LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Vor 100 Jahren forderte die spanische Grippe Dutzende Millionen Tote - Sind wir heute vor einer solchen Pandemie gefeit?

Bis sie die Erde umrundet hatte, dauerte es nur wenige Monate. Die Menschen starben ihretwegen reihenweise, besonders im Herbst 1918. Es geht nicht um eine Großmacht im Ersten Weltkrieg (1914-1918), sondern um die Spanische Grippe, an der nach Schätzungen mehr Menschen umkamen als bei den Kampfhandlungen. Sie entwickelte sich in drei Wellen bis 1920 zur schlimmsten Grippe-Pandemie der Geschichte mit 27 bis 50 Millionen, manchen Quellen zufolge sogar bis zu 100 Millionen Toten. Anders als bei anderen derartigen Katastrophen sucht man Denkmäler und Relikte jener Zeit nahezu vergeblich, selbst Fotos sind eher rar.

„Kollektives Vergessen“

Einer Art kollektivem Vergessen sei die vielleicht größte Vernichtungswelle der Menschheitsgeschichte anheimgefallen, heißt es in dem Buch „1918 - Die Welt im Fieber“ der Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney, das am 29. Januar erscheint. Erst in jüngerer Vergangenheit sei die Spanische Grippe vermehrt ins Bewusstsein der Menschen gerückt, auch weil sie zum Stoff von Büchern, Filmen und Serien wie „Downton Abbey“ wurde. Zuvor: nicht viel mehr als eine Fußnote des Weltkriegs.

Dabei sollen allein im Deutschen Reich einer Studie zufolge rund 426.000 Menschen der Grippe zum Opfer gefallen sein - das entspricht einer mittleren Großstadt, einfach ausradiert. „Bei unserem heutigen Gesundheitssystem wäre das unerträglich, praktisch nicht vorstellbar“, sagt die Grippe-Expertin Silke Buda vom Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin. Gleichwohl: Indien und Südafrika etwa erwischte es sehr viel heftiger. Und längst nicht aus allen Ländern gibt es überhaupt Daten.

Im Oktober 1918 erreicht die „Spanische Grippe“ auch Luxemburg

Auch das damals vom Deutschen Reich besetzte Luxemburg erreichte die „spanische Grippe“ im Oktober 1918 zu einer Zeit der starken Rationierung der Lebensmittel, welche die Bevölkerung schwächte und die Verbreitung des Virus begünstigte.

Die Behörden ließen Schulen schließen, um die Ansteckungsgefahr einzudämmen. Wie viele Todesopfer die „Influenza“ hier verursachte, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall berichteten die luxemburgischen Zeitungen ab dem Herbst 1918 verstärkt über die Grippeepidemie. Schon kurz nach Kriegsende scheinen alliierte Soldaten und besonders US-Militärs, die von der Grippe erfasst wurden, in Feldlazaretten in Luxemburg versorgt worden zu sein. Es existieren jedenfalls Fotos aus dieser Zeit.

Der Berliner Historiker und Oberarzt der Charité, Wilfried Witte, hat über die Spanische Grippe geforscht. Der Deutschen Presse-Agentur sagte er, es habe damals alles relativ harmlos begonnen. Während der ersten Ansteckungswelle im Frühjahr 1918 erkrankten zwar sehr viele Menschen, aber relativ wenige starben. Im Herbst nahm jedoch eine weitere, tödliche Welle ihren Lauf. Gerade dort, wo Menschen geballt aufeinandertrafen, wie in Rekruten- und Kriegsgefangenenlagern, hätten sich auf einen Schlag zahlreiche Menschen angesteckt.

Akutes Lungenversagen

„Die meisten sind an einem akuten Lungenversagen gestorben. Das ging rapide schnell vonstatten“, sagt Witte. Therapien wie invasive Beatmung standen Ärzten noch nicht zur Verfügung. Wenn überhaupt hätten Kranke in der Regel Mittel zur Kreislaufstärkung bekommen. „So etwas hat natürlich nicht geholfen“, so Witte.

Selbst der spanische König soll an dem damals noch unbekannten Erreger erkrankt sein. Es ist ein Grund, aus dem die Pandemie als „Spanischen Grippe“ in die Geschichte einging. Dass sie nicht von dort kam, ist aber relativ sicher. Um den wahren Ursprung ranken sich mehrere Theorien. Witte zufolge wird angenommen, dass die Grippe im März 1918 zuerst Schüler und Soldaten in Kansas, USA, krank machte. Mit Truppenschiffen soll das Virus auch nach Europa gelangt sein. Die Menschen steckten sich durch winzige Tröpfchen beim Husten oder Niesen an, wohl jeder Ort hatte Opfer zu beklagen.

Ärzte sahen bei Infizierten gewisse Muster: Nicht nur starben ungewöhnlich oft vermeintlich robuste Menschen zwischen 20 und 40 Jahren. Auch hatte sich die Haut der Erkrankten oft dunkelblau verfärbt - Zeichen der Unterversorgung mit Sauerstoff, wie Witte sagt. Wegen des fast schon schwarzen Teints hätten sich die Menschen an die Pest erinnert gefühlt.

Zeitgenössische Ärzte hielten ein „Grippe-Bakterium“ für die Ursache, obwohl man diese Theorie damals schon anzweifelte. Der wahre Auslöser, das Influenza-Virus, sollte später entdeckt werden - 1933. Inzwischen sehen Wissenschaftler die Spanische Grippe nicht mehr unbedingt als Einzelfall, sondern als Prototyp von Pandemien.

Und in Zukunft? Damals seien die Umstände andere gewesen als heute, betont Buda. Genau die gleiche Situation wie 1918 werde so nicht mehr eintreten. Damals seien die Lebensbedingungen viel schlechter gewesen. Viele Menschen hätten auch zusätzlich schon andere Krankheiten wie Tuberkulose (Schwindsucht) gehabt. Gegen oftmals tödliche bakterielle Lungenentzündungen, die auf die Grippe folgten, waren Ärzte machtlos: Antibiotika gab es noch nicht.

Globaler Reiseverkehr als Risiko

Gleichwohl gebe es heute andere große Herausforderungen, sagt Buda. Dazu gehörten zum Beispiel zunehmende Antibiotika-Resistenzen. Zudem könne der globale Reiseverkehr zu einer noch viel schnelleren Virus-Verbreitung weltweit führen als 1918. „Die Menschen werden heute zudem sehr viel älter als früher, haben dann aber oftmals Grunderkrankungen und sind anfälliger für schwere Krankheitsverläufe“, sagt sie.

Klar ist für Experten: Es muss nicht zwangsläufig im Winter zu einer Pandemie kommen. Ganzjährig hat das RKI deshalb ein Auge auf akute Atemwegserkrankungen. Auch potenziell pandemische Viren weltweit sind im Blick: „Es ist eher wahrscheinlich, dass ein Virus sich im Moment in Vögeln oder Schweinen vermehrt und noch nicht die Fähigkeit hat, von Mensch zu Mensch übertragbar zu sein“, sagt Buda. Bestimmte Vogelgrippe-Viren in China würden derzeit als mögliche Pandemie-Auslöser erachtet. Diese Einschätzung bedeute aber noch lange nicht, dass diese Erreger tatsächlich eine Pandemie auslösen können, betont Buda.

„SPRICH NICHT IN DEINEN NEBENMANN HINEIN“

Die „Spanische Grippe“ im Spiegel der luxemburgischen Presse

„Die ‚spanische Krankheit‘ - Die vor kurzem in Spanien aufgetretene Massenerkrankung hat überraschenderweise in Nürnberg ihren Einzug gehalten. Dort sind in mehreren Büros und Arbeitsräumen plötzlich eine Anzahl Personen unter Mattigkeit und Fiebererscheinungen erkrankt. In letzter Zeit ist ebenfalls in Bonn ein gehäuftes Auftreten einer eigenartigen grippenartigen Erkrankung zu beobachten gewesen. Die Krankheit beginnt meist plötzlich mit Fieber, schwerem Krankheitsgefühl, stärkeren Kopfschmerzen und katarrhalischen Erscheinungen. Auch in Paris herrscht die Influenza-Epidemie, die man die „spanische Grippe“ nennt. Die Krankheit, die Fieber und allgemeine Müdigkeit hervorruft, ist nicht gefährlich und dauert höchstens zwei Wochen“, schrieb die „Obermoselzeitung“ in ihrer Ausgabe vom 2. Juli 1918.
Doch im Laufe der darauffolgenden Monate wurde die Gefährlichkeit der Pandemie deutlicher. Neben den Frontberichten auf den ersten Seiten tauchen immer wieder auch Berichte über alarmierende Opferzahlen in ausländischen Städten auf. Am 2. November 1918 etwa meldet die „Obermoselzeitung“, dass in Wien allein zwischen dem 6. und 12. Oktober 1918 1.753 Personen an der Grippe starben. Daneben stehen ein großer Artikel über Schutzmaßnahmen gegen die Krankheit. „Beim Husten und Niesen halte dir ein Taschentuch vor den Mund. Beim Sprechen bleibe wenigstens einen halben Meter von deinem Gegenüber entfernt und dulde auch nicht, daß jemand beim Sprechen näher an dich heranrückt. In der Elektrischen oder auf der Plattform, im Theater u. f. w. unterhalte dich überhaupt nicht; lassen sich kurze Besprechungen im engen Raum nicht vermeiden, dann sprich nicht in deinen Nebenmann hinein, sondern an ihm vorbei und wenn er sich beim Sprechen beharrlich dir zukehrt, dann wende das Gesicht ab“.