LUXEMBURG
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HIV/Aids: Gesundheitsministerin Lydia Mutsch setzt weiterhin auf Prävention

Rund um den Globus erinnern am 1. Dezember die verschiedensten Organisationen an das Thema Aids und rufen dazu auf, aktiv zu werden und Solidarität mit HIV-Infizierten, Aids-Kranken und den ihnen nahestehenden Menschen zu zeigen. Im Vorfeld des heutigen Welt-Aids-Tages unterhielten wir uns mit Gesundheitsministerin Lydia Mutsch, die in aller Ausführlichkeit auf unsere (via E-mail eingereichten) Fragen antwortete.

Frau Ministerin, können Sie uns einige aktuelle Zahlen nennen?

Lydia Mutsch Seit Entdeckung der ersten Aids-Fälle vor mehr als 35 Jahren haben sich weltweit 78 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert, derweil 35 Millionen Menschen an Krankheiten im Zusammenhang mit Aids gestorben sind. Positiv ist indes, dass die HIV-Infektionen bei den Erwachsenen seit 2010 um rund elf Prozent zurückgegangen sind - von 1,9 auf 1,7 Millionen im letzten Jahr. 2016 sind rund eine Million Leute an den Folgen von Krankheiten im Zusammenhang mit Aids gestorben, gegenüber 1,9 Millionen im Jahr 2005 und 1,5 Millionen im Jahre 2010.

Wie viele Leute sind in Luxemburg betroffen?

Mutsch Wenn wir davon ausgehen, dass 87 Prozent der Leute, die mit HIV infiziert sind, diagnostiziert sind, dann können wir von rund 1.065 HIV-Infizierten in Luxemburg sprechen. Es wird allerdings geschätzt, dass 13 Prozent nichts von ihrer HIV-Infektion wissen, weil sie sich nicht testen ließen. Dabei ist ein solcher Test die einzige Möglichkeit, seinen HIV-Status zu erfahren. Erst dann bekommt man auch den Zugang zu einer Behandlung, die einem hilft, den HI-Virus zu kontrollieren und zu verhindern, dass opportunistische Krankheiten wie zum Beispiel Tuberkulose ausbrechen.

Für uns, will heißen das Gesundheitsministerium und seine Partner wie die HIV-Beratung vom Roten Kreuz, ist es deshalb auch unerlässlich, weiterhin Aktionen sowie Informations- und Sensibilisierungskampagnen zu starten, die sich vor allem an diejenigen Leute richten, die am Rand unserer Gesellschaft stehen, wie Drogenabhängige und Prostituierte, aber auch an die breite Öffentlichkeit, und bei denen es darum geht, sich testen zu lassen.

2016 hat die Zahl der Neuinfektionen dann auch mit 98 neuen Patienten (73 Männer und 25 Frauen) in Luxemburg einen neuen traurigen Rekord erreicht. Wie aus dem Bericht des „Comité de Surveillance du SIDA“ hervorgeht, haben sich die meisten Leute durch heterosexuelle Kontakte angesteckt, gefolgt von den homo- oder bisexuellen Kontakten, und den Drogenkonsumenten, die ihren Stoff spritzen und sich solcherart mit HIV anstecken. Am meisten betroffen ist hier die Altersgruppe der 26- bis 35-Jährigen. Seit 2014 ist dann auch besonders bei den Drogenabhängigen ein Anstieg der HIV-Infektion festzustellen.

Was nun die neuesten Zahlen anbelangt, so lag die Zahl der Neuinfektionen bis zum 15. November bei 93 neuen Infektionen: 44 durch heterosexuellen Kontakte, 32 durch homo- oder bisexuelle Kontakte, und neun durch den intravenösen Gebrauch von Drogen. Das ist ein ganz leichter Rückgang, wobei man aber noch nicht von einer Tendenz nach unten sprechen kann.

Welche Maßnahmen hat Luxemburg geplant, um die Zahl der Neuinfektionen in Zukunft reduzieren zu können?

Mutsch Luxemburg gehört mittlerweile zu den Ländern in der EU, die am vielfältigsten in ihrem Angebot der Risiko-Reduzierung sind. Neben den Aidstestaktionen und den Informationskampagnen haben wir im Rahmen unseres neuen nationalen Aids-Aktionsplans, über den heute im Regierungsrat diskutiert wird, neue, zusätzliche Maßnahmen ausgearbeitet, auch im Bereich Prävention, die insbesondere auch die Drogenkonsumenten betreffen.

So arbeiten wir momentan mit den betroffenen Kreisen an einer mobilen Einrichtung, die es erlauben wird, die Menschen mit erhöhtem Risiko dort zu erreichen, wo sie sich aufhalten, und ihnen dort, wenn nötig, direkt eine Behandlung anzubieten. Der neue nationale Aids-Aktionsplan legt dann auch einen besonderen Akzent auf die Drogenkonsumenten. In diesem Sinn wird dann auch über die Machbarkeit einer vorbeugenden medikamentösen Behandlung („Pre-Exposure Prophylaxis“, kurz PrEP) für Drogenkonsumenten mit erhöhtem Risiko nachgedacht. Das Medikament enthält Wirkstoffe, die die Virusvermehrung in den Zellen hemmen und bietet bei regelmäßiger Einnahme einen hohen, aber keinen 100-prozentigen Schutz vor HIV.

Seit dem 1. April läuft dann auch bereits ein entsprechendes Pilotprojekt. Damit ist Luxemburg nach Frankreich und Norwegen das dritte europäische Land, das den Zugang zu solchen Medikamenten ermöglicht.

Hintergrund

Was ist HIV, was Aids?

 Aids (Acquired Immunodeficiency Syndrome/Erworbenes Immunschwächesyndrom) ist die Spätfolge einer Infektion mit dem HI-Virus (Human Immunodeficiency Virus/Menschliches Immunschwäche-Virus). Bei einer Immunschwäche ist die Abwehrfähigkeit des Körpers gegenüber Krankheitserregern vermindert. Eine fortgeschrittene Immunschwäche kann so zu verschiedenen schweren Erkrankungen und später zum Tod führen.
Das HI-Virus wird mit den Körperflüssigkeiten Blut, Sperma, Vaginalsekret, Liquor und Muttermilch übertragen. Am häufigsten geschieht die Infektion über ungeschützten Vaginal- oder Analverkehr, die Benutzung kontaminierter Spritzen bei intravenösem Drogenkonsum und der aufnehmende Oralverkehr - wenn eine verletzte Schleimhaut Kontakt mit Sperma oder Menstruationsblut bekommt.
Wer HIV-positiv ist, muss aber nicht zwangsläufig auch an Aids erkrankt sein, eine HIV-Infektion kann nach mehrjährigem Verlauf jedoch in Aids übergehen. Dank immer neuer Medikamente hat sich die Lebensqualität von Menschen mit HIV/Aids in den letzten Jahren aber deutlich verbessert. lj
Vorbeugung bei Risikogruppen

Prophylaxe gegen Aids

Wie lässt sich die Zahl der HIV-Neuinfektionen senken? Mit Spannung beobachten Experten derzeit, ob ein Medikament da etwas bewirken kann: „Prä-Expositionsprophylaxe“, kurz PrEP heißt die Vorbeugung mit Tabletten, die für Menschen mit besonders hohem Infektionsrisiko gedacht ist. Sie müssen aber sicher sein, dass sie HIV-negativ sind. Denn nimmt man es trotz bereits erfolgter Ansteckung, drohen Resistenzen. Eine Gefahr außerdem: Die Tabletten schützen nicht vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen wie Syphilis.
Eingesetzt wird das Medikament Truvada seit 2012 in den USA. Ist die Form der Anwendung als Prophylaxe recht neu, so ist das Medikament an sich schon seit Jahren für die Therapie HIV-Infizierter zugelassen. Es enthält Wirkstoffe, die die Virusvermehrung in den Zellen hemmen und bietet bei regelmäßiger Einnahme einen hohen, aber keinen 100-prozentigen Schutz vor HIV: Studien haben ergeben, dass die Erfolgsquote bei einer regelmäßigen Einnahme des Medikaments bei 85 Prozent liegt.
Angewandt wird die Methode bereits in Kanada, Australien, Brasilien und verschiedenen EU-Ländern, wie Großbritannien, Frankreich, Norwegen und auch Luxemburg, wo seit 2016, seit die PrEP in der EU zugelassen wurde, ein Pilotprojekt läuft.  lj