LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Die Geldautomaten übernehmen neue Funktionen

Im Englischen heißen Geldautomaten „Automatic Teller Machine“ (ATM), was so viel bedeutet wie „automatischer Bankangestellter“. Und sie werden diesem Ruf gerecht: Sie laden Handy-Guthaben auf, empfehlen aktuelle Kreditangebote und zahlen Bargeld aufs Girokonto ein. Demnächst werden sie noch mehr können. Der weltweite Marktführer bei Geldautomaten, Diebold Nixdorf, bietet beispielsweise softwaregestützte Lösungen für Tankstellen- und Tankstellenshop-Betreiber an und spricht nicht mehr von Geldautomaten, sondern von „connected commerce“. Geldautomaten sollen zu smarten Netzwerken zusammenwachsen, die untereinander kommunizieren und immer mehr Lösungen anbieten, die mit der „Cloud“ verbunden sind.

Geldautomaten sind ein Kind der Zeit, in der alles immer schneller gehen soll und keiner mehr warten will, beispielsweise auf die Öffnungszeiten der Bank. Aber sie spielen auch eine politische Rolle. So bekämpfen die Regierungen Bargeld wegen seiner Nutzung durch Kriminelle. Andererseits verlangt beispielsweise die britische Regierung, dass Bürger ihr Bargeld auch in Automaten einzahlen können und dass dieses dort auf Echtheit überprüft wird.

Dennoch dürfte es Geldautomaten noch lange geben. Sie sind einfach zu praktisch. Die Geräte, die im Durchschnitt rund 20.000 Euro kosten, stehen überall. „1983 wurden die ersten Geldautomaten bei den Banken BIL, BGL und BCEE installiert“, erinnert sich Gaston Molling, „Chef du service Coordination du Réseau des Agences“ der Staatssparkasse. In Luxemburg unterhält allein die BGL BNP Paribas 134 Geldautomaten. Das größte Netz im Land weist die „Spuerkeess“ auf mit 162 Geldautomaten. Manche sind nur bestimmten Personen zugänglich wie in den europäischen Institutionen. Seit Mitte der 90er hat die Bank ihr Netzwerk an Geldautomaten aufgebaut.

Diese müssen auch gewartet und befüllt und technisch eventuell aufgerüstet werden; beispielsweise mit einer Tintenpatrone, die bei Gaseinführung und -explosion das Bargeld unbrauchbar macht. Das alles kostet rund 1.500 bis 2.000 Euro pro Automat und Monat. Die Tendenz ist steigend, weil die Automaten sicherer werden und vernetzter. Deshalb nehmen Banken Gebühren; in der Regel sowohl für Abhebungen am eigenen Automaten als auch an denen der Konkurrenz. Manche Banken legen eine Mindestabhebung fest, andere wie die ING Luxembourg ermöglichen Gratisabhebungen bei sich und Partnerbanken, langen aber bei auswärtigen Kunden richtig zu. Auch BCEE-Kunden zahlen am eigenen Geldautomaten nichts. Gehen aber BCEE-Kunden an andere Geldautomaten, kostet die Transaktion in der Regel zwei Euro, abhängig von den Konditionen. Für Jugendliche gibt es in der Regel besondere Angebote.

In Luxemburg heißen sie auch Geldausgabeautomat, Bankautomat oder „Bancomat“. Es sind Geldkassetten in einem Tresor, die von einem PC gesteuert werden. Zu finden sind sie vor allem da, wo viele Menschen unterwegs sind: In Einkaufszentren, an Bahnhöfen, Flughäfen, in Supermärkten oder in Tankstellen. Viele erlauben mehr als nur Abhebungen, beispielsweise das Aufladen von Guthaben auf Mobiltelefonen oder elektronischer Geldbörsen. Auch Quittungen, Belege oder Kontoauszüge können ausgedruckt werden.

Trends für die Zukunft der seit 51 Jahren existierenden Automaten bestehen vor allem im „Mobile Banking“. Letztlich bedeutet das, dass die Kunden am Automaten immer mehr Aufgaben erledigen können. In den USA spricht man von „Bank-Kiosken“, die auch Analysen liefern. Und natürlich Bargeld.

Geldautomat schluckt Karte: Was tun

Wenn der Bankautomat die Geldkarte einzieht, ist das für Kunden oft erst einmal ärgerlich. In der Regel passiert das aber aus einem guten Grund. Denn eingezogen werden Karten immer dann, wenn sie gesperrt sind. In den meisten Fällen hat der Kunde sie selbst sperren lassen, weil sie verloren oder verlegt wurde. Oder die Karte ist abgelaufen, weil bereits eine neue ausgegeben wurde.

Eine Sperre kann aber auch erfolgen, wenn die PIN mehrfach nacheinander falsch eingegeben wurde. In jedem Fall sollten Kunden sich an ihre Bank wenden, wenn ihre Karte eingezogen wurde. Die Banken geben auf ihrer Internetseite eine Nummer zum Sperren an. Bei den meisten Banken in Luxemburg ist das die Tel. 49 10 10, die rund um die Uhr funktioniert. Für bestimmte Karten kann es eine andere Telefonnummer sein, die der Webseite zu entnehmen ist.

Wichtig: Gibt der Automat die Karte nach der Abhebung wieder heraus, sollte sie auch rechtzeitig entnommen werden. Sonst wird die Karte aus Sicherheitsgründen eingezogen. Ist die Filiale des entsprechenden Kreditinstituts gerade geöffnet, kann man sich direkt am Schalter melden. Ansonsten sollte man mit der eigenen Bank Kontakt aufnehmen.

Lochkarten und Handyabhebungen

Wie sich Geldautomaten und Verbrechen damit entwickelt haben

Noch schnell fünfzig Euro abheben? Heute kein Thema mehr. Fast jeder verfügt über eine Kreditkarte und kann damit zum nächsten Automaten. Aber: Seit wann gibt es die Bancomaten eigentlich?

Prostituierte und Glücksspieler sollen die ersten Nutzer eines Vorläufers der Geldautomaten gewesen sein, der 1939 in den USA vom Vorläufer der heutigen Citi Bank aufgestellt wurde. Es war ein Flopp. Doch mittlerweile hat sich der Geldautomat zu einem weltweit verwendeten Instrument gemausert. In den 60er Jahren gab es dann Versuche, damit Wartende auf den Flughäfen ein paar Dollar abheben können. Bis schließlich ein Schotte 1967 den ersten Automaten in der Filiale der New Yorker Barclay’s Bank aufstellte, an dem man maximal zehn Pfund als Gegenwert eines Schecks abheben konnte. Geldautomaten waren nicht der Sofort-Erfolg.

Das lag an technischen Schwierigkeiten, hohen Kosten und umständlichem Procedere. „Vor 50 Jahren musste man sich teilweise noch mit Lochkarte identifizieren“, erinnert Ulrich Nolte, Pressesprecher beim Weltmarktführer Diebold Nixdorf, der über 32 Prozent Marktanteil verfügt und rund eine Million Geräte pro Jahr installiert. Diebold gehörte in den 70ern zu den ersten Anbietern, die den Geldautomaten mit einem IBM-PC verbanden. Das war noch die erste Generation der Automaten. Die zweite wartete in den 70ern dann mit einer Kartennutzung auf, wobei es noch keinen Magnetstreifen gab, der erst in der dritten Generation zum Einsatz kam. Die vierte Generation war dann mit einem Chip versehen.

Sicherheit ist bis heute ein großes Thema bei den Automaten. „Das Innovationsthema ist hoch“, findet Nolte. Da gibt es den vierstelligen Sicherheitscode PIN, der aber schon in den 80er Jahren mit einem Magnetlesegerät entwendet werden konnte. Denn sobald ein neues Sicherheitsfeature da war, kam die Reaktion aus dem kriminellen Milieu prompt. Zur Begrenzung deckelten die Banken den abhebbaren Betrag und führten Versicherungen ein. In Japan und der Türkei wird auch mit Biometrie gearbeitet, dort ist teilweise ein Fingerabdruck nötig. Ein südkoreanischer Hersteller testet Gesichts- sowie Iriserkennung. Zwar haben die meisten Banken eine Kamera, die die Automaten filmt. Doch aufgrund der gesetzlichen Lage dauert es oft Monate, bis die Ergebnisse veröffentlicht werden.

Täter sind findig. Sie lesen die Nummer ab, sperren mit einer „libanesischen Schlinge“ die Rückgabe der Karte und geben sich als hilfreicher Mensch aus, tröpfeln Öl auf die Tastatur, damit die benutzten Zahlen klar werden, bringen eine zweite Tastatur an, über die die PIN abgelesen wird, filmen selbst die Eingabe oder nehmen ein Wärmebild unmittelbar nach Eingabe auf. Dagegen hilft oft schon die Eingabe einer zweiten Nummer nach Abschluss der Transaktion. Schwieriger wird es beim Skimming, bei dem mit Funktechnologie, Tastenfeld-Attrappen oder ID-Kartenlesern die PIN geraubt wird.

Angriffe auf Automaten

Daneben gibt es noch jene Angriffe auf Automaten, die es auch in Luxemburg gab. Wurden früher schwere Baufahrzeuge genutzt, wird jetzt ein Gasgemisch zur Sprengung eingeführt, was in Europa 2016 rund 400 Mal der Fall war; angesichts der Zahl der Abhebungen also nicht oft vorkommt. „Damit befassen wir uns seit neun Jahren“, erklärt Nolte zur Gaseinführung. „Es gibt zwei Gegenmittel: Seit sechs Jahren existieren erdgasgeschützte Tresore mit Gittern, so dass das Geld nicht entnommen werden kann. Sie schützen auch Gebäude. Denn der Schaden an diesen ist in der Regel viel höher als der am Automaten.“ Noch länger gibt es die Tintentechnologie, die die Scheine einfärbt und so unbrauchbar macht. Diese ist auch nachrüstbar. Für mehr Sicherheit sorgen auch Gasdetektoren und Lüftungsschlitze. Daneben gibt es noch Schwachstellen durch Schnittstellen der Informatiksysteme, die Hacker nutzen. Der weltweite Verband „ATM International Association“ (ATMIA) stellt fest, 2017 habe es einen zweistelligen Zuwachs bei Kriminalität im Zusammenhang mit Geldautomaten gegeben.

Die Rolle der Automaten verändert sich, gerade im digitalen Zeitalter. „So kann man heute schon an vielen Automaten Geld mit dem Handy abheben“, berichtet Nolte. So genannte kontaktlose Abhebungen stiegen laut Branchenverband ATMIA um 30 Prozent. Das bringt wiederum andere Probleme mit der Sicherheit mit sich.

Sprengungen in Luxemburg

In Niederanven wurde im März 2018 der Geldautomat der Post-Filiale gesprengt. Dabei soll ein Gasgemisch genutzt worden sein. Der Schaden am Gebäude war hoch. Das Vorgehen war eine Premiere in Luxemburg. Am 9. Juni sprengten Täter einen Automaten in Heiderscheid, auch hier mit erheblichem Sachschaden.

Im Juli kam es zum dritten Mal innerhalb von vier Monaten zu einer Sprengung eines Geldautomaten. Im Erlebnisbad „Aquanator“ im Park Hosingen wurde der Automat mehrere Meter weit geschleudert.

Dahinter soll eine niederländische Bande stecken. Da das Vorgehen auf Niederländisch „Plofkraak“ heißt, wird auch die Bande so genannt.