LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Über Bildnis und Identität

Da saßen wir, mein Bekannter und ich, und amüsierten uns. Er war mir auf Anhieb sehr sympathisch. Wirklich. Heute habe ich, offen gestanden, ein mulmiges Gefühl. Dabei hat er gar nichts falsch gemacht. Eigentlich hat er, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, überhaupt nichts mehr gesagt oder getan. Und nicht einmal das mache ich ihm zum Vorwurf. Trotzdem hege ich jetzt, und ich weiß, wie ungerecht das ist, eine gewisse Antipathie gegen ihn. Und ich kann mir selbst nicht erklären, warum das so ist. 

Geistige Transformation

Erst ging ich davon aus, es müsse an der zeitlichen Distanz liegen, denn unser jüngstes Treffen liegt einige Tage zurück. Erinnerungen verblassen und mit ihnen die Emotionen. Jede Nacht, die sich zwischen die Gegenwart und ein vergangenes Ereignis, die sich zwischen zwei Menschen schiebt, verdichtet den entstandenen nebligen Schleier. Doch ist es wirklich nur ein Verblassen? Ich muss mir eingestehen, dass der gemeinsam verbrachte Abend mir nicht nur weniger präsent ist, auf einmal verbinde ich mit ihm auch einen bitteren Nachgeschmack. Demnach erinnere ich mich nicht nur weniger deutlich, ich erinnere mich auch noch verzerrt.

Wenn nun nicht er daran schuld ist, muss ich selbst dafür verantwortlich sein. „Du sollst dir kein Bildnis machen“, sagt Max Frisch. Und ich habe gegen diese Maxime verstoßen. Damit nicht genug: Das Bildnis forme ich konstant weiter. Ich lasse jedes einzelne unserer Gespräche Revue passieren, wieder und wieder, klammere dabei wichtige Teile aus, fingiere andere dazu, deute und verforme jede seiner Aktionen so lange, bis der erlebte Abend meinen geistigen Verdauungsapparat mehrmals durchlaufen hat. Wie durch ein Sieb gepresst. 

Mein Bekannter bekommt davon nichts mit, wie mein Kopf an ihm herumwerkelt, und eingreifen kann er schon gar nicht. Mein Kopf tut, was er, nur er allein, will. 

Die Frage nach der objektiven Wahrheit

Mein Kopf stellt viele Fragen, will wissen, warum mein Bekannter dies oder das so und nicht anders getan und gesagt hat. Vor allem aber erweitert er zusehends das Spektrum potenzieller Antworten um weitere Worst-Case-Szenarien. Es ist, als würde ich helle, bunte, schmeichelhafte Partien eines Porträts mit dunklen Schatten übermalen. Am Ende entsteht ein komplett neues Bild. Ich tue ihm wahrscheinlich unrecht, aber ich kann es nicht beeinflussen. Ich habe einfach Angst, mich in ihm zu täuschen, Angst, dass mein erster, intuitiver Eindruck zu positiv war.

Das ist nicht aus der Luft gegriffen. Manchmal tendiert man dazu, einen Menschen, den man kaum kennt, zu idealisieren und das eben beschriebene Phänomen, dieses nachträgliche Infragestellen und Zurechtlegen von Antworten, dient der Angleichung. Doch der Angleichung woran, an die Realität, an sein wahres Ich? Liegt seine wahre Identität zwischen meinem intuitiven ersten Eindruck und der nachträglichen, rationalen Betrachtung seiner Person? Ich glaube, so einfach verhält sich die Sache nicht. Ich weiß nicht, welches Porträt das realitätsnähere ist. Ich weiß nicht, wer er ist, und werde es niemals erfahren. Ich werde immer nur meine subjektiven Eindrücke wiedergeben und anpassen. 

Aber wer weiß, vielleicht lässt sich ja noch nicht einmal so klar unterscheiden, zwischen dem Bild, das ich mir von ihm mache, und seiner Identität. Vielleicht ist mein Bildnis sogar Teil seiner Identität, die nicht ein absolutes, ewiges Ganzes ist, sondern in so viele wandelbare Teile zerfällt, wie es Augen gibt, die auf ihn blicken? Vielleicht ist er nicht bloß der, als der er sich innerlich fühlt und der er selbst zu sein hofft, sondern auch der, den andere in ihm sehen. Besonders unter dem Einfluss der sozialen Medien scheint mir das denkbar. 

Kennenlernen - ein ewiger Prozess

Dazu ist zu sagen, dass das Phänomen, sich ein Bildnis zu machen, nicht immer negativ ist. Prinzipiell könnte ich auch ein schattenreiches Porträt mit vielen schönen, knalligen Farben übermalen und meinen Gegenüber im Nachhinein schmeichelhafter darstellen. In dem Fall stellt sich natürlich genauso die Frage nach der Richtigkeit und der Objektivität meines Bildnisses. Doch das spielt im Grunde keine Rolle. Ich bin ein Maler, der niemals fertig wird. Ich kann mich, wenn ich will, auf den, den ich male, jeden Tag wieder neu einlassen, ihn mit jedem Wimpernschlag anders erleben. Es muss „die Bereitschaft“ bleiben, „weitere Verwandlungen einzugehen“, um es mit Frischs Worten auszudrücken. Denn das ist doch so viel wertvoller, so viel spannender und vor allem so viel richtiger als das Vorhaben, den wahren, inneren, unveränderbaren Kern einer Person ausmachen zu wollen, den es vielleicht nicht einmal gibt. Jemanden kennenzulernen bedeutet, bereit zu sein, die eigene Meinung über ihn immer und immer wieder revidieren zu können. Alles lässt sich überpinseln, mit der Zeit, niemand verdient es, für immer auf seine vergangen Taten reduziert zu werden.

Es ist also nicht per se problematisch, sich ein Bildnis zu machen, solange es flexibel und nicht starr ist und wir nicht denken, dass es absolut und „wahr“ ist. Ich fände es vielmehr traurig, mir von jemandem überhaupt kein Bild mehr zu machen. Denn würde das nicht bedeuten, dass ich ihm überhaupt keine Möglichkeit mehr gebe, ihn je mit anderen Augen zu sehen? Dass ich an ihn überhaupt nicht mehr denke und er für mich ein Niemand, eine schwarze Leinwand ist, auf die ich nicht malen kann? 

Morgen schon wird er für mich wieder ein anderer sein, so wie ich für ihn.