LUXEMBURG
STEFAN MESCH

Schatzkiste, Pop-Archiv, Horrorkabinett: Rita Indianas „Tentakel“

Wie viele Gegenstände, Räume, Wetterlagen, Oberflächen braucht ein Roman? Welche Requisiten, Kulissen? „Tentakel“, Rita Indianas kurze, hypnotische Fantasie über die Zukunft der Dominikanischen Republik, hat viele Stärken smarter Prosa: markante Dialoge, komplexe Figuren. Eine Handlung, die auf jeder Seite überrascht - und deren Konstruktion erst kitzelnd langsam sichtbar wird. Haruki Murakami in schnell, queerer, viel bissiger. Ein großer, 154 Seiten knapper Wurf.

Das Spannendste am Buch aber ist seine Welt: die Texturen, Verweise und vielen klug gewählten Details. Indiana, geboren 1977, debütierte mit 23 und lebt als Sängerin in Miami. „Tentakel“, erschienen 2015, ist ihr vierter Roman; der erste in deutscher Übersetzung. Er lässt sich in vier Stunden lesen. Besser aber: in vier Tagen, mit Zeit für Exkursionen zu Wikipedia und zur Google-Bildersuche.

Im Jahr 2024 stößt das Dienst„mädchen“ Acilde im Haus ihres feministischen Vorbilds auf eine wertvolle Seeanemone. Sind diese Pflanzen (Tiere?) rar, bedroht? Wachsen sie wie Korallen? Können sie stechen, wie Quallen? Mitte der Neunziger liest ein zweiter Protagonist, der überforderte Kunststudent Argenis, im ersten Semester Lektüren, die man ihm dringend empfahl: „Mythen des Alltags“ und „Morels Erfindung“ mag ich. „Die Gesellschaft des Spektakels“ und „Naked Lunch“ sind mir Begriffe. Doch „Ästhetik des Verschwindens“ und „Das Reich von dieser Welt“? Nie gehört.

Klare, entspannt präzise Sprache

„Tentakel“ ist kein Insider-Roman und keine Stichwortliste: In klarer, entspannt präziser Sprache zeigt Indiana erst zwei, dann immer mehr Zeitebenen zwischen dem 17. Jahrhundert, der Jahrtausendwende und einer Zukunft, in der ein Tsunami und eine Biowaffe die Karibik zum toxischen, braunen Sumpf machten. Acilde will die Anemone auf dem Schwarzmarkt verkaufen, um eine geschlechtsangleichende OP zu finanzieren: Er ist ein Transmann. Argenis wird von reichen Mäzenen eingeladen, an einem Privatstrand an eigener Kunst zu arbeiten. Beide Hauptfiguren sind gierig, ambitioniert, überfordert - und müssen entscheiden, wie weit sie andere verletzen, um voran zu kommen.

Respekt, wie elegant, entspannt, spielerisch eine Handvoll

Fantasy-Elemente, magischer Realismus, Zeitsprünge und -reisen die Handlungsfäden verknüpfen. Doch die größte Stärke Rita Indianas ist nicht die Fantastik. Sondern die Verweise, die Ausstattung: toll kuratierte zeit- und ideengeschichtliche Texturen.

Vor fast zehn Jahren erklärte der kanadische Sci-Fi-Autor Cory Doctorow, dass seine Bücher immer knapper, präziser werden. Seit Google vertraut er immer mehr, dass, wen eine Technik, Jargon, ein Fachbegriff interessiert, nebenher oder anschließend selbst einfach recherchiert. „Tentakel“ ist kein Roman, der Eigeninitiative voraussetzt: Niemand muss, um alles zu verstehen, präzise wissen, wie Anemonen leben - oder alle Songs klingen, über die Argenis mit anderen Stipendiaten im Atelier spricht.

Doch die Band- und Künstlernamen, die Indiana nennt, passen perfekt zur Stil-, Pop-, Geistesgeschichte seit ca. 2001. Bildungsbürgertum- und Lifestyle-Marker? Buzzwords? Viel mehr! Jeder Ortsname, jedes Gericht und jeder Verweis auf Politik, Voodoo, Kolonialismus macht den Roman konkreter, plausibler, reicher.

Wenn ein Roman zum Ereignis wird

Viel zu oft vergibt Erzählprosa solche Chancen: Sätze wie „Die Ermittlerin fuhr sich durchs dunkelblonde Haar“ oder „Alles an der Vorstadt wirkt durchschnittlich“ bleiben im Ungefähren. Sie vermitteln fast nichts über Milieus und Zeitgeist. Rita Indiana ist keine Pedantin, „Tentakel“ kein Register, nicht lexikalisch, keine Halde für Fachsprache und kein Spiel unter Connaisseuren. Doch der Roman wird zum Ereignis - einfach nur, weil fast jeder Satz ein Tick reicher, präziser, konkreter, lebendiger „ausgestattet!“ ist, als er sein müsste.

Hier haben Science-Fiction und Fantasy Heimvorteil. Weil dort Erzählwelten oft so wichtig sind wie die Figuren: Fantastik denkt fast immer den Weltenbau, das Worldbuildung mit; Beschreibungssätze weisen dort immer auch auf Besonderheiten, Spielregeln, aufregende Details.

Literarisch interessant werden Details, sobald sie mehr sind als Dekor: Matt Ruffs wunderbarer Fantasy-Horror „Lovecraft Country“ legt nahe, Jim Crow zu googeln, Freimaurerlogen, schwarze Emanzipation in den 50ern. Rita Indiana weist auf karibische Abgründe, Kultur, Diskurse. Bücher als Bühnen, für Welt und Expertise. Einladungen. Wunderkammern! Fantastik, die kaum erfindet. Sondern elegant auf aufregende Wirklichkeiten verweist - oft stranger than fiction.

Lesezeichen

So geht Bestseller!

Sie wollen Ihren Namen auf der nationalen Bestsellerliste lesen? Einmal den Luxemburger Buchpreis in Ihren Händen halten? So klappt es: Bitten Sie zunächst um eine Audienz im „Palais“. Erkundigen Sie sich nach den Leibspeisen der großherzoglichen Familie, lassen Sie diese vor Ort von Anne Faber zubereiten. Bringen Sie unbedingt einen Fotoapparat mit oder, besser noch, Tom Hillenbrand und Andy Genen. Hillenbrand schreibt dann, passend zum Event, einen lokalpatriotischen kulinarischen Krimi und Genen steuert noch ein paar Comiczeichnungen bei. 
Luxemburger sind nicht gerade literatur-affin. Aber sie lieben Bücher mit Bildern, Kochrezepten – und Leichen.  Romanfiguren müssen deshalb gar nicht glaubwürdig sein. Nur tot. Rich Ruppel hat es richtig gemacht. Zwar liest sich jeder Polizeibericht spannender als seine klischeebeladene Schmonzette „Dräi Läichen zu Kopplescht“ (2014), aber es gibt immerhin drei Leichen!
Als Bestsellerautor in spe können Sie natürlich auch von Mauerblümchen erzählen, die ordentlich durchgenudelt werden. Sie erinnern sich an „Fifty Shades of Grey“, diesen weichgespülten, pseudo-pornografischen Edelkitsch? Den haben ja nicht nur sexuell unbefriedigte Hausfrauen gelesen. Diese Papiervergewaltigung hat sich damals innerhalb von vier Monaten 40 Millionen (!) Mal verkauft. Häufiger als alle sieben Bände von „Harry Potter“ zusammengenommen. And not a single shade of shame!
Was Sie nicht vergessen sollten: eine vernünftige Preisgestaltung (Stichwort Groschenroman), ein professionelles Marketing (Influencer!) und einen möglichst schrägen Titel. Gut funktioniert haben: „Darm mit Charme“, „Geweint wird, wenn der Kopf ab ist“ und, mein persönlicher Favorit, „Wer der Herde folgt, sieht nur Ärsche“.
Falls es Ihnen jetzt noch an Motivation mangelt, dann denken Sie daran, dass Sie in Luxemburg nur ein paar hundert Bücher verkaufen müssen, um auf der Bestsellerliste zu landen. Aber vielleicht wollen Sie ja gar keinen Bestseller schreiben, sondern einfach nur ein richtig gutes Buch. Dann brauchen Sie meine Ratschläge nicht. Dann brauchen Sie Talent, Fleiß, eine originelle Idee, eine passende Form und einen fähigen Lektor.

Jérôme Jaminet
Lëtzebuerger Journal

Die Fantastischen 3

Wajdi Mouawad: Anima

Anima, de l’écrivain libano-canadien Wajdi Mouawad, débute comme un polar: un homme rentre chez lui et découvre sa femme violée et assassinée. Poursuivant l’étrange désir de se «convaincre que ce n’est en effet pas moi qui l’ai tuée», il part à la recherche du meurtrier retranché dans une réserve indienne. Le périple va le mener à travers les États-Unis, de la frontière canadienne à celle du Mexique. Le roman se mue alors en «road novel» initiatique relatant, au gré des déplacements et des rencontres, la quête du protagoniste. L’originalité du texte réside notamment dans sa narration. Chaque chapitre est raconté du point de vue d’un animal qui observe la scène, les intitulés correspondant aux noms latins désignant l’espèce: felis sylvestris catus, pan troglodytes, sciurus carolinensis,… Les animaux apparaissent ainsi comme autant de témoins silencieux, dotés d’une voix par l’écriture, qui partagent l’existence des humains. Roman mi-humain mi-bête, Anima mêle violence extrême (qui rebutera certains lecteurs) et poésie inouïe. Il mélange aussi langues et identités. Et ce monstre montre: il oblige le lecteur à reconsidérer l’altérité, celle de l’animal en tant que non humain et celle de l’étranger qu’il a appris à craindre et à haïr.
par Sébastian Thiltges

Actes Sud, 500 pages, 9,70 euros




Jim Crace: The Melody

Irgendwo zwischen Brexit und Gebrüder Grimm hat Jim Crace seinen neuen Roman angesiedelt. Er handelt von einem alternden und verwitweten Sänger, der eines Nachts in seiner Strandvilla von einem unbekannten Wesen attackiert wird. Dieses soll aus einem angrenzenden Waldstück stammen, in dem, so die Bewohner des Küstenorts, wilde Menschen hausen. Während der vereinsamte Held Trost bei seiner Schwägerin sucht, nutzt sein Neffe den Fall, um seine Baupläne voranzutreiben. Das ganze Areal, inklusive der Strandvilla, soll – im Namen des Fortschritts und der öffentlichen Ordnung – einer modernen Siedlung weichen; was auch immer im Wald lebt, soll umgesiedelt oder vertrieben werden. So verbindet „The Melody“ auf beklemmende Weise das Private und das Öffentliche. Es ist zugleich ein einfühlsames Buch über Alter, Trauer und den Verlust geliebter Menschen und Orte, und eine sozialkritische und ökologische Allegorie über brennende Fragen der Gegenwart. In seiner rhythmischen und feinziselierten Sprache erschafft Crace eine eindringliche, mal ganz reale und mal offensichtlich fantastische Welt, die sich nie endgültig entschlüsseln lässt. Selbst in den Danksagungen vermag einen dieser Autor noch zu verunsichern.
Von Jeff Thoss

Picador, 288 Seiten, 16,99 Pfund




Italo Calvino: Wenn ein Reisender in einer Winternacht

Diese Buchkritik hat noch nicht begonnen, da wird Dir schon klar, dass der 1979 erschienene Roman „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ von Italo Calvino nichts für Dich ist. Zum einen, weil Du als Leser ständig angesprochen wirst. Zum anderen, weil es Literatur über das Schreiben und Lesen von Literatur ist. In den mehr als Anschauungsobjekte vorhandenen Geschichtsfragmenten spielt Calvino meisterhaft das schreibende Chamäleon, kein Stil, den er sich nicht einverleiben könnte. Nur um dann wieder Text über den Text zu texten. Wen Metasprache nicht abschreckt, der genießt Calvinos Spiel mit den Sprachebenen, lernt viel über das Schreiben von Romanen, und das Lesen, wird vom Autor vorgeführt und amüsiert sich darüber. Zugegeben: Mitunter ist Lernen anstrengend. „Diese ganze gelehrte Verpackung dient nur als schützende Hülle für das, was die Erzählung sagen und ungesagt lassen will, für den inneren Atem ihres Geistes, der sich beim geringsten Kontakt mit der Luft zu verflüchtigen droht, für das Echo eines verschollenen Wissens, das sich im Halbschatten und in den verschwiegenen Andeutungen offenbart.“ Interessiert? Dann beginne zu lesen.
Von Andreas Gröhbühl

Fischer Klassik, 288 Seiten, 9,99 Euro
Lëtzebuerger Journal

Spickzettel

Gustave Flaubert: Madame Bovary

Récemment, j’ai lu cette phrase chez Philippe Besson: «…les gens de l’Éducation Nationale devaient penser qu’il fallait nous protéger du présent, nous enfermer dans le passé, nous obliger à connaître les classiques, à nous maintenir dans notre état de petits singes savants…»
Et puis, pendant que je m’apprêtais à préparer un texte pour cette rubrique, j’ai fouillé les coins de ma mémoire, et, ouf, me suis enfin rappelé une de ces lectures scolaires.
En section scientifique, notre prof, tout en nous jetant ce regard dédaigneux de puriste, expliqua un jour qu’on aborderait une œuvre majeure de la littérature française. Il nous servit du Flaubert.
Dans notre douillette enclave scolaire, nous nous plongeâmes donc, avec le respect requis,  dans les petites misères d’une dame ambitionnée d’un siècle lointain qui essaie de grimper l’échelle sociale. Du dehors nous parvenaient les nouvelles d’attentats des Fraction Armée Rouge et autres, de discussions sur la légitimation de la violence. Quel contraste avec cet honneur perdu de la dame Bovary!
Dans mes lectures privées, ce fut plutôt celui d’une certaine Katharina Blum qui m’intéressait.
Dilemme classique: cette école qui avait la prétention de nous préparer à l’avenir n’allait quand même pas me dissuader de mes lectures privées, quitte à passer pour le fameux cancre de Prévert!
Bien sûr, Bovary, je l’aurai relue plus tard, comme bien d’autres livres encore, ne suivant rien que mes impulsions et envies d’éternel lecteur cancre!
par Gast Groeber

Pocket, 480 pages, 1,99 euros