LUXEMBURG
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Bildungsminister Claude Meisch über die Wahrnehmung des Bildungssystems, das Verhältnis zu den Gewerkschaften und Perspektiven

Eine einfache Aufgabe war es sicherlich nicht, die Claude Meisch 2013 übernahm. Wo anfangs noch „Reformstau“ herrschte, ist in den vergangenen fünf Jahren viel geschehen. Am meisten geprägt habe ihn in der vergangenen Legislaturperiode „der Kontakt mit den Menschen, die in den Schulen arbeiten“, sagt der liberale Minister im Interview. Vor Ort habe sich ihm nämlich ein „ganz anderes Bild“ gezeigt im Vergleich zu dem, wie Schule und Bildung im Allgemeinen wahrgenommen würden: als von permanenten Streitereien dominiert. In die öffentliche Wahrnehmung dringe nicht vor, „dass enorm viele innovative Projekt gestemmt werden, dass sehr viele Lehrer nicht auf die Uhr schauen, dass viel an der Entwicklung der Schule gearbeitet wird“. Er bedauert, dass dadurch das Bild entstehe, die Schule sei „nicht reformfähig“. Streit gab es natürlich auch in den vergangenen Jahren, etwa über Sparmaßnahmen oder die Reform der Studienbeihilfen. Doch über das Verhältnis mit den Lehrergewerkschaften sagt Meisch heute: „Eigentlich basierte jede große Reform auf einer Einigung mit den Gewerkschaften“. Beispielsweise mit dem SNE in der Grundschule bei der Einführung der Regionaldirektionen oder bei der Suche nach Lösungen für den Lehrermangel. Dass in verschiedenen Punkten kein Konsens besteht, führt der Minister auf „unterschiedliche Aufträge“ zurück, schließlich sei es Aufgabe der Gewerkschaften, sich für bessere Arbeitsbedingungen ihrer Mitglieder einzusetzen. Doch er sei eben „nicht nur Minister der Lehrer“, sondern auch der Schüler und Eltern, betont Meisch. 

„Wir verstaatlichen Schulmodelle“

Das Verhältnis zum SEW bleibt derweil angespannt. Dem Vorwurf, einer Privatisierung des Bildungssystems das Terrain zu ebnen, weist der DP-Minister zurück. „Wir machen genau das Gegenteil. Wir verstaatlichen Schulmodelle. Was bislang exklusiv angeboten wurde, führen wir in öffentlichen Schulen ein. Mir ist wichtig, dass die öffentliche Schule ein Ort ist, an dem jedem Schüler ein Angebot gemacht werden kann.“ Das sei in der Vergangenheit nicht der Fall gewesen und der Grund, warum ein Teil der Schüler gescheitert sei, ins Ausland ging oder, falls es für die Eltern finanziell erschwinglich war, auf eine Privatschule wechselte. Es überrasche ihn deshalb, „wenn eine linksgerichtete Gewerkschaft gegen diese Errungenschaft Sturm läuft“ und bemerkt, dass etwa auf den englischsprachigen Klassen des Lycée Michel Lucius Schüler aus dem Irak, Afghanistan oder Syrien, die als Flüchtlinge ins Land gekommen sind, einen Abschluss gemacht haben, mit dem sie weltweit ein Studium beginnen können. Das „traditionelle Luxemburger System“ hätte das nicht leisten können.

Für die Zukunft plädiert Meisch daher auch dafür, eine Art „Luxemburger Modell“ auszuarbeiten, dass sich alle Akteure und auch die Oppositionsparteien an einem „Bildungstisch“ auf einige große Linien einigen. „Wir brauchen über eine Legislaturperiode hinaus einen gewissen Konsens“, betont Meisch. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass verschiedene Reformen alle fünf Jahre infrage gestellt werden und die Diskussion soll zudem „entpolitisiert“ werden. Mit Blick auf einen solchen „Bildungstisch“ - ein Modell, das sich im Ausland bewährt habe - wurde auch der Weg für die nationale Elternvertretung geebnet.

Als vorteilhaft beschreibt Meisch, die Zusammenlegung der nonformalen und formalen Bildung in einem Ressort, zum Beispiel bei zwei neuen Projekten, die in diesem Herbst auf „Préparatoire“-Klassen anlaufen. Oder in der Kleinkindbetreuung.

Blick ins Regierungsprogramm

Ohne den Bereich Hochschulbildung und Forschung macht die Bildungspolitik etwa neun Seiten im  Regierungsprogramm aus, auf weiteren drei bis vier Seiten folgen die Aspekte Kinderbetreuung und Jugend. Vereinzelte Bildungsprojekte finden sich auch an anderen Stellen des Regierungsprogramms wieder.  Nachstehend eine Auswahl.

Der „plan d’études“ sollte vereinfacht werden, die Zwischenbilanzen sollten verständlicher werden. Der „plan d‘études“ wurde nicht, dafür die „bilans intermédiaires“ vereinfacht und durch ein Benotungssystem von A+ bis D vervollständigt.

In der Berufsausbildung sollte, zusammen mit den betroffenen Akteuren und auf der Grundlage einer tiefgreifenden Evaluierung der Kompetenzunterricht an die Bedürfnisse der Berufsausbildung angepasst werden. Zudem war angekündigt, alle Ausbildungen in Deutsch und Französisch anzubieten. Meischs beabsichtigte „weniger Revolution als vielmehr Evolution“ und schrittweise zusammen mit den verschiedenen Akteuren Verbesserungen zu erreichen. Wichtig sei die Wiedereinführung der Klassenwiederholung gewesen. „Mir ist der Konsens zwischen den Berufskammern, den Schulen und dem Ministerium wichtig“, meint Meisch. Mit dem Resultat, dass die einzelnen Anpassungen eigentlich immer auch von den verschiedenen Akteuren getragen worden seien. Eine dieser Anpassungen, die unter anderem die Wiedereinführung einer Benotung mit bis zu 60 Punkten vorsieht, steht allerdings noch aus. Wirksam werden sollen sie zur „Rentrée“ 2019. Die Arbeiten, um Ausbildungen sowohl in deutscher wie französischer Sprache anbieten zu können, laufen derweil.

Eine Reform des „Régime préparatoire“ sollte in Angriff genommen werden. Eine Reform gab es in dem Sinne nicht. Stattdessen hat der Minister eigenen Aussagen zufolge Wert auf die Schaffung von Alternativen gelegt wie die internationalen oder europäischen Klassen. Seinen Aussagen ist zu entnehmen, dass bislang viele Schüler auf eine „Préparatoire“-Klasse orientiert wurden, weil passende französisch- oder deutschsprachige Ausbildungsgänge fehlten. Dass nach dem letzten Schuljahr weniger Schüler auf eine solche Klasse orientiert wurden (12,2 Prozent, im Jahr zuvor waren es 15 Prozent), wertet Meisch deshalb als Effekt des diversifizierten Schulangebots. Zudem stellte Meisch im Gespräch zwei Projekte in Aussicht, die in diesem Schuljahr anlaufen und Schülern Sozialkompetenzen vermitteln sollen, was ihnen helfen soll, eine Lehrstelle zu finden.

Mehr Autonomie für die Schulen. „Enorm viel Energie wurde freigesetzt“, meint der Minister rückblickend. Von Gewerkschaftsseite geäußerte Befürchtungen hätten sich nicht bewahrheitet. „Die Schulen, die man als Eliteschulen bezeichnen würde, haben diese Chance am wenigsten genutzt“, meint Meisch. Die drei neuen Sektionen im „Enseignement Secondaire Général“ (ESG) wie auch die I-Sektion gehen auf Initiativen von Schulen zurück. Auch mit Blick auf die mögliche Differenzierung der Sektionen auf den höheren Klassen sieht Meisch noch viele Möglichkeiten.

Laut Regierungsprogramm sollte die Regierung zusammen mit der Universität Luxemburg ein Monitoringsystem erstellen, „das es den Schulen und Lyzeen erlaubt, sich selbst zu evaluieren und Strategien zu entwickeln, um die Unterrichtsqualität aufrechtzuerhalten und zu verbessern“.  Herausgekommen ist dabei das achtköpfige „Observatoire de la qualité scolaire“. Ein Präsident steht bereits fest, die weiteren Mitglieder sollten in diesem Herbst genannt werden. Das „Observatoire de la qualité scolaire“ soll sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützen, um die Funktionsweise des Bildungsystems zu analysieren. Das „Observatoire“ bekommt auch Mittel, um mit Hochschulen und Universitäten zusammenzuarbeiten und gezielte Forschungsprojekte zu starten. Denn an „offenen Fragen“ fehle es nicht. Beispielsweise ob und in welchem Maße Luxemburgischkenntnisse bei der Alphabetisierung auf Deutsch hilfreich sind. Oder in welchem Maße das Wechseln der Unterrichtssprache auf Französisch in Nebenfächern für die Sprachentwicklung förderlich ist oder nicht.

Die Lehrerausbildung sollte überarbeitet werden. In der Ausbildung der Grundschullehrer sollte zusammen mit der Universität Luxemburg eine Verstärkung von Didaktik, Pädagogik und der Sprachkenntnisse in der Grundausbildung ins Auge gefasst werden. Das Weiterbildungsinstitut IFEN sollte zudem mehr Missionen bekommen. Mit dem von der Universität Luxemburg seit 2016/17 organisierten „Master in Secondary Education“ können Bachelorabsolventen einen Master mit Schwerpunkt auf Didaktik absolvieren. Meisch hebt ebenfalls die Verdopplung der obligatorischen Weiterbildungsstunden (48 Stunden über den Zeitraum von drei Jahren) hervor. Das IFEN sei derweil ein „Motor“ für Qualität in der Schule.

Beim Thema Sprachen sollte eine Bilanz des „Précoce“ gezogen werden. Gleichzeitig fasste die Regierung zunächst auch Programme für eine französische Alphabetisierung ins Auge. In diesem Dossier gab es allerdings reichlich Bewegung. „Der Précoce ist noch immer ein gutes Instrument, um Schüler früh an das Schulsystem heranzuführen und früh Luxemburgisch zu vermitteln“, meint Meisch. Ein Pilotprojekt zur Alphabetisierung auf Französisch wurde zwar durchgeführt, doch von einer Verallgemeinerung sah man ab. „Kohärenz bekommen wir nicht unbedingt dadurch, dass wir auf Französisch alphabetisieren“, meint Meisch und nennt das Beispiel eines Kindes mit Portugiesisch als Muttersprache, dass zunächst viel Luxemburgisch aufschnappt, bevor es als dritte Sprache dann ohne Vorkenntnisse Französisch lernen soll. Das Ergebnis dieses Denkprozesses besteht darin, Kinder frühzeitig auf informelle Art und Weise sowohl an das Luxemburgische wie das Französische heranzuführen.

Mittelfristig visierte die Dreierkoalition auch eine kostenlose Kinderbetreuung an, wobei in einer ersten Phase Kleinkindern bis drei Jahren Priorität eingeräumt werden sollte. Für Meisch wurden die Diskussionen zu diesem Thema zum Teil ideologisch geführt, so als wenn jedes Kind in einer Kinderkrippe gehen müsste. „Die formale und nonformale Bildung sind zwei gleichwertige Säulen eines Bildungssystems. Da kann es eigentlich nicht sein, dass ein Teil etwas kostet und der andere nicht“. Seit vergangenem Herbst gibt es für das Programm der Sprachenfrühförderung bis zu 20 Gratis-Stunden. Warum 20 Stunden? „Das sollte ausreichen, um die Entwicklung des Kindes zu begünstigen“, führt Meisch aus, und könnte auch dazu beitragen, ungleichen Bildungschancen entgegenzuwirken. Für einen weiteren Ausbau des kostenlosen Angebots spricht sich der DP-Politiker allerdings vorerst nicht aus. Zunächst sollte man das bestehende Modell evaluieren. Für den nonformalen Bereich wurden außerdem Qualitätskriterien im Bildungsrahmenplan definiert.

Für reichlich Diskussionsstoff sorgte die beabsichtigte Einführung eines Werteunterrichts, der den Religions- und Moralunterricht sowohl in der Grund- wie auch in der Sekundarschule ersetzen sollte. Meisch weist darauf hin, dass laut einer von der DP in Auftrag gegebenen Umfrage etwa zwei Drittel der Befragten die Einführung des „vie et société“-Faches begrüßen. In beiden Lagern habe es „extreme Positionen“ gegeben, erinnert er sich, sodass sich Meisch irgendwann die Frage gestellt habe: „Wer steht hier eigentlich für mich als Vater?“. Der liberale Minister ist der Ansicht, dass „Leben und Gesellschaft“ „das ist, was Luxemburgs Gesellschaft gebraucht hat“.

Das Weißbuch über das „Lifelong Learning“ wird nach und nach in Zusammenarbeit mit den implizierten Partnern umgesetzt. Das wird es laut Aussagen des Ministers auch. Die Abteilung für Erwachsenenbildung biete mehr Weiterbildungen an, auch das nationale Spracheninstitut sei breiter und regional besser aufgestellt - mit Ausbaupotenzial. Eine Aufgabe für die Zukunft sieht Meisch noch bei der Qualität der Weiterbildung. Der Staat sei in der Regel nicht Anbieter von Kursen, subventioniere aber Angebote von privaten Anbietern vergleichsweise viel. „Ich denke wir müssen Qualitätskriterien definieren und uns die Mittel geben, diese zu kontrollieren“, meint Meisch.

Eine Jugendschutzreform sollte schnell in Angriff genommen werden („Le Gouvernement estime qu’il y a urgence de légiférer en la matière“). Ganz so schnell ging es dann aber doch nicht voran in diesem Dossier, in dem Justizminister Félix Braz (déi gréng) „den Lead hat“. Der Regierungsrat hat zwar einen Gesetzesentwurf gutgeheißen, der in diesem März öffentlich vorgestellt wurde, allerdings besteht nach Aussage Meischs noch in verschiedenen Punkten Nachbesserungsbedarf.