LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Mercedes wechselte 2017 nach über hundert Jahren im Familienbesitz in Schweizer Hände – Hier erklären die neuen Eigner im Exklusivinterview, was sie vorhaben

Mercedes und Luxemburg: Das ist eine lange Geschichte. Seit 112 Jahren ist die Marke mit dem Stern hier präsent. 90 Jahre lang gehörte sie der Gruppe „Meris & Cie“, hinter der die Familien Meris und Mangen stand. Meris verkaufte die Anteile 1997 an den Daimler-Konzern in Stuttgart, der die verbleibenden 40 Prozent von der Familie Mangen aufkaufte. Dann gab es eine Periode, in der der Deutsche Michael Schiebe in Luxemburg das Regiment führte, medienscheu und mit teils die Belegschaft verunsichernden Methoden. Damit ist Schluss, seit Merbag nach langen Verhandlungen im Juli 2017 und mit einem Ergänzungsvertrag im Dezember 2017 übernommen hat. Das Schweizer Haus, das auf eine lange Tradition in der Alpenrepublik zurückblickt, ist so etwas wie der ideale Übernahmepartner. In der Schweiz gehören 33 Filialen mit rund 1.500 Mitarbeitern zur Merbag, die somit der größte Schweizer Vertragshändler für Mercedes ist. Es gibt Parallelen zu Luxemburg. Auch in der Schweiz reicht die Geschichte des Mercedes-Handels weit zurück, bis 1912, und begann als Familienunternehmen.
Mit ruhiger Hand und diskreter Expansion haben die Schweizer bereits sechs Konzessionen in und um Mailand erworben. Zwar wollten sie nicht so schnell weiter zukaufen. Doch die Gelegenheit in Luxemburg war zu gut. Seit sie die zehn Millionen Aktien im Wert von je einem Euro, die das Kapital des Unternehmens darstellen, erworben haben, fahren Marcel Meier und Roger Ruchti einen zurückhaltenden, diskreten Kurs, der bei den Mitarbeitern gut ankommt. Die beiden haben alle europäischen Aktivitäten der Gruppe unter „Merbag Europe S.A.“ in einer „Holding“ zusammengefasst, die in Hollerich ihren Sitz hat. Darunter fällt jetzt neben Italien und der Schweiz auch Luxemburg als „Merbag S.A.“ mit Sitz in der Rue de Bouillon und Filialen in Hollerich, Leudelingen, Esch, Diekirch (Garage Jean Wagner) sowie auf Roost. Insgesamt arbeiten über 500 Mitarbeiter bei Merbag Luxemburg.
Mit dem „Journal“ sprachen Meier und Ruchti exklusiv über ihre Pläne für Luxemburg. Es ist ein seltenes Interview, denn die neuen Eigner wollen vor allem die Verantwortlichen vor Ort in den Fokus stellen. Meier (60) hat als Verkaufsleiter begonnen und ist heute Verwaltungsrat und seit über 30 Jahren bei Merbag in der Schweiz. Ruchti (38) arbeitet seit 22 Jahren für die Marke mit dem Stern, bei der er eine kaufmännische Ausbildung gemacht und sich dann auf dem zweiten Bildungsweg hochgearbeitet hat. Heute ist er Direktor und „Chief Operations Officer“.

Herr Meier, warum sind Sie und Ihr Kollege so medienscheu?
Marcel Meier Wir stehen auch in der Schweiz selten im Licht der Öffentlichkeit, denn wir führen die Filialen wie eigene Unternehmen und jeder Filialleiter steht da im Vordergrund. Auch als wir im Frühjahr in Italien die sechs Mailänder Konzessionen gekauft haben, waren wir sehr zurückhaltend. Wir haben dort verantwortliche Geschäftsführer, die die Marke nach außen repräsentieren; genauso wie hier mit Patrick Schmit und Eric Bailleul. Wir wollen lokale Führungskräfte, die regional verankert sind und mit einem hohen Maß an Unabhängigkeit arbeiten. Wir versuchen, Inputs und Ideen zwischen den verschiedenen Ländern auszutauschen. Natürlich haben wir auch Vorstellungen, wie das Geschäft laufen soll. Deshalb sind wir zurzeit sehr oft hier, nämlich vier Tage die Woche. Wir haben jeder eine Wohnung in der Stadt und sind schnell vor Ort. Langfristig soll sich das auf rund hundert Tage im Jahr reduzieren, wir müssen uns ja auch um Italien und die Schweiz kümmern.
Roger Ruchti Es ist auch eine Frage der Glaubwürdigkeit. Wir wollen regionale Leute, die hier verankert sind. Im Moment ist es wichtig, näher am Kunden zu sein. Darauf beruht auch unser Erfolg in der Vergangenheit. Wir setzen auf langfristige Beziehungen, die sich über Jahre entwickeln und festigen.

Warum wollten Sie Filialen in Luxemburg kaufen?
Meier In der Schweiz können wir nicht weiter zukaufen, weil wir sonst zu groß sind. Also war es eine Frage eines anderen Produkts oder eines Gangs ins Ausland. Wir haben mit Daimler in Stuttgart gesprochen. Dort hat man uns im Frühjahr 2016 Mailand und Luxemburg angeboten. Dass wir so kurz hintereinander gekauft haben, war zwar jetzt sehr schnell, aber es ging nicht anders. Hier einzusteigen war eine sehr gute Entscheidung. So eine Gelegenheit kann man sich nicht entgehen lassen.

Wie haben Sie die Filialen vorgefunden, wie wurden Sie aufgenommen?
Ruchti Die Mitarbeiter haben sehr positiv reagiert. Sie waren sehr professionell und fachlich versiert. Wir wurden freundlich aufgenommen, nachdem die erste Unsicherheit vorbei war.
Meier Wir haben uns nach der Kaufunterzeichnung im Sommer am 25. Juli 2017 offiziell vorgestellt. Wir wollen hier die Merbag-Kultur vermitteln. Dazu gehört absolute Ehrlichkeit und Informationen, auch, wenn es mal Fehler gab. Sehr wichtig ist uns Kundenzufriedenheit. Bei diesem Aspekt sehen wir noch Potenzial. Wir möchten diese Kultur vorleben und so vermitteln. Deshalb sind wir hier vor Ort. Es ist ein ständiger Prozess.


Gibt es Produkte, die in Luxemburg besser laufen als in der Schweiz oder Norditalien?
Ruchti Das Sortiment ist überall gleich. In Italien haben wir den Smart, der hier nicht steht. Dafür verkaufen wir hier Busse. Aber grundsätzlich ist das Angebot dasselbe. Wir haben jetzt eine Phase, die sehr positiv ist. In den vergangenen sechs Jahren sind tolle Produkte auf den Markt gekommen. Der Modell-Mix ist hier ähnlich wie in der Schweiz. Es gehen vor allem schöne, emotionale Fahrzeuge.

In Ihrem neuen Show-Room werben Sie auch mit „She Mercedes“. Wollen Sie Kundinnen gewinnen?
Ruchti Wenn ich mir den Show-Room ansehe, dann gibt es jetzt schon viele Interessentinnen. Die Produktpalette für Fahrzeuge deckt deren Interessen ab. Der Trend geht aber auch bei Frauen klar zum SUV.

Was fahren Sie selbst derzeit?
Ruchti Einen GLE 350
Meier Ich fahre einen S Coupé. Aber wir wechseln alle sechs Monate. Ich fahre auch nicht immer. Aus der Stadt kann ich schon mal in einer halben Stunde zu Fuß bei schönem Wetter herlaufen.

Lohnt sich angesichts der detaillierten, kostspieligen Auflagen des Daimler-Konzerns, die bis hin zur Kachelgröße und –farbe reichen, und angesichts eines Wachstums von weniger als einem Prozent das Geschäft noch?
Meier Durch die verschiedenen Niederlassungen profitieren wir natürlich von einem Effekt der „economies of scale“. Da die Komplexität der Aufgaben in den vergangenen Jahren stark gestiegen ist, versuchen wir, hier unsere Filialen zu unterstützen. Ansonsten wollen wir Lösungen finden, die Sinn machen und die in einem gegebenen Zeitfenster möglich sind. Wir suchen da den Dialog.

Warum will Daimler privat geführte Filialnetze? Der Konzern führt auch selbst Niederlassungen.
Meier Sicher, die Möglichkeit, dass Daimler selbst führt, gibt es vor allem in Deutschland an großen Standorten. Die Strategie ist so, dass sie das Geschäft vor allem im Ausland privaten Betreibern anvertrauen. In den vergangenen Jahren hat Daimler 70 bis 80 Betriebe verkauft. Die saarländischen Konzessionen wurden beispielsweise 2015 an die Gruppe Torpedo verkauft, die in Kaiserslautern ihren Sitz hat.

Wollen Sie noch mehr zukaufen?
Meier Wie jedes Unternehmen wollen auch wir wachsen. Im Moment aber müssen wir erstmal diese Übernahme verdauen. Das kam ja jetzt sehr schnell hintereinander.

Arbeiten Sie mit Schweizer Banken?
Meier Nein, wir arbeiten mit Banken vor Ort – in diesem Fall der BCEE – und kaufen auch möglichst vor Ort ein.

Hat das Auto noch Zukunft angesichts von Dieselgate, selbstfahrenden Autos und möglichen Fahrverboten in Städten?
Meier Zurzeit weiß das keiner. Es ist auch unklar, wie es mit Diesel, Benzin, Wasserstoff und E-Antrieben weitergeht. Die Werke werden beispielsweise zurzeit so ausgerüstet, dass Diesel, Benzin oder E-Antriebe auf einer Spur montiert werden können. Der Bedarf nach Flexibilität und die politische Agenda machen Voraussagen für die nächsten zehn bis 20 Jahre schwierig. Wir denken, dass der Anteil an E-Autos zunimmt und diese auch noch mehr Reichweite erreichen können.
Ruchti Es gibt auch Unsicherheit, weil sich die Kundenbedürfnisse stark verändern. Junge Leute setzen eher auf „Car Sharing“. Da werden Antworten kommen, denn diese Richtung gewinnt an Einfluss.

Mercedes unter Schweizer Führung

Merbag Luxembourg

Das Akronym Merbag entstand aus „Mercedes Benz Automobil AG“. Das 1912 als Familienunternehmen gegründete Schweizer Mercedes-Haus wuchs und wurde zu Merbag, die in der Schweiz 33 Filialen hat und rund 1.500 Mitarbeiter beschäftigt. Pro Jahr werden dort rund 13.000 Pkw sowie 3.000 Nutzfahrzeuge verkauft. 2017 erwarb die Merbag sechs Mercedes-Filialen in Mailand. Im gleichen Jahr wurde der Kauf der fünf Luxemburger Filialen abgeschlossen und die Europa-Holding bezog hier ihren Sitz. CC