LUXEMBURG
LUC SPADA

In den letzten Wochen stoße ich immer wieder auf eine Werbeanzeige eines Unternehmens, das sein Nährstoffpulver an die Frau und den Mann bringen will. Ein Nährstoffpulver, das den gesamten körperlichen Tagesbedarf an Proteinen, Kohlenhydraten, Vitaminen und was weiß ich, was der Körper noch braucht, abdeckt.

Ganz unkompliziert. Super gesund. Glutenfrei. Vegan. Laktosefrei. Verschiedene sehr authentische Geschmacksrichtungen und alles selbstverständlich biologisch an-, auf-, ab- und zusammengebaut.

Gemahlene Bio-Kokosnuss. Gemahlene Bio-Sonnenblumenkerne. Bio-Leinsamen und wenn du gleich für 5.000 Euro Pulver kaufst, gibt es ein T-Shirt und einen Shaker umsonst dazu.

In einen solchen Shaker kommt das Pulver rein, etwas Wasser oder irgendeine andere Flüssigkeit (von Alkohol wird abgeraten) dazu, schütteln, trinken, und ist der Shaker leer, ist der Magen voll und eine gesamte Mahlzeit innerhalb von 30 Sekunden geschluckt, also gegessen, ganz ohne Zahneinsatz und Zeitverlust und doch super gesund, sprich: kein Fast Food. Super gut.

Natürlich schreibe ich das nicht nur, weil ich jede Woche irgendwas schreiben muss, sondern weil ich mich empören will. Ja, ich will mich beschweren, denn eines der Hauptargumente dieser Pulver-Firma ist, dass nie wieder sinnlos Zeit für die „Aktion Essen“ verschwendet werden und draufgehen muss, denn eine Portion Pulver ersetzt eine komplette Mahlzeit.

Unheimlich. Was ist denn bitte wichtiger, als sich Zeit für ein gutes Essen zu nehmen? Bestenfalls in Gesellschaft. Ah, ich kann ihn schon fühlen, lautstark und intensiv höre ich ihn protestieren, wenn Essen nicht gewürdigt und als Last bezeichnet wird: Der Luxemburger in mir. Nichts geht über ein gutes, einfaches Essen. Idealerweise gut fettig, in üppiger Quantität und mit viel Wein und Schnaps zum Abgang und Untergang. Da sind wir uns dann auch einmal einig, der Luxemburger und ich.

Es geht ums ehrliche Essen. Demnach gehören diese tempel-ähnlich anmutenden fress-faschistischen Super-Food Buden, deren Besitzer und Gäste sektenähnliche Züge aufweisen und jeden Chia-Samen zweimal streicheln, bevor er den Weg in das heilige Innere findet, nicht dazu. Noch schrecklicher und unehrlicher ist es allerdings, die Nahrungsaufnahme auf ihre zeitliche Effizienz zu überprüfen und den Aspekt des Genusses nicht wertzuschätzen. Wenn alles nur noch in kleinen Päckchen, fertig vom Laufband daherkommt, um bloß keine Zeit zu verlieren, um mehr Zeit für Arbeit und Steuererklärung zu haben, dann dauert es nicht mehr lange, bis wir unser Bier und unseren Gin Tonic aus Kapseln trinken und uns in Cafés über Schutzscheiben hinweg unterhalten, um nicht mit den potenziellen Krankheitserregern der Person gegenüber in Kontakt zu geraten. Effizient, sauber, aber leider scheiße.