Die Seit 1998 aktiv entwickelte Serie ist einer der Dauerbrenner in der luxemburgischen Gaming- und eSport-Szene. Auf Netzwerkparties wie der „Sleepless“ oder Kopstals „Héi eléi, spill eléi“ war und ist der Titel immer wieder das Hauptevent in seiner eigenen Turnierserie. So auch bei den kommenden „Luxmasters 2017“, der luxemburgischen Meisterschaft in „Counter-Strike: Global Offensive“.

Fünfzig Teilnehmer aus dem Stegreif

Wie der Organisator e-sports.lu erklärt, erfreut sich das Spiel in der Wettbewerbsszene auch weiterhin großer Beliebtheit. „Als wir das Turnier ankündigten hatten wir direkt zehn Anmeldungen von Teams“, erklärt einer der Organisatoren, Jérôme Becker. „Dabei muss man bedenken, dass jedes Team aus mindestens fünf Spielern bestehen muss, weil fünf gegen fünf gespielt wird.“ Das mache fünfzig Teilnehmer, die spontan zusagten. „Nicht schlecht für unsere ersten Schritte“, meint er.

„Dabei waren auch viele alte Hasen und bekannte Gesichter dabei, wie die Clans von Undying, We Live Games oder Nigh-Gaming“, sagt Becker. „Das zeigt, dass die Szene auch nach all den Jahren immer noch sehr aktiv ist.“ Auch zusammen gewürfelte Teams aus alten Stammspielern von Gruppen wie MTF.Gaming oder xFanic! wären zur Teilnahme eingetragen. In einem weiteren Schritt seien reichlich weitere Spieler dem Aufruf zur Einschreibung gefolgt; viele davon sind recht neu dabei und sind in der Wettbewerbsszene noch ein unbeschriebenes Blatt. „Da kann man getrost sagen, dass die Szene immer weiter gewachsen ist“, meint der Organisator. „Nach Anmeldeschluss hatten wir 23 Teams am Start; der direkte Erfolg hat uns positiv überrascht und gezeigt, dass da noch sehr viel Potenzial und Luft nach oben ist.“

Besonders, da e-sports.lu noch recht neu im Geschäft ist. „2016 gründeten wir die Organisation zu dritt, um endlich wieder Wettbewerbe und Turniere zu starten“, meint Becker. „Denn die Spieler haben zwar immer weiter gemacht, aber rund um die Shooter-Szene wurde es im Turnierbereich zuletzt immer ruhiger.“ Das habe die drei Gründer motiviert, wieder stärker die Werbetrommel zu rühren. „Der erste Stein wurde ja bereits im Konsolensektor gelegt, jetzt wollen wir im PC-Bereich denselben Sprung schaffen.“ Teams spielten bislang hauptsächlich in internationalen Turnieren, Ligen oder Pokal-Wettbewerben; „das reicht von der 99-damage-Liga bis zur sehr bekannten ESL, der Electronic Sports League“, erklärt er. „Da mischen luxemburgische Teams seit eh und je mit - auch, weil der Wettbewerb hier noch in den Kinderschuhen steckte.“

Denn: „eSports interessiert längst nicht mehr nur eingefleischte Spieleexperten, sondern avanciert zunehmend zu einer beliebten Unterhaltungssportart.“ Das Publikum sei da und es sei auch sehr interessiert daran, jetzt muss es werbewirksam verpackt werden.

Das müsse auch endlich hier ankommen. „Luxemburg hat noch keinen Verband, der den Nachwuchs regelt oder Spieler rekrutiert.“ So waren luxemburgische Nationalteams jedweder Couleur oder Spielart meist ein zusammengewürfelter Haufen, statt einen gut organisierten Kader zu bilden. Da hofft Becker, Akzente setzen zu können. „Die Talente sind klar da, wir wollen die jetzt auch mal nach vorn bringen, ganz oben auf die große Bühne“, meint er. Romain Guirsch, einer der Teammanager von „BeKingz“, sieht das ähnlich: „Die Szene explodiert wieder förmlich, immer mehr Menschen sehen sich große Turniere wie die ESL in Katowice an. Für uns bedeutet so etwas hauptsächlich: Stress, Stress, Stress.“ Und das Publikum sei immer öfter völlig aus dem Häuschen.

Da gebe es bislang sehr viel positives Feedback, aber auch mal die ein oder andere Schlappe; „Meist von Firmen, die wir um Sponsoring ersuchen. Die wollen immer alles nehmen aber nichts geben - oder antworten einfach überhaupt nicht“, bedauert Becker. Aber was noch nicht ist, kann ja bekanntlich noch werden.

Bis Neujahr gibt es noch einige große Turniere

Heißer Jahresabschluss

Die Hauptsaison 2017 ist im eSport inzwischen fast gelaufen, trotzdem stehen noch einige größere Events auf dem Terminplan vieler Teams und Spieler. Eine Auszeit oder Nachsaison gibt es nicht. Eine kleine Übersicht über die wichtigsten Resttermine 2017 und die ersten Kracher der kommenden Saison.   November 20.11 - 26.11 „Perfect World Minor“. Preisgeld 300.000 Dollar bei zehn Teams, Shanghai, China 18.11 - 19.11 IEM Oakland. Preisgeld 300.000 Dollar, zwölf Teams - Oakland, Kalifornien 18.11 „Luxmasters 2017“: Spielen um den Luxemburger Meistertitel in CS:GO - Tetingen/Kayl 25.11 „Orange Gaming Week“ Luxemburger Meistertitel in Fifa 18 - Shopping Center Belle Étoile   Dezember 30.11 - 02.12 „DreamHack Winter“ Preisgeld 100.000 Dollar, acht Teams - Jönköping, Schweden 30.11 - 02.12 Dota 2: „DreamLeague Season 8 Finals“, Preisgeld 1 Million Dollar - Jönköping, Schweden 06.12.2017 - Juli 2018 „Overwatch League Season 1“ Preisgeld 3,5 Millionen Dollar, zwölf Teams - Los Angeles, Amerika 22.-25.08.2018 „GamesCom International“  Preisgeld unbekannt - 18 Teams - Köln, Deutschland