LUXEMBURG
MARCO MENG

Handelskammer mahnt Investitionen in Digitalisierung an

Wohin steuert die luxemburgische Wirtschaft? An welchen Stellschrauben muss gedreht werden, damit das Wachstum nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ, sprich für die ganze Gesellschaft von Nutzen ist? Antworten darauf gab gestern die „Chambre de Commerce“ auf ihrer traditionellen Pressekonferenz zum Ende des Jahres.

„Mit Freude stellen wir fest, dass das internationale Umfeld positiv ist“, sagte Handelskammer-Generaldirektor Carlo Thelen, der darauf verwies, dass Luxemburgs Wirtschaftsleistung (BIP) zu 84 Prozent vom Außenhandel bestimmt wird.

Handel und Finanzmärkte prosperierten im ablaufenden Jahr, auch die Eurozone biete gute Perspektiven mit positiven Auswirkungen auf Luxemburg, wo die Arbeitslosenquote deutlich sank, die Beschäftigungsquote stieg und auch die Steuereinnahmen mit einem Plus von sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr für einen soliden Staatshaushalt sorgen. Bedenklich sei dennoch, so Thelen, dass die Produktivität der luxemburgischen Unternehmen seit dem Jahr 2000 stagniere, was mit dem gewünschten qualitativem Wachstum nicht kompatibel sei. „Luxemburg erwirtschaftet heute pro Arbeitnehmer nicht mehr als vor 15 Jahren.“

Geringe Rentabilität bedeutet geringe Investitionen

Nach dem kürzlich vorgestellten Jahresbericht des „Observatoire de la compétitivité“ für das Jahr 2017 liegt Luxemburg beim Thema Nachhaltigkeit europaweit auf dem vierten Platz, was den Sozialstaat anbelangt auf dem ersten - aber was die Wirtschaft betrifft, nur auf dem siebten Platz. „Um sozial weiterhin die Nummer 1 zu sein, muss auch unsere Wirtschaftsleistung besser werden“, erklärte Thelen. „Das muss man sich nachhaltig verdienen“.

Viele Betriebe in Luxemburg, vor allem kleine und mittelständische, litten hingegen unter einer schwachen Rentabilität. Die Finanzwirtschaft ausgeblendet stünden Luxemburgs Unternehmen in Europa ganz am Schluss bei der Rentabilität. Und schwache Rentabilität bedeute, dass diese Firmen keine Ressourcen zum Investieren haben. Doch gerade Investitionen seien wichtig. „Selbst wenn das Geschäft läuft, der Umsatz also hoch ist, bleibt bei vielen Unternehmen wenig übrig, nicht genug zum Investieren“, sagt der Handelskammer-Chef. Schuld seien hohe Kosten, die die Unternehmen schultern müssen.

„Die Betriebe können nichtdas Wohnungsproblem lösen“

Nach einer Umfrage von „Eurochambres“ drückt hiesige Unternehmen vor allem der Mangel an gutem Personal und die hohen Arbeitskosten. Das wirft die Frage nach dem Mindestlohn auf. Würde der jetzt nochmals erhöht, sinke die Rentabilität vieler Unternehmen noch weiter, das Gesamtlohnniveau würden steigen und infolgedessen auch die Arbeitslosigkeit, die doch gerade erst erfolgreich abgebaut worden sei. „Das würde die Erfolge der letzten Jahre wieder umkehren“, warnt Thelen. „Diesen Fehler dürfen wir nicht machen.“ Dem Argument, wegen der hohen Wohnkosten in Luxemburg müssten die Löhne steigen, entgegnet Thelen: „Das Logement-Problem können nicht die Betriebe lösen.“ Der Mindestlohn sei hier das falsche Mittel, vielmehr müsste mehr Wohnraum geschaffen werden, zum Beispiel auch durch die Gemeinden. „Da wurde in den letzten 25 Jahren zu wenig getan“, sagt Thelen.

Arbeit 4.0 - Neue Modelle der Arbeitsorganisation

Was die Zukunft der Arbeit betrifft, habe die Regierung 2016 „die Tür leider geschlossen“, eine Diskussion über neue Arbeitsmodelle und -organisation sei indes überfällig, findet die Handelskammer. Neue Modelle der Arbeitsorganisation seien auch wegen der Digitalisierung nötig, die zudem helfen könne, die stagnierende Produktivität zu erhöhen. Sie führe jedenfalls zu „extremen Umwälzungen“. Eine Studie dazu mit dem Titel „Arbeiten 4.0 - Chancen und Herausforderungen für Luxemburg“ von Handelskammer, Arbeitsministerium und „Chambre de salariés“ kommt nächstes Frühjahr heraus. Zudem sieht die Handelskammer das „House of Start-ups“, das sie nächstes Jahr eröffnet, als ihren Beitrag dazu, Luxemburgs Wirtschaft zukunftsfähig zu machen. Mit dem „House of Entrepreneurship“ versuche die Kammer zudem, digitale Kompetenzen zu stärken, was in Zukunft für die Wirtschaft noch wichtiger wird. Schon heute beklagen rund 60 Prozent von befragten Unternehmen, Schwierigkeiten zu haben, Informatiker zu finden.

Weltwirtschaft - alles im grünen Bereich?

Zu großem Optimismus für 2018 und darüber hinaus nimmt Marc Wagener aber den Wind aus den Segeln, wenn er bemerkt: „Wir werden kein besseres Umfeld bekommen“ als die gegenwärtige internationale Wirtschaft.“ Der Ökonom der Handelskammer analysierte die Haupthandelspartner Luxemburgs. Der Brexit mache bald den EU-Binnenmarkt kleiner, die brummende Wirtschaft Deutschlands - Luxemburgs größter Handelspartner - habe seine Kapazitätsgrenzen erreicht, so Wagener. Und er erinnert auch an das Rentenproblem: Wolle Luxemburg seinen Sozialstandard halten, müssten bis 2050/60 drei Milliarden Euro jährlich eingespart werden, was aber nicht geschehe. Was die Index-Lohnerhöhungen in Luxemburg betrifft, merkt Wagener an, dass hier Belgien ein interessantes Modell habe. Dort wird bei der Lohnerhöhung auch die Wirtschaft der Haupthandelspartner betrachtet, so dass per Gesetz die Lohnentwicklung diejenige der drei Haupthandelspartner nicht überschreiten darf. Es sei der Überlegung wert, sich das zu Herzen zu nehmen, damit sich die Lohnkosten nicht ganz abkoppeln von denen der Haupthandelspartner.