LUXEMBURG
PATRICK WELTER MIT DPA

Am 23. Mai 1618 begann mit dem Prager Fenstersturz der „Dreißigjährige Krieg“

Auch Luxemburg litt während des „Dreißigjährigen Krieges“ große Not

Kein Aufatmen

Seit Luxemburg in der Mitte des 15. Jahrhunderts seine Unabhängigkeit verloren hatte, haben fast alle Nationen Europas wechselweise dasselbe in Besitz gehabt; Burgunder und Spanier - später auch Österreicher und Franzosen - waren mehr oder minder lange die Herren des Landes und in ihrem Gefolge saugten Italiener, Kroaten, Wallonen, Holländer, kurz Mitglieder jeder Nation das Land aufs unbarmherzigste aus. Selten genoss Luxemburg mit seiner Festungsstadt einen längeren Frieden. Es verging fast kein Jahrzehnt, in dem es nicht von diesem oder jenem Feind heimgesucht wurde.

Ruiniert und verzweifelt

Laut einem Bericht eines Zeitzeugen sei das Land damals „ganz ruiniert und das Volk ganz verzweifelt“ gewesen. Trotzdem verlegte Spanien, unter dessen Schutz das Land vor und während des „Dreißigjährigen Krieges“ stand, in den Jahren vor 1618 weitere Regimenter und Kompanien zu Pferde und zu Fuß nach Luxemburg. 
So war das Territorium bei Ausbruch des „Dreißigjährigen Krieges“ bereits von Kriegsnöten gepeinigt. Zwar gab es auf dem heutigen Gebiet von Luxemburg keine nennenswerten Schlachten, allerdings waren die Auswirkungen stark spürbar. So plünderten etwa die Kroaten, vom Kaiser eigentlich gegen Frankreich und die Heere Richelieus geschickt, in Luxemburg. Besonders seit Frankreich 1635 gegen Spanien kämpfte, hatte auch der Norden Luxemburgs viel zu leiden. Kaiserliche und fremde Truppen zogen durchs Land, mordeten, plünderten, steckten Häuser in Brand.
Im Ösling bezogen um 1635 die Soldaten der Generäle Blanchart, der Italiener Piccolomini, der Kroate Isolanie und der Reitergeneral Jan van Wert ihre Winterquartiere. Während dieser Zeit litt etwa das Dorf Marnach. Es hatte regelmäßig Kriegsabgaben zu zahlen sowie Getreide und Vieh abzuliefern, wie aus Chroniken hervorgeht.
Trotz Ende des „Dreißigjährigen Krieges“ blieben die Kriegsnöte in den folgenden Jahren in Luxemburg hoch, so, dass ein großer Teil der Bevölkerung auswanderte. Viele Ortschaften im Land verloren ihre Bevölkerung fast ganz. So soll etwa Esch/Alzette um 1658 nur noch 40 Haushalte gezählt haben.
"Galgenbäume" waren zu dieser Zeit häufig Quelle: PD - Lëtzebuerger Journal
"Galgenbäume" waren zu dieser Zeit häufig Quelle: PD

Der „Dreißigjährige Krieg“ gilt zwar als deutsche Urkatastrophe. Dieser Krieg war aber keine innerdeutsche Angelegenheit oder ist gar rein deutsche Geschichte. Zunächst einmal, weil es Deutschland im Sinne einer Nation noch gar nicht gab. Zum anderen weil ein halbes Dutzend europäischer Groß- und Mittelmächte über drei Jahrzehnte hinweg im Namen der Religion Krieg führten, auf fremden - de facto deutschem - Territorium. Luxemburg gehörte zu diesem Zeitpunkt zu Spanien und damit zur kaiserlich-katholischen Seite. Die trierischen Nachbarn, obwohl katholisches Kurfürstentum, setzten später - vermutlich aus Pragmatismus - auf die französische Karte, dessen Chefminister Richelieu, immerhin katholischer Kardinal, es mit den protestantischen Schweden hielt, um sich die Habsburger in Wien, Madrid und Brüssel vom Hals zu halten. Es ging in diesem Krieg nur vordergründig um Religion, und das auch nur am Anfang - es ging um Macht.

Am 23. Mai ist es genau 400 Jahre her, dass der Krieg mit dem Prager Fenstersturz begann. Dabei wurden katholische Statthalter von wütenden Protestanten aus einem Fenster der Prager Burg geworfen - was sie glücklicherweise überlebten. Die protestantischen böhmischen Stände waren die Bevormundung durch die katholischen Habsburger aus Wien, die formalen Landesherren, leid. Der Fenstersturz war eine Kriegserklärung an den Kaiser. Als die Böhmen dann noch den protestantischen Kurfürsten der Pfalz, Friedrich V., zum König wählten war der „Casus belli“ da. Aus dieser lokalen Krise entwickelte sich der verheerendste Konflikt vor dem Ersten Weltkrieg.

Ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung kam um

Die Mehrheit der Historiker nimmt an, dass die Bevölkerungszahl im Kriegsgebiet von etwa 16 Millionen auf weniger als 12 Millionen Menschen sank. Dabei waren die Regionen unterschiedlich betroffen: Ein Korridor der Zerstörung zog sich von Mecklenburg-Vorpommern über Mitteldeutschland und Hessen nach Bayern. Wenn man den prozentualen Anteil der Bevölkerung, der durch den Konflikt umkam, zum Maßstab nimmt, war der Dreißigjährige Krieg der blutigste überhaupt. Henry Kissinger schrieb, dass der Dreißigjährige Krieg „zu den gewalttätigsten, brutalsten und zerstörerischsten Kriegen der Geschichte gezählt werden müsse“.

Große und kleine Massaker

Die „Magdeburger Hochzeit“, bei der von den Truppen des katholisch-bayrischen Generals Tilly 20.000 der 30.000 Einwohner der Stadt getötet wurden, markierte den blutigen Höhepunkt. Bis dahin florierende Städte verloren ihre Bedeutung. Dörfer verschwanden von der Landkarte. Wer noch etwas Geld und die nötigen Kraftreserven hatte, versuchte, sich in die Niederlande durchzuschlagen, damals das reichste und freieste Land Europas. Die Niederländer versorgten beide Seiten mit Kanonen, Pulver und Pistolen.

Wegmarke der Weltgeschichte

Ein Wendepunkt der Weltgeschichte war der „Westfälische Frieden“, der den Krieg 1648 beendete. Es war eine Konferenz, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte: 109 diplomatische Vertretungen aus 16 europäischen Staaten beteiligten sich. Die Verhandlungen bildeten die Grundlagen des modernen diplomatischen Protokolls heraus. 

Der Verhandlungsmarathon war erfolgreich, weil am Schluss jede der beteiligten Mächte ihr Gesicht wahren konnte. Die unterschiedlichen Konflikte zwischen Kaiser und Schweden, Kaiser und Franzosen, Niederländern und Spaniern wurden jeweils einzeln verhandelt. Dabei haben die Diplomaten gleichzeitig sichergestellt, dass die Kompromisse am Ende nicht miteinander kollidierten. Allerdings war das „Heilige römische Reich deutscher Nation“ danach nur noch eine leere Hülle, an seinem Rand warf erstmals ein bis dahin unbedeutendes Gebiet namens Preußen seinen Schatten nach Westen.