COLETTE MART

2018 ist ein Jahr der Erinnerung. Vor hundert Jahren nämlich, 1918 also, endete der Erste Weltkrieg, und in vielen Ländern des alten Kontinents wurde das Frauenwahlrecht eingeführt. Beide Phänomene sind auch eng miteinander verbunden, denn der Erste Weltkrieg gab den Frauen Verantwortungen, die dazu beitrugen, dass sie als Witwen und Leidtragende männlicher Kriegsmachenschaften ihre untergeordnete Position in der Gesellschaft nicht mehr akzeptierten. Im Februar 1918 wurde in Großbritannien ein Gesetz gestimmt, nachdem Frauen über 30 wählen konnten, wenn sie über persönliches Eigentum verfügten. Das Gesetz war kein Geschenk an die Frauen, es wurde seit dem Jahr 1840 hart erkämpft, und der Blick zurück auf die Geschichte offenbart, wie im England der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fortschrittliche Kräfte und verheerende Rückständigkeit aufeinander prallten.

Interessanterweise beschloss 1893 Neuseeland, das zu England gehörte, den Frauen das Wahlrecht zu geben, und 1902 ging auch Aus-tralien diesen Weg, nachdem es von Großbritannien unabhängig geworden war. Der Freiheitsdrang in den ehemaligen englischen Kolonien hatte also auch das Frauenwahlrecht hervorgebracht, und die fortbestehende Unterdrückung von Menschen in den Kolonien, wie zum Beispiel in Indien, motivierte die englischen Frauenrechtlerinnen, sich gegen Ungerechtigkeit und Diskriminierung zu wehren.

Der Einsatz für das Frauenwahlrecht in Großbritannien ging einerseits von namhaften Politikern und Intellektuellen wie John Stuart Mill und Richard Pankhurst aus, dessen Frau Emmeline Pankhurst später zu den bekanntesten Suffragetten gehörte. Die bürgerliche Bewegung sprach jedoch ebenfalls die Arbeiterfrauen an, was in dem Film „Suffragette“ von Sarah Gavron eindrucksvoll dokumentiert wird. Wäscherinnen, die in der Wäscherei neben ihren Müttern aufwuchsen, mit 12 Jahren schon von ihren Vorgesetzten missbraucht werden konnten, und die mit 30 Jahren infolge von Ausbeutung und Erniedrigung starben, fühlten sich von der Emanzipationsbewegung der bürgerlichen Frauen angezogen und unterstützten sie.

Die Suffragetten gründeten im Jahre 1903 die „Women’s Social and Political Union“, schreckten nicht vor zivilem Ungehorsam zurück, und bekannten sich auf Anhieb dazu, auch zu extremen Mitteln zu greifen.

Die Störung öffentlicher Veranstaltungen, das Anspucken von Polizisten, öffentliche Reden in der Lobby des Unterhauses, ein angekündigter „Sturm“ auf das Parlament führten dazu, dass viele Suffragetten eingesperrt wurden, und im Gefängnis in den Hungerstreik traten. Demonstrationen wurden durch das Zerschlagen von Fenstern begleitet, die Wut der Suffragetten war groß in einem Land, das immerhin 1688 die parlamentarische Demokratie eingeführt hatte. Die Geschichte der Suffragetten offenbart in der Tat die verheerenden Widersprüche in der soziopolitischen Entwicklung Europas. Einerseits schuf Großbritannien ein politisches Umfeld, in dem ein gewähltes Parlament und freie Meinungsäußerung gewährleistet waren, andererseits grassierte Unterdrückung gegen Frauen, und gegen die Menschen in den Kolonien.

Die Suffragetten verdienen auch über 100 Jahre später noch unsere Aufmerksamkeit, weil zahlreiche Widersprüche und Diskriminierungen in der Gesellschaft bis heute weiterbestehen.