DÜDELINGEN
CLAUDE MÜLLER

Zur 7. Auflage von „Like A Jazz Machine“ und 15 außergewöhnlichen Konzerten in Düdelingen

Peter Perfido’s EPS Trio, genau die richtige Wahl als Auftakt eines sich in allen Hinsichten permanent von Höhepunkt zu Höhepunkt steigernden Festivals, bot ein ausgewogenes, abgerundetes Konzept mit vitalem Erfindergeist, das gegen Ende mit fünf originellen Miniaturen alle möglichen Klangfarben und Stilbesonderheiten des Trios resümierte. Mit Gong und verschiedenen, unüblichen Becken, dem angenehmen Saxofonsound von Daniel Erdmann und dem eifrigen Henning Sieverts am Kontrabass erlebten wir gleich zu Beginn eine vielversprechende, experimentierfreudige Combo, deren neues Projekt in ihrer Mission als „Artist in Residence“ entstand.

Ein weiteres pianoloses Saxofontrio mit der Jeff Herr Corporation war dank des technisch versierten Saxofonisten Maxime Bender, des vorzüglichen Bassisten Laurent Payfert, der vor allem durch seine polyphonen Einsätze bestach, und einem aufregenden Drumsolo des Leaders ebenso erfolgreich und entwickelte sich während des einstündigen Konzerts, bei dem es zwar eher bescheiden und konventioneller zuging, zu einem Leckerbissen für stille Genießer.

Wandlungsfähiger Sound

Lebhafter ging es anschließend bei dem 4tet des Bassisten Reggie Washington mit dem belgischen Saxofonisten Fabrice Alleman zu. „Wir spielen alte und neue Musik“ betonte der redselige Leader mehrmals, und was er damit meinte, betraf vor allem die Wandlungsfähigkeit des Sounds der Band. Während bei Wayne Shorters „Footprints“ in klassischer Besetzung mit einem mitreißenden Bobby Sparks am Flügel und Washington am Kontrabass die großen Momente des Post Bop auflebten, erlebten wir mit „Actual Proof“ von Herbie Hancock einen beeinndruckenden Ausflug in die durchtrainierte Welt des Fusion Jazz à la „Weather Report“ mit E-Bass und gefälligen Synthesizerklängen.

Der zweite Festivaltag begann mit einer Aufmerksamkeit erregenden Neuentdeckung der regionalen Szene. Das homogene Zusammenspiel der Musiker um Schlagzeuger Michel Meis ließ von den ersten Takten an keine Zweifel an der Überzeugungskraft der vier Musiker, sowohl als Solisten wie als bestens eingespieltes Team, aufkommen. Allen voran stand die behutsam, aber eindrucksvoll blasende Posaunistin Alisa Klein aus Saarbrücken, eine willkommene Abwechslung im fast immer präsenten Reich der zahlreichen Saxofonisten, im Mittelpunkt des homogenen Zusammenspiels, das durch sein betörendes atmosphärisches Charisma und einer manchmal melancholischen Stimmung bestach.

Bei dem darauffolgenden Auftritt der Band des italienischen Starpianisten Enrico Pieranunzi ließ der virtuose Tenorsaxofonist Seamus Blake mit seinen atemberaubenden Phrasierungen und fesselnden melodischen Konstruktionen an historische Momente der goldenen Ära des spontanen Jazz erinnern. Pieranunzi selbst faszinierte mit seinem effektvoll eingesetzten, harmonisch und rhythmisch bestens ausgeklügelten Akkordbackground und soliden Unisono mit dem Bassisten Luca Bulgarelli.

Experimentierfreudig

Stilistisch äußerst abwechslungsreich präsentierte sich hingegen das experimentierfreudige Quartett um den französischen Kontrabassisten Stéphane Kerecki und Julien Lourau an Tenor- und Sopransaxofon mit nüchtern berechneten Ausflügen in das Universum der elektronischen Klänge im Wechsel mit harmonischen Verbindungen vom Komposition und Improvisation. Eine Gruppe, die erfreulicherweise gegen den Strom der allgemeinen Globalisierung der aktuellen, oft klischeehaften Jazzstile schwimmt.

Zusammentreffen von Kühn und Bender

Das mit Spannung erwartete Zusammentreffen des Kultpianisten Joachim Kühn mit dem luxemburgischen Saxofonisten Maxime Bender am dritten Festivaltag übertraf alle Erwartungen. Kühn, ein Urgestein der europäischen Szene, der Vorzeigepionier der frühen deutschen Free Jazzbewegung, überzeugte wie gewohnt mit seiner vitalen und sensiblen Mischung aus kontrollierten Ausbrüchen und wunderbar disponierten lyrischen Momenten. Souverän drückte er durch seine unverkennbare Handschrift dem „Awake 4tet“ des überzeugend locker spielenden Maxime Bender seinen Stempel auf. Auch Bassist Oliver Lutz trug wesentlich mit seiner musikalischen Energie, mal wild, mal zart, zu dem überwältigenden Resultat dieses Events mit Livesessioncharakter bei. Eine perfekt ausgewogene Figur machte Drummer Pit Dahm mit seinen bestens durchdachten Übergängen von urwüchsigem Swing zu freien, ekstatischen Eskapaden, die er mit überzeugender, natürlicher Leichtigkeit in einem ausgedehnten Solo demonstrierte.

Eine komplett andere Beziehung zu Stilvarianten des Jazz vermittelte der immer wieder für Überraschungen sorgende französische Saxofonist Sylvain Rifflet mit seinem Projekt „Re Focus“. Wenn das vorherige Konzert mit dem Kühn/Benderquartett zu den interessantesten des Festivals gehörte, war dieses sicherlich das schönste. Basierend auf der 1961 entstandenen Produktion „Focus“ mit Stan Getz, entwickelte Rifflet in Zusammenarbeit mit dem Streichquartett „Appassionato“ unter Leitung des Bratschisten Mathieu Herzog, einem Gründungsmitglied des „Quator Ebène“, eine gelungene Fortsetzung dieses Meisterwerks.

Glanzstück der zeitgenössischen E-Musik

Der vierte und letzte Tag brachte mit dem Trio DADADA gleich ein Glanzstück der zeitgenössischen E-Musik auf die Bühne des Düdelinger Jazztempels. Die vornehmlich abstrakte Musik - vom spanischen Maler Miro inspirierte Klangbilder, die in Ligeti-Etüden übergingen - versetzte in eine Traumwelt von elektronischer Klangkulisse dominierten Basis, die Pulsgeber für die prägnanten akrobatischen Soli des Pianisten Roberto Negro und des fabelhaften Sopransaxofonisten Emile Parisien boten.

Ein alter Bekannter, Pianist Michel Reis, diesmal mit „Double Quartet“, jeweils europäischer und japanischer Herkunft und das „Reto Weber Percussion Orchestra“ mit Chico Freeman bildeten die Schlusslichter des viertägigen Marathondurchlaufs mit 15 außergewöhnlichen, alle Sparten der aktuellen Szene umfassenden Konzerten.

Danielle Ignitis letztes Jazzfestival

Das mit dem markanten Fingerspitzengefühl des aufgeschlossenen Spezialisten für Jazz und neue Musik aufgebaute Festival erwies sich auch diesmal wieder als unentbehrlicher, unfehlbarer Wegweiser und Garant für den guten Geschmack und dies dank der erfahrenen, unermüdlichen Danielle Igniti, die leider zum letzten Mal als Impresario zu der Erfolgsgeschichte von „Like A Jazz Machine“ beitrug. Wir schließen uns natürlich den zahlreichen Danksagungen seitens der präsenten Musiker an und wünschen alles erdenklich Gute für die Zukunft.